Politik

Bolsonaro, Amazonas, Klimawandel Mit Ausflüchten muss endlich Schluss sein

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(Foto: REUTERS)

Der globale Süden liefert, der Norden konsumiert. Nun brennt der Amazonas-Regenwald. Schuld sind die Fleischesser? Schuld ist Bolsonaro? Oder doch Trump? Alles nur eine Flucht vor eigener Verantwortung.

So also sieht es aus, wenn Klimawandel, Globalisierung und rechte Ignoranz zusammentreffen: Es brennt lichterloh. Die Brandherde sind so groß, dass aus dem Weltraum eine gigantische Rauchwolke zu sehen ist, die über Südamerika hinwegzieht. Der Amazonas-Regenwald hat eine globale Schlüsselrolle. Er produziert 20 Prozent unseres Sauerstoffs, bindet Unmengen Kohlendioxid und verlangsamt so die Erderwärmung. Die liegt bereits bei 1,5 Grad Celsius; Gletscher verschwinden, Wetterextreme wie Dürren nehmen zu. Der Regenwald ist extrem wichtig, aber er wankt. Ja, "unser Haus brennt", wie Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und Bundeskanzlerin Angela Merkel richtig sagen. Bolsonaro lässt den Amazonas in Flammen aufgehen und lügt? Trump dreht in der Umweltpolitik frei? Nur eine globale Herangehensweise macht wirklich Sinn? Das alles sind keine Entschuldigungen für die eigene Untätigkeit. Nur Ausflüchte.

Brasiliens rechter Präsident Jair Bolsonaro, der zum Raubbau ermutigt, sieht sich selbst als Opfer. Das stimmt zwar. Aber keinesfalls, weil irgendwelche Zahlen erlogen wären oder ihm Umweltschutz-NGOs eins auswischen wollten. Sondern weil Bolsonaro nur ein Produkt der Geschichte ist. Es wäre verwunderlich, hätte die globale Ungleichheit nicht irgendwann einen militaristischen, homophoben, infantilen Populisten seines Kalibers an die Macht eines bedeutenden Staates gebracht. Bolsonaro ist nun eine Marionette der Agrarlobby. Selbst der wird das pubertäre Verhalten des Diktaturfreunds inzwischen zu viel. Es geht bei der Kritik von Unternehmerseite jedoch mitnichten um menschliche Werte oder gar die Zukunft des Planeten. Sondern um die Angst vor Kundenschwund im Norden. Um Profitschwund in der eigenen Kasse.

Welche Rolle spielt Europa?

Niemand liefert mehr Fleisch nach Europa als Brasilien. Tritt das Freihandelsabkommen zwischen EU und Mercosur in Kraft, könnte sich die Menge nochmals steigern. In Südamerika würde dann womöglich noch mehr gerodet und gezündelt, um Flächen für Rinder und Sojafuttermittel frei zu machen. Neben Brasilien ist auch Argentinien ein Fleischlieferant und holzt im Chaco, dem zweiten großen Wald- und Savannengebiet des Kontinents, massiv ab. Der Chaco liegt südlich vom Amazonas und erstreckt sich zudem über weite Teile Paraguays und Boliviens. Dazu gehört auch der atlantische Paraná-Urwald um die berühmten Iguazú-Wasserfälle - oder was davon noch da ist. Von ursprünglich 47 Millionen Hektar sind nur noch weniger als ein fragmentiertes Zehntel übrig. Die globalen Handelsnetzwerke - der Süden liefert, der Norden konsumiert - sind eine hungrige Geldmaschine. Opfer ist der Planet.

Der Hinweis auf die Rolle des Fleischkonsums von Chinesen und Europäern für die Brandrodung in Südamerika ist richtig. Das Problem darauf abzuschieben, viel zu wenig. Europa trägt eine historische Mitverantwortung für die turbulente Lage in Ländern des Globalen Südens. Kurz gesagt auch daran, dass es überhaupt möglich ist, dass jemand wie Bolsonaro in der größten Volkswirtschaft Lateinamerikas waltet. Auch das müssen sich solche in den USA und Europa bewusst machen, die alle Schuld von sich schieben wollen.

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Bolsonaro hält sich am Nationalismus (keine Einmischung von außen!) und zugleich leeren Versprechen des Nordens fest, das Leben aller würde besser, wenn die Wirtschaft so freie Hand wie möglich hat und Handelsbarrieren fallen. Es sind aber Konzerne und nicht die breite Masse, die davon in der Region profitieren. Das war schon in den 1990er Jahren so und endete im Chaos wie der Staatspleite Argentiniens. Heute sind es auch die Finanzmärkte, die mit horrenden Zinsen an dortigen Währungsschwächen verdienen, während Millionen Menschen in die Armut rutschen. Und es sind eben Politiker wie Bolsonaro, die Kraft ihres Mandats der Wirtschaft freie Hand lassen wollen und sich dabei häufig korrupt bereichern. Opfer sind die Menschen.

"Was wäre wenn" hilft nicht

Auf der Suche nach realistischen Handlungsmöglichkeiten hilft ein Gedankenexperiment. Sagen wir, der Weltklimarat IPCC bekommt alle politischen Kompetenzen, um verbindliche Richtlinien gegen den Klimawandel festzulegen. In einem ersten Schritt wird das Pariser Klimaabkommen rechtsverbindlich. Staaten, die absichtlich dagegen verstoßen oder innerhalb einer Frist von sechs Monaten nichts dagegen tun, werden von sämtlichen internationalen Hilfsgeldern und Institutionen ausgeschlossen. Den Politikern des regierenden Kabinetts werden sämtliche Gelder im Ausland eingefroren. Der Internationale Gerichtshof verurteilt die Politiker wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Haftbefehle werden weltweit vollstreckt. Ausgewanderte Staatsbürger erhalten Klima-Asyl. Opfer, das wären dann endlich die Verantwortlichen.

Die Flucht in Idealvorstellungen bringt aber leider ebenso wenig, wie vor den weißen Nasen nationalistischer Narzissten namens Bolsonaro oder US-Präsident Donald Trump mit dem erhobenen Zeigefinger herum zu wedeln. Das Gemurkse muss ein Ende haben und Europa als Vorbild vorangehen, um den Klimawandel einzugrenzen. Waldschutzprogramme sind ein Anfang, strengste Auflagen für südamerikanische Fleischimporte müssen folgen. Statt aber mit einzelnen Gesetzen herumzuflicken, sollten Deutschland und Frankreich ein umfassendes Wirtschaftsprogramm gegen den Klimawandel aus dem Boden stampfen, an dem sich andere Länder beteiligen oder zumindest orientieren können. Mit Elektromobilität, Erneuerbaren Energien, Kohleausstieg und allem was dazu gehört. Damit das Haus nicht in sich zusammenfällt.

Quelle: n-tv.de