Jetzt bekommt auch Ozon LöcherKiews Drohnen verschonen Wildberries' großen Rivalen nicht mehr
Von Uladzimir Zhyhachou
Der zweitgrößte russische Online-Marktplatz gilt lange als Gewinner der Angriffe auf den Konkurrenten Wildberries. Nun wird Ozon selbst zum Ziel ukrainischer Drohnen. Kiew spricht von "Ozonlöchern"- doch warum reißt die Ukraine diese Löcher jetzt erst?
"Wir sind nicht Wildberries, fliegt weiter" - diese angebliche Botschaft an ukrainische Drohnenpiloten soll auf dem Dach eines Lagers des russischen Versandriesen Ozon gestanden haben. Das Bild wurde in sozialen Netzwerken millionenfach verbreitet, auch russische, ukrainische und westliche Medien griffen es auf. Doch die Aufnahme ist nachweislich KI-generiert.
Trotzdem passt die Fälschung gut zu der Stimmung, die bei Ozon zuletzt geherrscht haben dürfte. Denn der Versandhändler ist der zweitgrößte Online-Marktplatz Russlands - und lange Zeit blieb der Konzern von einer ukrainischen Drohnenkampagne verschont, die seinen größeren Konkurrenten Wildberries schwer traf.
Das ist nun vorbei. Seit dem 22. August sind innerhalb von drei Nächten sechs Ozon-Standorte in Russland zum Ziel ukrainischer Drohnen geworden. Zunächst traf es ein Logistikzentrum in Tschapajewsk in der Region Samara, wo ein Feuer ausbrach und der Betrieb unterbrochen wurde. In der folgenden Nacht wurde ein Ozon-Lager in der Region Orenburg beschädigt. In der Nacht zum Montag gerieten schließlich drei weitere Standorte ins Visier: in Machatschkala, Adygeja und Newinnomyssk.
Nach einer Auswertung unabhängiger Medien wurden in den drei Tagen insgesamt rund 233.000 Quadratmeter Lagerfläche getroffen. Das entspricht ungefähr sechs Prozent der gesamten Lagerfläche von Ozon - oder der Fläche von etwa 33 Fußballfeldern. Ozon trifft es bislang weniger hart als Wildberries. Doch der Vergleich zeigt, wie groß die Dimension der ukrainischen Kampagne ist.
Seit dem 18. Juli hat die Ukraine mehr als 20 Standorte von Wildberries angegriffen. Eine Reuters-Auswertung von Satellitenbildern ergab Anfang August, dass bereits mindestens 1,18 Millionen Quadratmeter Lagerfläche beschädigt oder zerstört waren, spätere Angriffe dürften die Zahl weiter erhöht haben. Laut dem Exilmedium Meduza hat der Marktführer inzwischen rund 40 Prozent seiner gesamten Lagerfläche verloren.
Für Wildberries wurde der Krieg damit zu einem massiven Geschäftsproblem. Lager brannten, Lieferungen verzögerten sich, Händler verloren Ware und Betreiber von Abholstationen gerieten unter Druck. Ozon wiederum profitierte zunächst sogar davon, dass Bestellungen und Warenströme des Konkurrenten auf die eigene Plattform auswichen. Nun wird aus dem vermeintlichen Gewinner selbst ein Ziel.
"Langstreckensanktionen"
Kiew macht keinen Hehl daraus, dass die Angriffe auf die Logistikzentren Teil einer gezielten wirtschaftlichen Kampagne sind. Nach dem ersten Angriff auf Ozon erklärte das ukrainische Verteidigungsministerium, nach Wildberries sei nun Ozon "an der Reihe". In einem Telegram-Post unter dem Titel "Ozonlöcher" bezeichnete das Ministerium die Angriffe als "Langstreckensanktionen".
Die Begründung: Die großen Marktplätze seien nicht bloß Versandhändler. Sie verfügten über riesige Logistiknetze, wickelten Milliarden von Bestellungen ab und könnten nach ukrainischer Darstellung auch Waren mit doppeltem Verwendungszweck an russische Kunden bringen. Die Angriffe sollen deshalb die Logistik erschweren und die wirtschaftlichen Kosten des Krieges erhöhen.
Wildberries und Ozon dominieren den Onlinehandel in Russland. Im ersten Halbjahr 2026 entfielen rund 84 Prozent aller Paketsendungen im russischen Onlinehandel auf die beiden Plattformen. Insgesamt wurden in diesem Zeitraum rund 4,5 Milliarden Pakete verschickt. Beide Unternehmen werden deshalb häufig mit Amazon verglichen.
Für Ozon wird es teuer
Die Folgen sind inzwischen auch an der Börse zu sehen. Ozon ist im Gegensatz zu Wildberries börsennotiert - und Anleger reagierten unmittelbar auf die Angriffe. Die Aktie verlor am Montag zeitweise fast 30 Prozent, bevor sie einen Teil der Verluste wieder wettmachte.
