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Blick von der Chausseestraße aus: links die beiden Torhäuser aus Naturstein, rechts das Hauptgebäude mit der Aluminium-Fassade.
Blick von der Chausseestraße aus: links die beiden Torhäuser aus Naturstein, rechts das Hauptgebäude mit der Aluminium-Fassade.(Foto: S. J. Müller)
Sonntag, 21. Januar 2018

Geheimdienst mit Besucherzentrum: In der neuen BND-Zentrale in Berlin

Von Markus Lippold

14.000 Fenster und ein Besucherzentrum. Das klingt nicht nach Geheimdienst, gehört aber zur neuen BND-Zentrale in der Hauptstadt. Sie soll für eine neue Offenheit stehen, ein neues Selbstbewusstsein der Behörde. Doch bis dahin ist es ein langer Weg.

Sogar Palmen gibt es. Sie sind aus Metall, stehen an der Rückseite der neuen BND-Zentrale in Berlin und verleihen dem Ganzen eine ironische Note. Man kann auch den Ort selbst, an dem das größte Bauprojekt des Bundes seit dem Zweiten Weltkrieg entstanden ist, mit einem Augenzwinkern betrachten: Hier, an der Chausseestraße im Osten der Hauptstadt, stand einst das Walter-Ulbricht-Stadion.

Palme in Berlin: Ein Detail am Rande der BND-Zentrale.
Palme in Berlin: Ein Detail am Rande der BND-Zentrale.(Foto: A. L. Obst & M. Schmieding)

Doch der Kalte Krieg ist vorbei. Das hat auch die Arbeit des deutschen Auslandsgeheimdienstes verändert, und sein Selbstverständnis. "Der Bundesnachrichtendienst gehört in die Mitte Berlins, in die Nähe der Bundesregierung", sagt Geheimdienst-Chef Bruno Kahl am Rande eines Podiumsgesprächs mit Architekt Jan Kleihues in Berlin. Im neuen Hauptquartier des Dienstes präsentieren beide den bei Hatje Cantz erschienenen Bildband "BND. Die Zentrale", der einen vorsichtigen Blick in das Gebäude gewährt.

Vorsichtig deshalb, weil das Innenleben natürlich doch zum großen Teil geheim bleiben soll. Bilder von den Büros sucht man bis auf eine Ausnahme vergeblich, von den technischen Räumen und Rechenzentren ganz zu schweigen. Dafür gibt es Einblicke in holzvertäfelte Treppenhäuser und die luftigen Atrien des Hauptgebäudes, auf kalte Betonböden, aber vor allem auf die Fassade. Der prächtig gestaltete Bildband gewinnt der Außenhülle immer neue Perspektiven ab, zwischen betonstarrender Monumentalität und detailfreudiger Verspieltheit. Die Bilder enthüllen dabei mehr über Mentalität und Selbstdarstellung des BND als über seine konkrete Arbeit. So viel allerdings verrät der Präsident des Geheimdienstes: Von seinem Büro im siebten Stock aus blickt er auf Parlament und Bundeskanzleramt, die Orte der Geheimdienstkontrolle.

Blick in das Große Atrium
Blick in das Große Atrium(Foto: A. L. Obst & M. Schmieding)

Der Umzug der Zentrale ist auf vielfache Weise eine Zäsur für den Dienst: Haupt- statt Kleinstadt, Regierungsnähe statt -ferne, Nord- statt Süddeutschland. Aber auch: Öffnung statt Abschottung, ein offensives Verhältnis zur Gesellschaft statt ein defensives. Der Umzug soll das Image der vielgeschmähten Schlapphüte verbessern, zu einer Entzauberung beitragen. Aus Neugierde der Anwohner soll ein gelassener Umgang werden. Es geht hier weniger um James Bond als um Verwaltungsbeamte. Kooperation und Sichtbarkeit - dafür steht laut Kahl der Neubau. Im Südgebäude soll sogar ein Besucherzentrum für Passanten öffnen. Das ist weltweit einmalig für einen Geheimdienst.

Ein "selbstbewusster Nachrichtendienst"

Bisher residiert der BND in Pullach bei München, auf einem abgeschotteten Gelände mit mehreren Häusern - sie waren als Teil der Reichssiedlung Rudolf Heß in den 1930er-Jahren entstanden. Von einer "verschworenen, fast dörflichen Gemeinschaft" spricht Kahl. Doch nun gebe es eine 180-Grad-Wende: Auf 260.000 Quadratmeter Bruttogeschossfläche kommt das Berliner Gebäude, 5200 Räume stehen hier für etwa 4000 Mitarbeiter bereit. 1,1 Milliarden Euro hat das gekostet, statt der anvisierten 720 Millionen - schuld seien Umplanungen und das Ausschreibungsverfahren, heißt es. Nicht zu vergessen der Skandal um abmontierte Wasserhähne. 400 Millionen Euro kosten Ausstattung und Umzug zusätzlich. Bis Ende des Jahres soll das Haus komplett bezogen sein, dann arbeiten erstmals alle Geheimdienstler unter einem Dach, abgesehen von einem Technikcluster, der in Pullach bleibt.

Das Kunstwerk von Stefan Sous steht zwischen den beiden Torhäusern und ist von außen sichtbar.
Das Kunstwerk von Stefan Sous steht zwischen den beiden Torhäusern und ist von außen sichtbar.(Foto: A. L. Obst & M. Schmieding)

Es dürfte für viele zunächst eine ungewohnte Umgebung sein: Der Neubau steht mitten in der Stadt, nicht weit entfernt von Naturkundemuseum und Dorotheenstädtischem Friedhof. Ein Supermarkt befindet sich gegenüber, Versicherungsbüro, Fitnessstudio und Geschäfte gibt es in unmittelbarer Nachbarschaft. Undenkbar für Pullach - hier aber normal. Der BND zeigt sich. Kahl spricht von einem "selbstbewussten Nachrichtendienst".

