Politik

"Seeräuberei und Kidnapping" Mankell prangert Israel an

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Mankell bei seiner Ankunft in Schweden.

(Foto: SCANPIX SWEDEN)

Der schwedische Krimi-Autor Mankell macht Israel schwere Vorwürfe. Er kündigt zugleich an, seine "Soldaritätsarbeit für Palästina" fortzusetzen. Wie nun bekannt wird, wurde bei der Erstürmung des Gaza-Hilfskonvois auch ein Deutscher verletzt. Israel setzt inzwischen alle 632 Inhaftierten auf freien Fuß.

Der schwedische Krimi-Autor Henning Mankell hat die Erstürmung der Gaza-Hilfsflotte durch die israelische Marine als "Seeräuberei und Kidnapping" kritisiert. Der Schriftsteller hatte sich an der Hilfsaktion für Gaza beteiligt. Der Zeitung "Expressen" sagte Mankell über angebliche israelische Waffenfunde an Bord der geenterten Schiffe: "Ich kann versichern, dass nicht eine einzige Waffe an Bord unserer Schiffe war. Sonst wären wohl ganz andere Formen von Auseinandersetzungen ausgebrochen."

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Demonstranten protestieren in Rom gegen Israel.

(Foto: dpa)

"Was wird im kommenden Jahr passieren, wenn wir mit hunderten Booten zurückkehren? Werden sie dann eine Atombombe zünden?", fragte Mankell bei seiner Rückkehr aus Israel laut einer Meldung der Nachrichtenagentur TT. Israel sei aufgrund seines Vorgehens nun "total isoliert", sagte der Schöpfer des Kommissars Wallander in Göteborg. "Die Leute haben die Brutaliät und die Gewalt komplett satt, die diese Macht auf dem Gewissen hat."

Der Schwede kündigte an, dass er zusammen mit zwei weiteren heimgekehrten Schweden zwei Tage lang zu Einzelheiten keine Erklärungen abgeben wolle. Grund sei die Sorge um die noch in israelischer Haft verbliebenen Frauen und Männer aus der elfköpfigen schwedischen Gruppe. Im Rundfunk erklärte Mankell er wolle seine "Soldaritätsarbeit für Palästina" fortsetzen.

Auch pro-palästinensische Hilfskomitees kündigten an,  künftig die Seeblockade des Gazastreifens zu brechen. Die französische Palästina- Hilfsorganisation CBSP "bereitet schon eine Operation in sechs Monaten vor", erklärte CBSP-Sprecher Youssef Benderbal der Zeitung "Le Parisien". Benderbal gehörte zu den acht Franzosen an Bord der Hilfsflotte. Er hatte als einziger seine sofortige Abschiebung akzeptiert und war am Dienstagabend heimgekehrt.

Deutscher im Krankenhaus

Bei der Erstürmung des Gaza-Hilfskonvois wurde auch ein Deutscher verletzt. Wie das Auswärtige Amt mitteilte, befindet sich der Mann derzeit in einem Krankenhaus in der Nähe von Tel Aviv. Die deutsche Botschaft stehe mit dem 42 Jahre alten Mann aus Nordrhein-Westfalen in Kontakt. Über die Schwere der Verletzung machte ein Sprecher keine Angaben. Bei dem Verletzten handelte es sich demnach um den sechsten deutschen Staatsangehörigen, dessen Verbleib bis vor kurzem noch ungeklärt gewesen war. Fünf weitere deutsche Aktivisten waren in einem israelischen Gefängnis in Beerscheba im Landesinneren inhaftiert und befinden sich unterdessen auf freiem Fuß. Die israelischen Behörden hätten zugesichert, "dass auch der verletzte deutsche Staatsangehörige zum Flughafen gebracht und außer Landes geflogen wird", so das Auswärtige Amt.

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Die Kommandoaktion der israelischen Marine löst weltweit Empörung aus.

(Foto: REUTERS)

Am Dienstag waren die ersten fünf deutschen Aktivisten zurückgekehrt, unter ihnen zwei Bundestagsabgeordnete der Linkspartei, ein früherer Abgeordneter, ein deutscher Arzt sowie ein fünfter deutscher Staatsbürger palästinensischer Herkunft.

Bei der Erstürmung des größten der sechs Schiffe des Hilfskonvois waren am Montag neun Menschen getötet und zahlreiche verletzt worden. Der Konvoi aus sechs Schiffen wollte Hilfsgüter in den Gazastreifen bringen, der von Israel seit der Machtübernahme der radikalislamischen Organisation Hamas im Sommer 2007 blockiert wird.

