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Folgt jetzt der Sturm auf Idlib? Lawrow will "Eiterbeule" Syriens entfernen

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Eine Straßenszene aus Idlib

(Foto: REUTERS)

Ein Angriff auf das syrische Idlib steht womöglich kurz bevor. Berichte über Truppenverlegungen machen die Runde. Verschwörungstheorien kursieren. Und die Außenministerien der USA und Russlands drohen unverhohlen.

Idlib ist die letzte größere Stadt in Syrien, die noch in der Hand von Regime-Gegnern ist. Der Sturm auf die gleichnamige Region steht womöglich aber unmittelbar bevor. Russlands Außenminister Sergej Lawrow hat auf eine Anti-Terror-Operation "in kürzester Zeit" gepocht und den Westen aufgefordert, sich herauszuhalten. Russische Internetportale und Nachrichtenagenturen zitieren Lawrow mit den Worten: "Diese Eiterbeule muss in jeder Hinsicht entfernt werden."

Schon seit Wochen spitzt sich die Lage rund um die Region im Nordwesten Syriens zu. Zuletzt kündigte sich eine Eskalation immer deutlicher an. Russland agiert als Schutzmacht des herrschenden Präsidenten Baschar al-Assad. Dessen Luftwaffe warf Bewohnern Idlibs zufolge Mitte des Monats bereits Flugblätter ab. Das Regime forderte sie demnach zur Kapitulation auf. In den vergangenen Tagen waren auch größere Truppenbewegungen zu beobachten, und das nicht nur vom syrischen Regime.

Der Nachrichtenagentur Reuters zufolge verstärkt Russland gerade massiv seine Flottenpräsenz im östlichen Mittelmeer. Eine Drohgebärde, um eine Intervention des Westens zu verhindern? Der Kampf um die Deutungshoheit über das, was sich womöglich bald ereignet, hat längst begonnen.

Das Verteidigungsministerium in Moskau verbreitet seit einigen Tagen die Theorie, dass die syrische Hilfsorganisation "Weißhelme" in Idlib einen Angriff mit Giftgas inszenieren wolle, um insbesondere den USA einen Grund zum Einschreiten zu liefen. Die USA unter Führung Trumps haben bereits zwei Mal wegen des Einsatzes von Giftgas in Syrien Angriffe auf Stellungen Assads geflogen. Bei einem dieser Einsätze beteiligten sich auch Frankreich und Großbritannien. Im April bombardierten die drei Nationen mit mehr als 100 Raketen und Marschflugkörpern mutmaßliche Chemiewaffeneinrichtungen Assads.

Russischen Angaben zufolge verlegt die US-Marine bereits Schiffe mit Cruise Missiles in die Region, um den angeblich inszenierten Giftgas-Anschlag zu vergelten.

Notsituation ungekannten Ausmaßes

Die syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte weist die Aussagen Moskaus als "Lüge" zurück. Die Geschichte vom inszenierten Giftgaseinsatz sei nur dazu da, um eine syrisch-russische Intervention auf Idlib zu rechtfertigen. Auch die USA wandten sich gegen die Behauptungen Moskaus. Die russische Nachrichtenagentur RIA Novosti zitiert einen Sprecher des US-Verteidigungsministeriums: Die Berichte über die Verlegung von Schiffen stimmten nicht, sagte dieser demnach. "Aber das bedeutet nicht, dass wir nicht bereit sind, zu agieren, wenn der Präsident einen solchen Befehl erteilt."

Auf die Aussage, es stehe ein inszenierter Giftgasangriff bevor, reagierten die USA nicht. Sie fürchten eher eine Attacke mit chemischen Waffen durchs Assads Truppen. Washington macht auch kein Geheimnis daraus, dass ein Vergeltungsschlag eine mögliche Folge darauf sein könnte. Verteidigungsminister James Mattis sagten Journalisten am Dienstag: "Sie haben miterlebt, dass unsere Regierung zwei Mal auf den Einsatz von Giftgas reagiert hat", so Mattis. "Ich kann ihnen versichern, dass das Außenministerium aktiv mit Russland kommuniziert, um dafür zu werben, dies zu verhindern."

Offenbar wappnet sich auch die Türkei für eine bevorstehende Offensive: Menschenrechtsbeobachtern zufolge hat Ankara militärisches Gerät in den Nordwesten Syriens verlegt. Idlib liegt nahe der Grenze zur Türkei. Der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte zufolge wurden Zementblöcke, Betonwände und Soldaten verlegt. Der Zeitung "Sözcu" zufolge sollen Spezialkräfte Flüchtlinge aus Idlib abfangen. Die Türkei hat bereits mehr als drei Millionen Flüchtlinge aus Syrien aufgenommen und aus der Provinz könnten vielleicht Hunderttausende weitere folgen.

Das syrische Regime hat seine Gegner in den vergangenen Kriegsmonaten regelrecht in die Region zusammengetrieben. Stand die Eroberung einer Stadt durch Assad bevor, bot er den verbliebenen Kämpfern und Zivilisten freies Geleit nach Idlib an. Hundertausende Zivilisten, Rebellen und Extremisten leben nun dort. Ein Angriff auf die Provinz gilt deshalb auch als humanitäre Katastrophe. John Ging, der Direktor des UN-Amts für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten, sprach von einer Notsituation, wie es sie in "diesem Ausmaß noch nicht gegeben hat".

Quelle: n-tv.de, mit dpa/Reuters/AFP

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