Da darf Monumentalität nicht fehlen. Angesichts der Ausmaße des Baus kein Wunder. In der Realität wirkt das Gebäude aber nicht so überwältigend wie gedacht. Einerseits, weil das Gelände abgesenkt wurde, der fensterlose Sockel ist gar nicht erst sichtbar. Andererseits, weil das Hauptgebäude wegen des Sicherheitsabstandes von 30 Metern nicht direkt an der Straße steht. Mitarbeiter, aber auch Besucher erreichen den Haupttrakt über zwei Torhäuser, die als Eingangsbereich dienen. Hier meldet man sich an, wird kontrolliert, werden mitunter Handys und elektronische Geräte abgegeben. Hier finden sich Konferenzräume, die künftig auch externen Veranstaltungen offenstehen sollen - wie eben der Buchpräsentation.

Licht und Schatten - Blick in das Treppenhaus eines Torhauses.
Licht und Schatten - Blick in das Treppenhaus eines Torhauses.(Foto: A. L. Obst & M. Schmieding)

Schon die beiden Torhäuser zeigen: Der Bau ist kein mächtiger Klotz wie so manches andere Berliner Verwaltungsgebäude aus Preußen- oder Nazizeit. Vielmehr spielt die offene Grundstruktur mit dem "Wechsel der Tiefen", wie es Architekt Kleihues formuliert. Unterschiedliche Fassadengestaltungen - mal Naturstein, mal Aluminium, das sich je nach Sonneneinstrahlung farblich verändert - sollen für Abwechslung sorgen. Hinzu kommen Kiefern an der Straßenseite, deren krumme Unperfektheit die Fassade kontrastiert.

Diese Fassade mit ihrer monumentalen Gleichförmigkeit und Wiederholung scheidet die Geister. An die 14.000 Fenster wurden verbaut - schmale Öffnungen, wie sie derzeit in Berlin immer wieder bei Neubauten anzutreffen sind, man muss nur mal mit der Stadtbahn durch Mitte fahren. Die "Berliner Zeitung" ächzt über die "Stäbchen-Fenster-Stäbchen-Architektur", die die Glasfassaden der 1990er-Jahre abgelöst hat. Man denkt an Schießscharten, an eine Festung. Oder passenderweise an die aufgereihten Festplatten riesiger Datenspeicher.

"Kleihues + Kleihues: BND. Die Zentrale" ist bei Hatje Cantz erschienen, 128 Seiten gebunden, Deutsch und Englisch, 40 Euro.
"Kleihues + Kleihues: BND. Die Zentrale" ist bei Hatje Cantz erschienen, 128 Seiten gebunden, Deutsch und Englisch, 40 Euro.

Das Raster symbolisiert aber auch Ordnung, Gleichmäßigkeit, mithin etwas Behördliches. Wer das nicht mag, wird auch mit dem BND-Gebäude nichts anfangen können. Doch egal, wie man dazu steht, der Schauspieler Hanns Zischler bringt es beim Podiumsgespräch auf den Punkt: "Man kann nicht unbeeindruckt an dem Haus vorübergehen."

Dienstleister statt Schmuddelkind

Die Ähnlichkeit der Fassade zu anderen Gebäuden des Regierungsviertels kann man allerdings auch als Zeichen der Einordnung lesen: Der BND will nicht mehr das Schmuddelkind sein, das sich im bayerischen Wald versteckt. Man will als normale Behörde wahrgenommen werden, als Dienstleister der Regierung, der eine wichtige Aufgabe in der deutschen Sicherheitsarchitektur übernimmt. So wie es die angelsächsischen Dienste vormachen. Man sieht sich auf Augenhöhe. Ein bisschen Protz gehört da wohl dazu, es ist nicht die Zeit für geheimdienstliche Bescheidenheit. Der Platz für mögliche bauliche Erweiterungen, falls die Mitarbeiterzahl weiter aufgestockt werden sollte, ist jedenfalls schon da.

Für ein neues Image braucht es allerdings mehr als eine Zentrale in der Mitte der Hauptstadt. Der Ruf des BND leidet nicht zuletzt unter hausgemachten Fehlern und veralteter Geheimdienst-Mentalität. Da geht es nicht nur um Gesetzesverstöße der Vergangenheit, um die Bespitzelung Willy Brandts oder die enge Zusammenarbeit mit der NSA, sondern um die derzeitige Arbeit. Das Bundesverwaltungsgericht rügte erst im Dezember die Speicherung der Metadaten von Telefonaten ins Ausland. Zur selben Zeit beschwerte sich das sogenannte Unabhängige Gremium, das als Folge der Reform des BND-Gesetzes entstand, dass es vom Geheimdienst in seiner Kontrollfunktion behindert werde.

Während BND-Präsident Kahl den Umzug in die neue Zentrale mit Öffnung und Sichtbarkeit gegenüber der Gesellschaft in Verbindung bringt, bleibt es bei anderen Punkten beim Alten. Dabei ist eine umfassende Geheimdienst-Kontrolle essentiell, wenn der Dienst ein neues Kapitel aufschlagen will - nach dem Vorbild von CIA oder MI6, die weit stärker an die Kandare genommen werden. Selbstbewusst präsentiert sich der BND in Berlin. Es ist jedoch zu befürchten, dass es noch eine Weile dauert, bis der Pullacher Dienst wirklich in der Hauptstadt ankommt.

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Quelle: n-tv.de