Auch Islamisten getötet

Mindestens drei der vier Türken, die bei der israelischen Kommandoaktion gegen die internationale Flottille mit Hilfsgütern für den Gazastreifen getötet wurden, wollten laut Presseberichten zu "Märtyrern" werden. Alle vier türkischen Todesopfer der Aktion stammten aus islamistischen Kreisen, berichten mehrere Zeitungen. Drei der frommen Muslime sagten demnach vor der Abfahrt des Schiffskonvois zu Verwandten oder Freunden, sie wollten als "Märtyrer" sterben.

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Israel hatte gedroht, den Konvoi notfalls mit Gewalt zu stoppen.

(Foto: Screenshot)

Den türkischen Zeitungsberichten zufolge war ein bei der Aktion getöteter türkischer Aktivist ein früherer Student der Al-Azhar-Universität in Kairo, eines Zentrums islamischer Bildung. Zwei weitere waren freiwillige Helfer der islamischen Hilfsorganisation IHH, die den Schiffskonvoi geleitet hatte, das vierte Opfer soll ein Anhänger der islamistischen Partei FP gewesen sein.

Ankara zeigt sich indes bereit, die Wogen zwischen Israel und der Türkei wieder zu glätten. Voraussetzung sei aber, dass Israel die Blockade gegen den Gazastreifen aufhebe, forderte der türkische Außenminister Ahmet Davutoglu. "Es ist Zeit, dass Ruhe an die Stelle der Empörung tritt", sagte Davutoglu. Die Zukunft der türkisch-israelischen Beziehungen hinge aber vom Verhalten Israels ab. Die Türkei hatte ihren Botschafter in Israel abgezogen, nachdem das israelische Militär am Montag den von der Türkei unterstützten Konvoi aus sechs Schiffen mit Hilfsgütern aufgebracht hatte.

Israel weist aus

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Gaza-Aktivisten auf dem Weg zum Ben-Gurion-Flughafen.

(Foto: AP)

Israel hat inzwischen alle ausländischen Aktivisten wieder freigelassen. Eine Sprecherin der Gefängnisbehörde teilte mit, 632 internationalen Häftlinge seien aus der Haft entlassen worden und auf dem Heimweg. Der Großteil der Häftlinge sei bereits in die Heimatländer zurückgekehrt, sagte der israelische Außenamtssprecher Jigal Palmor. Die meisten Freigelassenen seien Türken.

Obama für Untersuchung

Nachdem sich die USA zunächst zurückhaltend zu dem weltweit kritisierten Einsatz geäußert hatten, sprach sich nun auch Präsident Barack Obama für eine Untersuchung aus. In einem Telefongespräch mit dem türkischen Regierungschef Recep Tayyip Erdogan habe Obama eine glaubwürdige, unparteiische, transparente Untersuchung gefordert, teilte das Weiße Haus mit.

Gleichzeitig sprach der US-Präsident Erdogan sein Beileid für die Opfer aus. Bei dem größten Schiff der gestürmten Flotte handelte es sich um die türkische "Mavi Marmara". Erdogan verlangte in dem Gespräch mit Obama eine Aufhebung der israelischen Blockade des Gazastreifens. "Israel läuft Gefahr, den einzigen Freund in der Region zu verlieren", sagte er mit Blick auf die immer schlechter werdenden Beziehungen der Türkei zu Israel.

Kritik an Abgeordneten der Linken

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Die Bundestagsabgeordneten Annette Groth (l.), Inge Höger (r.) und der ehemalige Linken-Bundestagsabgeordnete Norman Paech nahmen an der Gaza-Flotte teil.

(Foto: AP)

Der israelische Botschafter in Deutschland, Yoram Ben-Zeev, kritisierte die Teilnahme von Abgeordneten der Linkspartei an der Fahrt der "Solidaritätsflotte" für Gaza. "Die Absicht bestand nicht in humanitärer Hilfe, sondern darin, die Blockade zu brechen", sagte er der "Süddeutschen Zeitung". Anders sei nicht erklärlich, warum das Angebot ausgeschlagen worden sei, die Hilfslieferungen im israelischen Hafen von Aschdod löschen und dann unter Aufsicht nach Gaza bringen zu lassen.

Außerdem müsse der Konflikt in seiner Gesamtheit betrachtet werden. "Nie habe ich von den linken Abgeordneten ein Wort über die 8000 Raketen gehört, die von Gaza auf Israel abgefeuert wurden", sagte der Botschafter. Kritik an dem Einsatz der israelischen Streitkräfte wies Ben-Zeev zurück. "Es war kein Verbrechen, sondern absolut legitim nach internationalem Recht", versicherte er. Eine Belastung des Verhältnisses zur Bundesregierung sieht der israelische Botschafter nicht.

Quelle: ntv.de, ghö/dpa/AFP/rts