Politik

Eine Reise nach St. Petersburg Meine Familie lebt in einer russischen Parallelwelt

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In St. Petersburg geht der Alltag weiter.

(Foto: picture alliance/dpa/TASS)

Als Anastasia das letzte Mal zu Hause in St. Petersburg war, gab es noch keinen Krieg in Europa. Dieses Mal sah sie die Welt mit anderen Augen. Doch für ihre Familie hat sich nichts geändert. Im Gegenteil: Das Leben für sie ist besser geworden.

Anastasia, deren Namen wir geändert haben, lebt seit drei Jahren in Deutschland, kommt aber ursprünglich aus St. Petersburg. In diesem Beitrag erzählt sie von dem Zwiespalt, den viele Russinnen und Russen derzeit erleben: Wie geht man mit dem Krieg, der Familie und dem Leben in Parallelwelten um?

Es ist wie in einer Parallelwelt anzukommen: Als ich in St. Petersburg aus dem Bus steige, scheint sich nichts verändert zu haben. Ich setze mich ins Taxi, wie immer. Meine Mutter umarmt mich, als ich heimkomme, wie immer. Der Fernseher ist an, wie immer. Seit Anfang Januar, als ich zuletzt zu Hause war, hat sich für meine Familie wenig geändert.

Für mich allerdings schon. Beim letzten Mal musste ich nicht 20 Stunden durch drei Länder fliegen und fahren, um meine Familie eine Woche lang zu besuchen. Beim letzten Mal wurden nicht zwei Personen an der Grenze aus dem Bus geworfen, weil sie nicht die richtigen Papiere dabeihatten. Beim letzten Mal musste ich mich auch nicht zwischen einem unbezahlbaren Flug über die Türkei oder einer zweitägigen Odyssee entscheiden. Damals gab es noch keinen Krieg in Europa.

Für meine Familie gibt es keinen Krieg, zumindest keinen, der nicht ungerechtfertigt ist. Sie sehen im Fernsehen die neue Sendung über die Soldaten des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj und welche Kriegsverbrechen sie alle begehen. Oder die Doku über US-Soldaten, die lernen, wie man am besten Zivilisten tötet. Und natürlich die Nachrichten, in denen von einer "Spezialoperation" die Rede ist.

Die Parallelwelten

Meine Oma ist neugierig, wie der Rest der Welt diese angebliche "Spezialoperation" sieht. Natürlich weiß sie, dass es andere Meinungen über den Krieg in der Ukraine gibt. Sie fragt, wie es gerade in Deutschland ist. Ich versuche ihr zu erklären, dass das ganze Land mit Entsetzen - nein, das ist zu schwach -, mit Erschütterung zusieht, wie Putins Angriffskrieg ein Land in Schutt und Asche legt.

Ich will ihr erklären, dass gerade unschuldige Familien auseinandergerissen werden, mehr als vier Millionen Ukrainer auf der Flucht sind, Kinder und Zivilisten monatelang in Bunkern ausharren müssen - teilweise ohne Essen und Wasser -, Geburtskliniken bombardiert werden, grausame Massaker von russischen Soldaten begangen werden, Frauen vergewaltigt werden, Hunderte von Menschen sterben, schreckliche Kriegsverbrechen von russischen Soldaten begangen werden.

Doch all das wird sie mir nicht glauben, weil ich diese grausamen Verbrechen nicht mit eigenen Augen gesehen habe. Also versuche ich es mit einer handfesten Erfahrung: Ich erzähle ihr, dass mein Mann und ich insgesamt sechs ukrainischen Flüchtlingen einen Platz zum Schlafen in unserer Wohnung angeboten haben. Da schreckt meine Großmutter zurück: "Ihr lasst diese Nazis in eurer Wohnung wohnen?" Das sind keine Nazis, Oma, versuche ich zu erklären. Das sind ganz normale Menschen, genau wie wir, die Hilfe brauchen, sage ich.

Dann kommt diese Stille. Ich merke, wie mir ein Kloß im Hals hochkommt. Das passiert mir oft in dieser Woche zu Hause. Immer wieder kommen wir beim Thema zum Schweigen und lassen es unausgesprochen im Raum stehen. Weder ich noch meine Mutter, mein Vater oder meine Großmutter wollen diese Tür öffnen - niemand will darüber sprechen, dass wir gerade in Parallelwelten leben. Ich bin meiner Familie fast dankbar dafür.

Denn viele Familien sind in den letzten Wochen auseinandergefallen. Sie haben Diskussionen geführt, sie haben gestritten. Aber wie kann man streiten, wenn man sich nicht einmal auf die Wahrheit einigen kann? Wenn man in Parallelwelten lebt? Ich weiß, dass in der Ukraine gerade der schlimmste Krieg herrscht, den Europa seit 70 Jahren gesehen hat. Doch in der Realität meiner Familie hat sich seit dem 24. Februar nichts geändert. Als hätten sie Nebel vor den Augen und ich könnte klar sehen.

