Politik

Die Logik von Nordkoreas Provokation “Kim ist kein irrationaler Akteur“

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Der Diktator und sein designierter Nachfolger: Kim Jong Il neben seinem Sohn Kim Jong Un.

(Foto: picture alliance / dpa)

Mit dem Artillerieangriff auf die südkoreanische Insel Yeonpyeong schlägt Nordkorea ein weiteres trauriges Kapitel im Machtkampf mit dem Bruderstaat auf. Uneinigkeit besteht derzeit noch in der Bewertung  des Angriffs. Droht tatsächlich ein zweiter Koreakrieg oder handelt es sich um einen weiteren Versuch Kim Jong Ils, Diktator des kommunistischen Nordens, seine Stellung zu behaupten? Eric J. Ballbach vom Institut für Koreastudien an der Freien Universität Berlin über das Kalkül des Despoten und die Rolle Chinas.

n-tv.de: Welchen Hintergrund hat der Angriff auf die Insel?

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Der nordkoreanische Angriff richtete auf Yeonpyeong große Schäden an. Zwei Zivilisten und zwei Soldaten kamen ums Leben.

(Foto: dpa)

Eric J. Ballbach: Ich erkenne darin sowohl eine innenpolitische als auch eine innerkoreanische Maßnahme. Innenpolitisch, weil Kim Jong Il die Machtübergabe an seinen Sohn Kim Jong Un, der bei den Militärs umstritten ist, absichern möchte. Zwar hat Kim Jong Un gerade den Rang eines Vier-Sterne-Generals erhalten und ist auch in die Position des Vizevorsitzenden der übermächtigen Nationalen Verteidigungskommission gehoben worden. Jedoch kann er auf keinerlei militärischen Hintergrund verweisen. In einem Land, in dem aus militärischer Erfahrung ein unmittelbarer Legitimationsanspruch abgeleitet wird, ist das durchaus problematisch. Auch Kim Jong Il sah sich damals mit diesem Problem konfrontiert und so musste er seine Stellung durch provokante Maßnahmen absichern.

Und was sind die innerkoreanischen Gründe?

Die stehen im Zusammenhang mit der generellen Eskalation der Beziehungen zwischen Nord- und Südkorea seit 2008. Mit der Amtsübernahme von Präsident Lee Myung Bak kam es im Süden zu einer Abkehr der Strategie der beiden Vorgängerregierungen, die auf eine Einbindung Nordkoreas ausgelegt war. Er fokussiert sich auf Sicherheitsfragen. Dies war auch im letzten Seemanöver mit den USA sichtbar. In einer nordkoreanischen Zeitung, die in Japan erscheint, klingt es beinahe so, als sei dieses Manöver der Primärgrund für die Bombardierung der Insel gewesen. Nordkorea empfand es als offene Provokation – auch weil der Verlauf der Seegrenze, an welcher es stattfand, umstritten ist. Sie wurde nach dem Krieg von der UNO unter US-Führung unilateral festgesetzt.

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Eric J. Ballbach lehrt am Institut für Koreastudien der Freien Universität Berlin.

Ist es auch möglich, dass Pjöngjang durch den Angriff den Westen unter Druck setzen wollte, das heißt, dass es eine Erhöhung der Hilfsmittel anstrebte?

Wenn das der Primärgrund gewesen wäre, hätte man sich sicher nicht auf eine von Zivilisten bewohnte Insel gestürzt. Man hätte seine Feuerkraft auf anderem Wege unter Beweis gestellt, beispielsweise durch neue Raketentests. Dass Zivilisten angegriffen wurden, könnte für Nordkorea gar zum zentralen Problem werden, weil die "Geberländer" in ihrer Bereitschaft zur Sendung von Hilfsmitteln so sicher nicht bestärkt worden sind.

Spielte eventuell auch die Person Kim Jong Il eine Rolle? Ihm wird ja nicht selten ein irrationales Verhalten nachgesagt.

Solchen Gerüchten messe ich keine Beachtung bei. Selbst Südkoreaner und Amerikaner, die mit ihm in direktem Kontakt standen, beschreiben ihn als einen sehr intelligenten Mann, der bei internationalen Anlässen immer sehr gut vorbereitet ist. Sicherlich betreibt er eine provokante und teils grausame Politik, aber er ist sicher kein irrationaler Akteur.

Besteht die Möglichkeit eines Bruderkriegs?

Keines der beiden Länder hat ein Interesse an einem Krieg. Südkorea würde das wirtschaftlich um Jahrzehnte zurückwerfen. Seoul, das wirtschaftliche Rückgrat, wäre das primäre Angriffsziel. Außerdem würde die Bevölkerung einen Krieg wohl kaum tolerieren, sie ist mit dem Status quo zufrieden. Und Nordkorea ist sich natürlich der Tatsache bewusst, dass ein nachhaltiger Krieg die USA auf den Plan rufen würde. Schließlich sind die Vereinigten Staaten Seoul durch eine Beistandserklärung verpflichtet. Zwischen Nordkorea und China würde es dagegen nicht zu einem automatischen Beistandspakt kommen. China hat ein viel zu großes Interesse an der Stabilität in Ostasien.

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An einer Eskalation nicht interessiert: Chinas Premierminister Wen Jiabao.

(Foto: REUTERS)

Derzeit wird auch behauptet, dass ranghohe Chinesen hinter vorgehaltener Hand über eine Beratungsresistenz der Nordkoreaner klagen. Es heißt, der Einfluss Chinas auf Pjöngjang sei geschwunden.

Das würde ich sofort unterschreiben. Trotzdem ist der Einfluss noch da, vor allem in ökonomischer Hinsicht. Peking steckt da in einem strategischen Dilemma. Auf der einen Seite macht sich eine zunehmende Unzufriedenheit bezüglich des provokanten Verhaltens Nordkoreas breit, auf der anderen Seite würde eine Absetzung der ökonomischen Unterstützung an Pjöngjang einen unkontrollierten Kollaps des Landes nach sich ziehen. Dann wäre die Stabilität in Nordostasien bedroht. Deswegen wird China stets eine Vermittlerrolle einnehmen und versuchen, multilaterale Verhandlungen mit allen relevanten Ländern in Gang zu bringen.

Mit Eric J. Ballbach sprach Michael Kreußlein

Quelle: ntv.de