Politik

Ukraine-Talk bei "Markus Lanz" "Putin ist ein Mensch, der nicht nachgeben wird"

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Hofreiter erklärte, warum er seine Meinung zu Waffenlieferungen geändert hat.

(Foto: Screenshot: ZDF Mediathek)

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Seit einigen Wochen wird in Deutschland darüber gestritten, ob man den Krieg in der Ukraine durch weitere Waffenlieferungen oder durch sofortige diplomatische Gespräche beenden könne. Bei "Markus Lanz" im ZDF streiten sich Grünen-Politiker Hofreiter und Arzt Pohlmeier über das Verhalten gegenüber Russland.

Im Süden und Osten der Ukraine ist kein Ende des Krieges in Sicht. Die Kämpfe zwischen den russischen Angreifern und den ukrainischen Verteidigern gehen unvermindert weiter. Auch wenn Experten fürchten, dass der Krieg noch Jahre dauern kann, wird in Deutschland über sein mögliches Ende diskutiert. Dabei gibt es zwei Seiten. Die eine verlangt die sofortige Aufnahme von Friedensverhandlungen, die andere will vorher durch die Lieferung schwerer Waffen die Ukraine in eine bessere Verhandlungsposition bringen.

In der ZDF-Talkshow "Markus Lanz" haben sich am Dienstagabend beide Lager zu einer Diskussion getroffen. Auf der einen Seite ist Lars Pohlmeier. Er ist Vorsitzender der deutschen Sektion der Vereinigung "Ärzte für die Verhütung des Atomkriegs", die auf dem Höhepunkt der Friedensproteste 1980 von Medizinern aus den USA und der damaligen Sowjetunion gegründet wurde. Die Organisation wurde 1985 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet.

Auf der anderen Seite steht Anton Hofreiter, Politiker der Grünen. Auch seine Partei war einmal Teil der Friedensbewegung in den 1980er Jahren. Inzwischen sind die Grünen von der Realpolitik eingeholt worden. Hofreiter setzt sich für die Unterstützung der Ukraine durch Waffenlieferungen ein, Pohlmeier, dessen Frau aus Russland stammt, will sofortige Friedensgespräche.

"Mehr Diplomatie statt mehr Waffen"

Pohlmeier hat Angst um das Leben der Menschen in der Ukraine. Darum sagt er: "Waffenlieferungen können das Leid der Menschen verlängern." Sie könnten dazu führen, dass der aktuelle Konflikt länger dauere und sich sogar ausweite. Deswegen ist er der Ansicht: "Die einzige Lösung ist eine diplomatische."

Auch Hofreiter glaubt, dass am Ende des Krieges Friedensgespräche stehen müssen. Seiner Ansicht nach ist es dafür jetzt jedoch zu früh. "Mit wem wollen Sie denn verhandeln?", fragt er Pohlmeier. Die Ukraine habe versucht, mit Russland Friedensgespräche zu führen, aber der russische Präsident Putin sei daran nicht interessiert gewesen.

"Unsere Strategie ist: Wir stärken die Verteidigungsfähigkeit der Ukraine, sodass sie dem Aggressor standhalten kann. Gleichzeitig verschärfen wir das Embargo, damit für Russland die Kosten steigen und damit das Regime bereit ist, zu verhandeln. Es hilft ja nicht, dass wir uns hier einig sind, dass wir verhandeln sollten. Das Problem ist, dass Putin nicht bereit ist, zu verhandeln."

"Müssen Mediator finden"

Mit diesem Argument kann Hofreiter Pohlmeier jedoch nicht überzeugen. "Ich fürchte, dass die Ukraine den Krieg nicht gewinnen kann, weil Russland am Ende des Tages eine nukleare Option hat", sagt er. Auch Pohlmeier ist klar: Mit dem russischen Präsidenten sind Verhandlungen aktuell nicht zu erreichen. "Aber es muss eine Lösung geben, wo man einen Mediator finden muss, und da muss man kreativ sein." Ein solcher Mediator müsse neutral sein. Die Bundesregierung falle wegen der Waffenlieferungen aus Deutschland folglich aus.

Allerdings hatte es in den letzten Wochen schon Vermittlungsversuche von Israel und der Türkei gegeben. Auch sie waren erfolglos geblieben. Doch das ist für Pohlmeier kein Grund, es nicht immer wieder zu versuchen. "Ich wünsche den Ukrainern, dass sie in Frieden, Freiheit und Demokratie leben können. Was ich in der Ukraine sehe, bestürzt mich als Arzt", sagt der Mediziner. Man merkt ihm seine Verzweiflung deutlich an. Während der Sendung gibt es Situationen, wo ihm fast die Tränen kommen. "Wir sagen: Mehr Diplomatie statt mehr Waffen", betont Pohlmeier.

"Eigene Haltung überdenken"

Hofreiter kann die Haltung Pohlmeiers verstehen. Der ist Pazifist, und das war Hofreiter auch. Aber jetzt sagt er: "Man muss seine eigene Haltung auch überdenken." Würden die westlichen Länder die Ukraine nicht mehr unterstützen, könne das Militär sie nicht mehr verteidigen. Russland würde die Ukraine besetzen, die russische Armee würde weitere Kriegsverbrechen begehen. Der Krieg würde sich auf andere Länder ausdehnen. Und Länder wie China könnten Putins Beispiel folgen. "Wir müssen die Ukraine so unterstützen, dass Putin zu ernsthaften Verhandlungen bereit ist", sagt Hofreiter. "Das erreichen wir leider nur mit Waffen. Ich würde mir auch etwas anderes wünschen. Aber ich kann mir einen Aggressor nicht backen."

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Eine ernsthafte Lösung des Problems ist in dieser Sendung nicht zu erwarten gewesen. Hofreiters Argumente scheinen logisch, doch am Ende kann man sich auch den Ansichten Pohlmeiers nicht verschließen. Beide machen sich Sorgen - um die Menschen in der Ukraine, um die Menschen in Deutschland.

Das wird deutlich, als Pohlmeier die entscheidende Frage stellt, die auch Hofreiter nicht beantworten kann: "Ich glaube, dass Putin ein Mensch ist, der nicht nachgeben wird. Welchen Krieg kann die Ukraine gewinnen, wenn am Ende das Land total verwüstet ist?" Deswegen sind für Pohlmeier schnelle Friedensverhandlungen ohne Alternative. "Und wenn es in der Vergangenheit nicht geklappt hat, dann muss man es immer wieder probieren."

(Dieser Artikel wurde am Mittwoch, 11. Mai 2022 erstmals veröffentlicht.)

Quelle: ntv.de

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