Politik

Homeoffice-Pflicht "light" Leere Büros, voll besetzte Behörden?

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Im sächsischen Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Verkehr wird noch gelüftet statt nach Hause geschickt.

(Foto: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild)

In der Debatte um eine Homeoffice-Pflicht hat der Gesetzgeber ein Glaubwürdigkeitsproblem. Denn ein Blick in die öffentlichen Verwaltungen zeigt: Was der Staat den Unternehmen vorschreiben will, kann er in den eigenen Behörden oft nicht umsetzen.

Diskutiert wird sie schon länger - nun soll sie in abgespeckter Form tatsächlich kommen: die Homeoffice-Pflicht für Unternehmen. Vor dem Bund-Länder-Gipfel am Dienstag trommelt vor allem die SPD-Spitze für eine entsprechende Anordnung. Allein bei Appellen dürfe es nicht bleiben, fordern Vizekanzler Olaf Scholz und Parteichefin Saskia Esken unisono - mit dem Argument, dass zu wenige Betriebe ihren Mitarbeitern die Möglichkeit der Heimarbeit gewährten. Im Frühjahr 2020 - während des ersten Lockdowns - sei das noch anders gewesen.

Weil Wunsch und Wirklichkeit aber gerade in öffentlichen Verwaltungen weit auseinandergehen, steht der Vorstoß in der Kritik. Wie kann es sein, dass private Unternehmer verpflichtet werden sollen, ihre Mitarbeiter nach Hause zu schicken, während die Büros in Behörden und Ministerien weiter voll sind?

Bundesweit arbeiten fünf Millionen Menschen im Öffentlichen Dienst. Sie teilweise ins Homeoffice zu schicken, wäre aus epidemiologischer Sicht ein effektiver Schritt im Kampf gegen die Corona-Pandemie. Doch so einfach ist das offenbar nicht. Einer Umfrage der Beratungsagentur Nextpublic unter 4800 Verwaltungsmitarbeitern zufolge musste schon während des ersten Lockdowns im Frühjahr 2020 jeder vierte Beschäftigte trotz des Infektionsrisikos täglich an den Arbeitsplatz, zwei Drittel waren zumindest teilweise im Homeoffice - und nur ein Drittel konnte komplett daheim arbeiten. Verglichen mit der Gesamtzahl der Beschäftigten klingt das gar nicht so schlecht: Nur 25 Prozent aller Arbeitnehmer waren laut einer Bitkom-Studie im Dezember komplett im Homeoffice.

Doch anders als in weiten Teilen der Wirtschaft verlangt die Arbeit in einer Behörde häufig keine Präsenzpflicht. Die Mehrzahl der Beschäftigten dort könne von ihrer Tätigkeit her im Homeoffice arbeiten, sagt Achim Berg, Präsident des Branchenverbands Bitkom. Er fordert: "Die Politik sollte jetzt Homeoffice nicht nur von den Unternehmen einfordern, sondern vor allem in ihrem originären Verantwortungsbereich - der Verwaltung - in aller Breite einführen. Es war Zeit genug, sie darauf vorzubereiten." Trotzdem tun sich viele Verwaltungen in dieser Frage schwer. Und die Gründe sind vielfältig. Hürden fürs Homeoffice gibt es schon aus Sicht des Datenschutzes. Vielerorts werden Personalakten noch in Papierform geführt, sie zum Einsehen und Bearbeiten mit nach Hause zu nehmen: undenkbar.

Die richtige Technik fehlt

Gelöst wäre dieses Problem allerdings auch nicht durch eine bessere digitale Infrastruktur. Denn der Zugriff selbst auf elektronische Akten ist in vielen Verwaltungen - etwa an Universitäten - nur mit Dienst-Laptops erlaubt. Und die sind Mangelware. Im ersten Lockdown machte sich das vor allem auf kommunaler Ebene bemerkbar: Nur jedem zweiten kommunal Beschäftigten stand laut Nextpublic-Studie ein Arbeitsrechner zur Verfügung, fast 23 Prozent der Mitarbeiter konnten im Homeoffice weder auf Dokumente noch auf Fachverfahren zugreifen. Das Problem, dass allein die technische Ausstattung fehlt, um den Mitarbeitern Heimarbeit zu ermöglichen, ist damals zwar erkannt worden - doch es zu beheben, dauert nicht nur. Es kostet auch Geld.

