Politik

Abwehr russischer Atomraketen Nato kündigt Aufrüstung an

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Strategien für die Zeit nach dem INF-Vertrag: Das US-Militär treibt die Entwicklung eigener Marschflugkörper voran.

(Foto: dpa)

Neue russische Mittelstreckenwaffen machen Militärs im Westen nervös. Mit Marschflugkörpern vom Typ SSC-8, heißt es, könnte Moskau theoretisch alle Verteidigungslinien durchbrechen. Nato-Generalsekretär Stoltenberg erklärt, wie das Bündnis reagieren will.

Die Nato will in diesem Jahr auf die Stationierung von atomwaffenfähigen russischen Marschflugkörpern in Europa reagieren. "Wenn es um die SSC-8 geht, werden wir an Luftverteidigungs- und Flugkörperabwehrsystemen arbeiten, an konventionellen Waffen, an erhöhter Alarmbereitschaft und einer Verlängerung der Vorwarnzeiten", sagte Generalsekretär Jens Stoltenberg. Auf den Rahmen dafür hätten sich Nato-Verteidigungsminister bereits geeinigt.

"Mit der Stationierung der SSC-8-Marschflugkörper hat Russland gegen den INF-Vertrag verstoßen", betonte Stoltenberg. Er bezeichnete das Waffensystem als "Teil der russischen Strategie, stark in neue moderne Fähigkeiten zu investieren - einschließlich neuer moderner Atomwaffen".

Darauf, so Stoltenberg, wolle die Nato defensiv und angemessen reagieren. Zugleich bekräftigte er, dass die Nato keine Absicht habe, neue landgestützte Atomraketen in Europa zu stationieren. Ein weiteres Ziel des Verteidigungsbündnisses ist es seinen Angaben zufolge, die Rüstungskontrolle zu stärken. Dies ist vor allem auch ein Anliegen von Bündnisstaaten wie Deutschland.

Nachbarschaft unter Waffen

Grund für den Ausbau der Abschreckungs- und Verteidigungsfähigkeiten der Nato ist das Aus für den INF-Vertrag zum Verzicht auf landgestützte Mittelstreckensysteme. Er war im vergangenen Sommer beendet worden, weil die USA und die übrigen Nato-Partner davon ausgehen, dass Russland das Abkommen seit Jahren mit dem System namens SSC-8 (Russisch: 9M729) verletzt.

Diese Lenkflugkörper, die im russischen Militär auch den Code-Namen Iskander-M tragen, dürften nach Einschätzung westlicher Experten über eine Reichweite von mehr als 2000 Kilometern verfügen. Zudem lassen sich diese Marschflugkörper auch mit nuklearen Sprengköpfen ausstatten. Da sie sich ihren einprogrammierten Zielen - anders als ballistische Raketenartillerie oder Interkontinentalraketen - in geringer Höhe nähern, sind sie deutlich schwerer abzufangen.

Russische Raketen in Europa

Von einem Stationierungsort in der russischen Exklave Kaliningrad aus, könnten diese Waffensysteme binnen Minuten gegen einen Großteil der europäischen Hauptstädte eingesetzt werden, heißt es. Berlin zum Beispiel liegt nur knapp 515 Kilometer von Kaliningrad entfernt. Moskau wies entsprechende Befürchtungen allerdings wiederholt als übertrieben zurück. Offiziell liegt die Reichweite der Geschosse unterhalb der 500-Kilometer-Marke und damit auch unterhalb der Schwelle zur Klasse der umstrittenen Mittelstreckensysteme.

Der INF-Vertrag (Intermediate Range Nuclear Forces Treaty, INF) untersagte beiden Seiten Produktion, Tests und Besitz von bodengestützten ballistischen Raketen und Marschflugkörpern mit Reichweiten zwischen 500 und 5500 Kilometern. Seit der Auflösung des INF-Vertrages wachsen die Sorgen vor einem neuen Wettrüsten. So haben zuletzt die USA eine bodengestützte Mittelstreckenrakete getestet, die mit dem INF-Vertrag nicht vereinbar gewesen wäre.

Hoffnungen auf neue wirksame Absprachen zur Rüstungskontrolle gibt es derzeit kaum. Als Grund für die Kündigung des Vertrages durch die USA gilt nämlich auch die Tatsache, dass der INF-Vertrag nur Amerikaner und Russen band, nicht aber aufstrebende Militärmächte wie China. China soll mittlerweile über knapp 2000 ballistische Raketen und Marschflugkörper verfügen, die unter das Abkommen fallen würden. Eingesetzt wurden Waffensysteme aus dieser Kategorie zuletzt durch die Islamische Republik Iran, die damit US-Militärstützpunkte im Irak im Rahmen eines Vergeltungsschlags mit konventionellen Sprengköpfen beschoss.

Quelle: ntv.de, mmo/dpa