Dabei ist Ozon finanziell nicht gerade unangreifbar. Der Konzern wächst zwar rasant, schreibt aber weiterhin Verluste. Weitere zerstörte Lager, unterbrochene Lieferketten und mögliche Entschädigungen für Händler kommen deshalb zu einem ohnehin kapitalintensiven Geschäftsmodell hinzu.
Eine Pleite in naher Zukunft halten die Experten dennoch für unwahrscheinlich. Ozon sei breiter aufgestellt als Wildberries, verfüge über ein großes Logistiknetz und habe mehrere Geschäftsbereiche aufgebaut, wird der Investmentexperte Artjom Nikolajew von BBC Russia zitiert. Die Angriffe dürften deshalb zunächst vor allem die Kosten erhöhen, das Wachstum bremsen und das Vertrauen von Händlern und Investoren belasten.
Politisch vernetzt - aber anders als Wildberries
Wildberries ist über den Zusammenschluss mit dem Werbeunternehmen Russ eng mit Teilen des russischen Macht- und Wirtschaftssystems verbunden. Mit Blick auf die tatsächlichen Nutznießer der Russ-Strukturen gibt es seit Jahren Berichte über eine Nähe zum Dagestaner Milliardär und Senator Suleiman Kerimow. Gleichzeitig ist der staatlich kontrollierte Bankkonzern VTB inzwischen strategischer Partner von Wildberries.
Bei Ozon ist die Eigentümerstruktur transparenter, aber ebenfalls nicht frei von politischen Spekulationen. Das Exilmedium The Bell berichtete unter Berufung auf Marktquellen, hinter dem größten privaten Anteilseigner könnten Strukturen des Putin-Vertrauten Juri Kowaltschuk stehen. Die Darstellung ist allerdings nicht öffentlich bestätigt.
Der Unterschied könnte erklären, warum Wildberries zuerst und Ozon erst später ins Visier der Ukraine geriet. Bei Wildberries waren die mutmaßlichen Verbindungen zum russischen Staat und zum militärisch-industriellen Komplex stärker im Fokus. Bei Ozon sind solche Verbindungen nicht unmittelbar sichtbar.
Russland "antwortet" mit Angriffen auf Zivilisten
Der Kreml hat die Angriffe scharf verurteilt. Präsident Wladimir Putin erklärte vergangene Woche, die Ukraine habe mit ihren Angriffen auf russische Wirtschaftsobjekte eine "Büchse der Pandora" geöffnet. Russland werde in besonders empfindlichen Wirtschaftsbereichen antworten. Kremlsprecher Dmitri Peskow verwies nach den ersten Ozon-Angriffen erneut auf diese Drohung. Die russischen "Antworten" seien in der Ukraine "jeden Tag, jede Nacht" zu spüren.
Eine neue, gezielt gegen ukrainische Unternehmen gerichtete russische Kampagne lässt sich bislang allerdings nicht beobachten. Angriffe auf ukrainische Häfen, Logistikzentren und Energieanlagen gehören seit Beginn des russischen Großangriffs ohnehin zum Kriegsgeschehen. Auch die ukrainische Zivilbevölkerung ist massiv betroffen: Nach Angaben der Vereinten Nationen war der Juli 2026 der tödlichste Monat für Zivilisten in der Ukraine seit den ersten Monaten des russischen Großangriffs vor mehr als vier Jahren.
Die Drohnenangriffe auf Wildberries und Ozon markieren dennoch eine neue Dimension: Die Ukraine versucht zunehmend, den Krieg direkt in die wirtschaftlichen Abläufe Russlands zu tragen - und trifft dabei nicht nur Ölraffinerien und militärische Anlagen, sondern die Infrastruktur des täglichen Konsums. Und Moskau reagiert darauf inzwischen nicht mehr nur mit Drohungen. Am Montag unterzeichnete Kremlchef Wladimir Putin ein Dekret, das dem russischen Staat erlaubt, die vorübergehende Kontrolle über kritische Infrastruktur zu übernehmen, wenn diese aus Sicht der Behörden unzureichend gegen Drohnenangriffe geschützt ist. Betroffen sein können unter anderem Anlagen aus den Bereichen Energie, Verkehr, Kommunikation und Logistik.
Ob Ozon und Wildberries unter die neue Regelung fallen, ist bislang nicht bekannt. Für die Unternehmen bedeutet die Drohnenkampagne aber schon jetzt zusätzliche Kosten durch Schäden, Betriebsunterbrechungen und Reparaturen. Aus Sicht Kiews ist genau das der Zweck: Die wirtschaftlichen Folgen des Krieges für Russland sollen dort spürbar werden, wo sie bislang weit vom Schlachtfeld entfernt blieben.