Ein Beispiel: Berlin. Laut einem "Tagesspiegel"-Bericht scheitert es etwa in der Bezirksverwaltung von Treptow-Köpenick noch immer an einer ausreichenden Zahl von Dienstrechnern mit sicheren Daten-Verbindungen. Voller Zugriff auf alle Systeme und Akten sei für die meisten Beschäftigten deshalb weiterhin nur im Büro möglich, räumte der Bezirksbürgermeister Oliver Igel in dem Blatt ein. An alle Bezirke sollten nach Angaben des Senats nun 5000 Laptops geliefert werden. Auf diese Weise werde die Homeoffice-Fähigkeit in den Berliner Behörden "deutlich erhöht", wie es hieß - von derzeit 12 auf 17 Prozent. Eine Quote, die nur bedingt zur Erfolgsmeldung taugt.

Kein Vertrauen in Mitarbeiter

Neben der technischen Ausstattung kommen in ländlichen Regionen weitere Probleme hinzu - vielerorts fehlt der Zugriff auf schnelles Internet. Ein weiterer Faktor, der dazu führte, dass in den Kommunen während des ersten Lockdowns 42 Prozent der Beschäftigten weiterhin täglich an ihren Arbeitsplatz kommen mussten. "So schön es ist, dass Spitzenpolitiker hier an die Unternehmen appellieren: Der Handlungsbedarf in Sachen Homeoffice ist in der öffentlichen Verwaltung mit Abstand am größten", sagt Bitkom-Chef Berg. Er fordert das Ende einer Präsenzkultur, die "das Infektionsgeschehen treibt und Menschenleben kostet". Doch in Betrieben und Behörden ist das weiterhin auch eine Frage des Wollens.

Unter dem Hashtag #MachtBuerosZu schildern Berufstätige auf Twitter immer wieder Fälle, in denen sich sowohl Betriebe als auch Behörden und Verwaltungen vehement gegen das Arbeiten im Homeoffice stemmen. So berichtet etwa eine Mitarbeiterin der Verwaltung eines städtischen Krankenhauses in Niedersachsen, dass Heimarbeit dort nur Führungskräften vorbehalten sei. Sie selbst solle sich "solidarisch mit Mitarbeitern am Patienten zeigen und ins Büro kommen". Ärzte und Pfleger könnten schließlich auch nicht ins Homeoffice. Hintergrund einer solchen Willkür ist häufig fehlendes Vertrauen. Vorgesetzte unterstellten ihren Mitarbeitern, "dass im Homeoffice qualitativ und quantitativ weniger gearbeitet wird", berichtete auch ein Befragter der Nextpublic-Studie.

Bisher hat die Politik trotzdem versucht, mit Appellen ein Umdenken zu bewirken - auch, weil die Vorbehalte vor allem in der Union gegen eine generelle Homeoffice-Pflicht trotz einiger Positivbeispiele aus dem Ausland groß sind. Sowohl in der Schweiz als auch in Schottland gilt bereits eine gesetzliche Vorschrift. Entsprechend dünn ist inzwischen der Geduldsfaden beim Koalitionspartner. Bundesarbeitsminister Hubertus Heil werde, wenn schon keine Pflicht, dann zumindest ein Homeoffice-Gebot anweisen - notfalls per Verordnung und zwar überall dort, wo das möglich sei, so Esken. "Wenn wir von diesem Instrument Gebrauch machen müssen, dann werden wir davon auch Gebrauch machen." Ob das Wörtchen "überall" auch den Öffentlichen Dienst einschließt, sagte sie nicht.

Quelle: ntv.de