Die Propaganda

Aber ich kann es meiner Familie nicht ganz übel nehmen, dass sie glaubt, es gäbe keinen Krieg in Europa. Dass sie den Eindruck haben, dass wir hier in Deutschland leiden - und nicht sie in Russland. Dass die Benzinpreise und die Inflation so sehr in die Höhe geschossen sind, dass wir alle kurz vor der Armutsgrenze stehen. Dass Europa sich mit den Sanktionen selbst ins Bein geschossen hat und Russland besser dasteht als je zuvor.

Denn die Propaganda wird ständig von einer fein geschliffenen, gut geölten und geübten Maschine verbreitet. Es ist zwar einfach, Informationen von außen zu bekommen - selbst wenn Russland die digitale Tür zu Tiktok, Facebook oder Twitter geschlossen hat, gibt es einen Schlüssel, der einfach funktioniert. Ich brauche zwei Minuten, dann habe ich eine VPN-Verbindung auf meinem Handy - ein Knopfdruck und meine Instagram-App glaubt, ich sei in Kanada oder Frankreich oder vielleicht in Schweden.

Viele Menschen wie ich oder meine Freunde, die mit den Oppositionellen mitliefen und mit Alexej Nawalny auf Demonstrationen waren und für ein offenes und pluralistisches Russland kämpften, finden diesen Schlüssel, nutzen ihn und durchschauen die Propaganda.

Natürlich könnte meine Mutter das auch tun - auch sie hat ein VPN auf ihrem Handy. Aber es gibt so viele Gründe, der Propaganda zu glauben. Bisher hat es keine physischen Auswirkungen auf das Leben meiner Familie gegeben. Die enormen Einschränkungen, die sich aus den beispiellosen Sanktionspaketen der ganzen Welt ergeben, sind bisher nicht eingetreten. Niemand bemerkt die von den westlichen Ländern versprochene lähmende Wirkung - zumindest nicht in St. Petersburg.

Die Beweise

Die Lebensmittelpreise sind ein bisschen gestiegen, aber nicht mehr als in Deutschland, wo wir ja auch mit der Inflation zu kämpfen haben. Und nicht so, dass es sich niemand mehr leisten könnte, einkaufen zu gehen.

Zwar mussten einige Geschäfte in den großen Einkaufszentren "Geschlossen"-Schilder aufhängen. Aber für jedes verriegelte Geschäft gibt es 15 andere, die genau das Gleiche verkaufen. Vielleicht können Russen und Russinnen nicht mehr bei ihrem geliebten McDonald's essen, aber keine zwei Schritte entfernt gibt es einen Burger King oder Carl's Junior. Bald sollen sogar einige McDonald's-Filialen wieder öffnen, nur unter einem anderen Namen. Wenn sie also ihre amerikanischen Burger haben wollen, steht dem nichts im Wege.

Die riesigen Einkaufszentren, aus denen ständig Bilder von geschlossenen Zaras, H&Ms oder Ikeas den Westen erreichen, kehren langsam in den Alltag zurück. Die ersten großen Geschäfte öffnen wieder. Kurz nach Kriegsbeginn hatte auch OBI ein "Geschlossen"-Schild aufhängen müssen - allerdings mit dem wichtigen Wort "kurzzeitig" davor. Jetzt steht der riesige Baumarkt im ersten Stock des Einkaufszentrums in St. Petersburg wieder mit offenen Armen da.

"Siehst du, sie machen wieder auf", sagt meine Mutter. Die Sanktionen gibt es also nicht. Den Krieg übrigens auch nicht. Die Hoffnung, dass auch McDonald's irgendwann das Schild wieder abnimmt, ist groß. Das Leben geht weiter.

Das Paradox

Und es geht fast besser weiter als je zuvor. Zum ersten Mal im Leben meiner Mutter sinken einige Preise - die öffentlichen Verkehrsmittel werden billiger. Und mehr noch: Der Lohn meines Stiefvaters ist gestiegen. Sogar seine Armeepension wurde ein wenig angehoben. Das hat es vorher noch nie gegeben.

Wie kann ich es meiner Mutter also übel nehmen, dass sie den westlichen Medien keinen Glauben schenkt, wenn sie von schrecklichen Zeiten in Russland berichten? Sicher, es ist immer einfacher, von der Wahrheit wegzuschauen, wenn sie schrecklich ist. Aber viele Russen, wie meine Mutter, haben eine Menge handfester Beweise vor sich: Das tägliche Leben ist nicht schlechter geworden. Im Gegenteil, es ist besser geworden.

Es ist schwer zu sagen, wie lange Putin diese Strategie durchhalten kann. Er baut gerade eine riesige Blase mit sinkenden Preisen und höheren Löhnen bei einer Inflation von 20 Prozent auf. Irgendwann wird sie wohl platzen, aber die Frage ist, wann. Im Moment bin ich froh, dass es meiner Familie gut geht. Auch wenn wir derzeit in Parallelwelten leben, möchte ich nicht, dass sie leiden.

Es ist ein Zwiespalt, den viele Russinnen und Russen, so wie ich, in diesen Tagen mit sich herumtragen. Und einer, der mich begleitet, als ich mich, fast erleichtert, auf die abenteuerliche Reise zurück nach Berlin begebe. Ich hoffe, dass wir eines Tages wieder in einer Welt ankommen werden - aber das wird wohl noch eine Weile dauern.

Quelle: ntv.de

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