"Das ist Wahnsinn"Russen kämpfen schon länger gegen die Ukraine als die Sowjets gegen die Nazis

Der Große Vaterländische Krieg wird in Russland gerne bemüht. Nur jetzt ist es erstaunlich still um ihn. Dabei liegt ein statistischer Vergleich nahe - der allerdings zeigt, wie sehr die russische Armee schwächelt.
Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine dauert inzwischen länger als der Krieg der Sowjetunion gegen Hitler-Deutschland. Sowjet-Diktator Josef Stalin hatte den sogenannten Großen Vaterländischen Krieg nach dem deutschen Überfall am 22. Juni 1941 ausgerufen - nachdem er noch 1939 beim Überfall auf Polen mit den Nazis gemeinsame Sache gemacht hatte.
Die Sowjetarmee brauchte damals 1418 Tage, um nach den ersten Rückschlägen gegen die Wehrmacht bis nach Berlin vorzustoßen und die Kapitulation Deutschlands zusammen mit den Alliierten zu erzwingen. Dagegen steckt die russische Armee nach 1418 Tagen Krieg in der Ukraine "seit Jahren in denselben Dörfern und Städten des Donbass fest", wie die oppositionelle russische Website "Meduza" am Sonntag feststellt. Bisher halten die Russen etwa 20 Prozent des ukrainischen Territoriums besetzt. Die Statistik zur Kriegsdauer fand in den russischen Staatsmedien keine Erwähnung.
Russland hatte vor fast vier Jahren die gesamte Ukraine überfallen und erwartet, die Hauptstadt Kiew innerhalb von wenigen Tagen zu erobern. Dies gelang bekanntlich nicht. Tatsächlich begann Russland schon 2014 seinen Krieg gegen das Nachbarland, wenn auch zunächst im kleineren Maßstab.
Auch Adolf Hitler hatte sich beim Krieg gegen die Sowjetunion verschätzt. Statt eines Blitzkrieges geriet das "Unternehmen Barbarossa" zu einem Desaster für die Wehrmacht. Die Deutschen, die in Osteuropa zahlreiche Kriegsverbrechen begingen, erlitten eine massive Niederlage. Zur sowjetischen Armee gehörten damals auch Ukrainer. Die ukrainische Sowjetrepublik war besonders betroffen von den Zerstörungen durch die Wehrmacht.
Laut "Meduza" ist ein Vergleich der beiden Kriege nicht ganz korrekt. Ein direkter Vergleich vieler Indikatoren zeige, dass der aktuelle Krieg nur für die Ukraine einen existenziellen Charakter habe. Kiew schaffe es, den Krieg mit westlicher Hilfe fortzusetzen. Der Kreml hingegen sei nicht in der Lage oder nicht willens, sich auf einen existenziellen Kampf einzulassen, und beschränke sich darauf, seine Anstrengungen nur geringfügig zu verstärken.
Selenskyj: Russen haben Faschismus wiederholt
Moskau wollte den Erfolg von damals wiederholen, sagte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj in seiner abendlichen Videoansprache am Sonntag. "Sie haben die Misshandlung von Menschen wiederholt, den Faschismus wiederholt, fast alles wiederholt, was im 20. Jahrhundert das Schlimmste war", betonte er. "Dennoch versuchen die Russen, denselben Donbass zu erobern wie vor fast vier Jahren, sie wollen erneut lügen, dass sie Kupjansk eingenommen haben."
"Das sagt viel über das System aus, das (Kremlchef Wladimir) Putin aufgebaut hat, und einfach über ihn persönlich", sagte Selenskyj. Die russischen Verluste betragen nach seinen Worten derzeit mindestens 1000 Tote pro Tag. "Und damit bezahlt Russland faktisch dafür, dass der Krieg nicht endet, das ist Wahnsinn." Und dieser "russische Wahnsinn" könne nur mit vereinten Kräften gestoppt werden.
Die ukrainischen Medien vermeldeten am Sonntag, dem 1418. Kriegstag seit Beginn der Vollinvasion am 24. Februar 2022, kleinere russische Geländegewinne bei Wowtschansk in der Region Charkiw sowie bei Pokrowsk im Donbass. Der militärnahe ukrainische Blog "DeepState" veröffentlichte dazu auf Telegram entsprechende Karten.