Grönland und Russland bei MiosgaPistorius: "Mit U-Booten operieren, mit Eurofightern patrouillieren"

Wie stark ist Europa? Können wir Putins Krieg und Trumps Erpressung etwas entgegensetzen? Bei "Caren Miosga" beschreibt Bundesverteidigungsminister Pistorius einen "Epochenbruch" und mögliche deutsche Bundeswehr-Einsätze im Arktis-Raum. Bezüglich Russlands herrscht wenig Hoffnung.
Auch Bundesverteidigungsminister wollen mal prahlen. "Wir können Seefernaufklärung mit unserem P-8 Poseidon betreiben", sagt Boris Pistorius. "Damit haben wir Fähigkeiten, die nicht alle haben." Der SPD-Mann meint das Seefernaufklärungs- und U-Boot-Jagdflugzeug der Bundeswehr, das bei einem Nato-Einsatz im Raum Grönland und Arktis für Sicherheit sorgen könnte.
"Wir können mit U-Booten operieren", zählt Pistorius weiter auf, "und wir können zur Luft mit Eurofightern patrouillieren." Er will gleichzeitig Stärke zeigen und die USA beschwichtigen - jetzt, da Donald Trump Grönland wohl nicht mehr einnehmen und man als Nato zusammen mit den Staaten für das sorgen will, "was wir seit Monaten propagieren: Die Sicherheit in der Arktis erhöhen."
In der ARD-Talkshow "Caren Miosga" geht es am Abend um die Frage, wie sich Europa in diesen brenzligen Zeiten behaupten kann, in denen Wladimir Putins Krieg in der Ukraine weiter tobt und Donald Trump den Kontinent im Streit um Grönland massiv unter Druck setzt. Pistorius erklärt, dass Deutschland nicht vor einer Beteiligung an einem Nato-Einsatz in der Arktis zurückschrecken würde, denn "wir sind uns unserer Pflicht bewusst". Die Nato trage die Verantwortung für Grönland - und nicht die USA allein.
"Deutschland nicht vor 2029 kriegstüchtig"
Zwar glaubt der Verteidigungsminister, dass die USA auch in Zukunft eine zentrale Rolle in der Nato spielen werden, aber "Europa muss mehr tun". Im Gegensatz zum ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj, der unter der Woche seine europäischen Verbündeten und ihre Verteidigungsfähigkeit kritisiert hatte, sagt Pistorius: "Wir stehen nicht blank da." Deutschland könnte in einem Ernstfall reagieren, sagt er, stellt aber später klar, die Bundesrepublik sei frühstens 2029 kriegstüchtig. Pistorius unterstreicht in dem aufgezeichneten Gespräch mit Talkmasterin Caren Miosga ebenfalls, dass man Trump nicht vertrauen könne. "Wir können uns auf nichts mehr so verlassen, wie wir es in den letzten 70 Jahren konnten", meint er. "Das ist ein Epochenbruch."
Die Verunglimpfungen des US-Präsidenten mit Blick auf die Gefallenen der Verbündeten in Afghanistan findet Pistorius "unanständig und respektlos" und er werde seinen US-amerikanischen Kollegen Pete Hegseth beim nächsten Aufeinandertreffen darauf ansprechen. "Es wäre ein Zeichen von Anstand und Einsicht, sich zu entschuldigen", so Pistorius, "aber wir wissen alle, wie der amerikanische Präsident funktioniert".
Anschließend dürfen auch die weiteren Diskutanten ran, aber eine fruchtbare Diskussion will nicht in Gang kommen. Norbert Röttgen erzählt von seiner jüngsten Reise in die USA und dass fast alle republikanischen Kongressabgeordneten zur Nato halten würden. Dass Trump aber wenig bis gar nichts auf die Meinungen von Senat und Abgeordnetenhaus gibt, merkt der CDU-Außenpolitiker nicht an.
"Zuviele große Reden"
Sönke Neitzel, Professor für Militärgeschichte an der Universität Potsdam, sieht die Thematik kritischer und warnt: "Trump hat einem Nato-Mitglied mit militärischer Gewalt gedroht" und würde im Ernstfall nicht für Europa kämpfen. "Das sind wirklich Schockwellen", sagt er. Europa müsse endlich verstehen, "dass wir uns auf eine Nato ohne amerikanische Beistandsgarantie einstellen müssen".
Während Röttgen fordert, dass Deutschland und Europa sich mit Mittelmächten wie Japan, Indien und Kanada noch stärker verbinden, um Trump und Putin Paroli zu bieten, fragt Neitzel: "Aber wie wollen Sie das konkret machen?" Der Professor kritisiert, dass oftmals große Reden geschwungen werden, aber die wirklichen Schritte ausbleiben. Auch bei Caren Miosga wird die Frage nicht beantwortet. Neitzel merkt an, dass allein schon in der EU die Zusammenarbeit kompliziert ist, weil es zu viele "nationale Egoismen" gäbe und etwa zwischen Deutschland und Frankreich hinter den Kulissen Kompetenzgerangel stattfinde. "Frankreich hat nicht verstanden, dass Napoleon tot ist", sagt er.
Mit Blick auf Russland findet Röttgen, dass deutsche Politiker nicht die diplomatischen Kanäle zum Kreml wiederaufnehmen sollten, weil durch Gespräche mit Putin nichts zu erreichen wäre. "Ich bin ganz sicher, dass Putin diesen Krieg will und dass er glaubt, auf der Siegerstraße zu sein", sagt der CDU-Mann und ergänzt, dass der Machthaber den Krieg auch innenpolitisch brauche. Diesmal pflichtet Neitzel bei.
Schwerster Winter seit Kriegsbeginn
Den einzigen eindrucksvollen Moment der Sendung liefert Vassili Golod, der als ARD-Korrespondent seit 2022 aus der Ukraine berichtet. Aus Kiew zugeschaltet erzählt der Journalist vom "mit Abstand schwersten Winter" für die Ukrainer. "Die Lage ist menschenunwürdig, die Nächte sind dominiert von massiven Angriffen aus der Luft, Raketen und Drohnen", sagt er. Dazu sei es der kälteste Winter seit Kriegsbeginn.
"Die Menschen sitzen im Dunklen und frieren, suchen Zuflucht in Metrostationen, Tiefgaragen und Kellern", berichtet Golod eindringlich von Moskaus gezielten Angriffen auf die Zivilbevölkerung und die Strom- und Wärmeversorgung dieser Tage: "Es bleibt an der Grenze zu einer humanitären Katastrophe."
Was Deutschland nun tun könnte und sollte, um dieses Leid schnellstmöglich zu beenden, bleibt die Diskussionsrunde schuldig. Genauso wie eine glaubwürdige Antwort auf die Frage, ob Europa stark genug ist, um zwischen den USA, Russland und China zu bestehen und militärisch eigenständig zu handeln.