Mehr Raketen, weniger DrohnenRussland schwenkt im Luftkrieg um

Unerwartete Entwicklung in der Ukraine: Bei den nächtlichen Luftangriffen bleiben die gefürchteten Drohnenschwärme plötzlich aus. Das russische Militär setzt stattdessen verstärkt auf schnellere und gefährlichere Waffensysteme. Kann das die ukrainische Luftabwehr überfordern? Ein Überblick.
Die Zahl der von Russland gegen die Ukraine eingesetzten Raketen und Marschflugkörper hat sich im Juli im Vergleich zum Vormonat mehr als verdoppelt. Im Rahmen des nächtlichen Dauerbombardements ukrainischer Städte setzten die russischen Streitkräfte nach Angaben der ukrainischen Luftwaffe im zurückliegenden Monat insgesamt 376 Raketen und Marschflugkörper ein. Im Juni hatte die ukrainische Luftabwehr insgesamt lediglich 180 Flugkörper aus diesen beiden Kategorien erfasst, im Mai waren es insgesamt 211.
Die bisher schwersten russischen Raketenangriffe ereigneten sich in der Nacht zum 2. Juli und in der Nacht zum 30. Juli. In diesen beiden Nächten beschoss die russische Invasionsarmee die Ukraine jeweils mit 74 Raketen und Marschflugkörpern. Besonders auffällig: Russland setzt diese schwerer abzufangenden Waffensysteme nicht nur verstärkt, sondern auch immer häufiger ein. Seit Juli verging kaum eine Nacht, in der in Kiew und anderen ukrainischen Großstädten keine ballistischen Raketen oder lenkbare Marschflugkörper einschlugen.
Die Daten der ukrainischen Luftabwehr deuten einen strategischen Schwenk in der russischen Luftkriegsstrategie an: Parallel zum Anstieg bei der Zahl der eingesetzten Raketen und Marschflugkörper ging die Zahl der gegen die Ukraine eingesetzten Angriffsdrohnen im Juli deutlich zurück. Im Juni hatte Russland demnach noch mit insgesamt 5749 Kampfdrohnen angegriffen, im Juli waren es 4956. Im Mai dieses Jahres hatte die Zahl der gegen die Ukraine eingesetzten Drohnen mit 8150 noch ein Rekordhoch erreicht.
Reagiert Moskau damit auf die vielfach berichteten Engpässe bei leistungsstärkeren Abwehrsystemen wie etwa die US-amerikanischen "Patriot"-Batterien? Aus ukrainischer Sicht ergeben sich aus den neuen Angriffsmustern jedenfalls massive Probleme: Ballistische Waffensysteme wie etwa Raketen vom Typ Iskander-M fliegen ihre Ziele mit bis zu sechsfacher Schallgeschwindigkeit an. Beim Einschlag richten die bis zu 700 Kilogramm schweren Sprengköpfe dieser Raketen verheerende Verwüstungen an. Für die ukrainische Luftabwehr sind diese Geschosse kaum abzufangen. Die oft mit einfachen Maschinenkanonen ausgestatteten mobilen Feuertrupps etwa sind gegen diese Waffensysteme chancenlos.
Militärexperten bestätigen den Eindruck. Oberst Markus Reisner vom österreichischen Bundesheer zum Beispiel geht davon aus, dass der Rückgang der Drohnenangriffe auch mit der vermuteten Umstellung der russischen Produktion auf strahlgetriebene Drohnen vom Typ Geran zusammenhängen könnte.
Die große Masse der bisher von Russland eingesetzten Angriffsdrohnen ist noch mit einfachen Zweitaktmotoren und Propellern ausgestattet. Da sie deutlich langsamer und weitgehend in Bodennähe fliegen, lassen sie sich vergleichsweise leicht abschießen. Die Abschussrate der ukrainischen Luftabwehr lag selbst bei Massenangriffen mit Drohnen zuletzt fast durchgehend über 90 Prozent. Das heißt: Nicht mehr als jede zehnte der von Russland ins Nachbarland geschickten Drohnen erreichte überhaupt ihr Ziel.
Über die Gründe für den Anstieg der russischen Raketenangriffe könne bisher nur spekuliert werden, gab Oberst Reisner bei ntv.de zu bedenken. Wahrscheinlich sei aber, dass es sich um eine gezielte Eskalation handle, um die vermehrten ukrainischen Angriffe auf das russische Hinterland zu spiegeln. Bei ihren Angriffen könnten die Russen den Mangel der Ukraine an Patriot-Abwehrraketen durchaus ausnutzen.
Besonders dramatisch zeigt sich der Mangel an Abwehrraketen in den Nächten, in denen Russland die Ukraine mit ganzen Raketenschwärmen überzieht: Die Einschläge häufen sich, die Abwehrquote sinkt. Am 1. August etwa gelang es der ukrainischen Luftwaffe lediglich eine einzige der insgesamt 27 ballistischen Raketen vom Himmel zu holen. Am 2. Juli konnte die Ukraine immerhin 4 der 24 russischen Raketen abschießen. Andere Nächte verlaufen weitaus schlimmer: Am 6. Juli zum Beispiel kamen alle 23 anfliegenden Raketen durch und explodierten.
Bereits seit Monaten bittet Kiew seine Partner um die Lieferung weiterer Patriot-Raketen, um mehr russische Raketen abwehren zu können. Am Rande des Nato-Gipfels in Ankara im Juli sagte US-Präsident Donald Trump Kiew vor Journalisten Lizenzen zur eigenen Produktion von Patriot-Raketen zu.
"Ein Vögelchen hat mir gezwitschert, dass wir ihnen das Recht geben werden, Patriots herzustellen. Wir werden ihnen zeigen, wie man sie herstellt“, erklärte er damals neben seinem ukrainischen Amtskollegen Wolodymyr Selenskyj sitzend. Inzwischen ist Trump in dieser Frage allerdings zurückgerudert. Ob und wann die Ukraine selbst Patriots bauen kann, ist noch offen.
Trump wirkt unentschlossen. Im Gespräch mit der "Financial Times" meinte er, dass er noch nicht entschieden habe, ob er der Ukraine den Bau von Patriot-Raketen erlauben wird. "Wir prüfen das gerade", fügte er hinzu. "Es ist eine wirklich außergewöhnliche Waffe, und … wir müssen etwas vorsichtig sein, wem wir eine Genehmigung erteilen. Wir erteilen eigentlich keine Genehmigungen für Ausrüstung".
Schnelle Hilfe ist vorerst nicht in Sicht: Die USA könnten den Ukrainern laut Reisner kaum Patriot-Raketen liefern, selbst wenn der Wille vorhanden wäre. Einschätzungen zufolge wurden im Krieg mit dem Iran mehr als 1200 dieser Hightech-Luftabwehrraketen verbraucht. Die Produktion läuft nur schleppend an. Die US-Bestände sind Reisner zufolge derzeit auf einem sehr niedrigen und sogar kritischen Niveau.
Ein Hoffnungsschimmer für die Ukraine dürfte ein europäisches Rüstungsprojekt sein: Im Juli hatten zehn europäische Staaten sowie rund ein Dutzend Rüstungsunternehmen in Paris vereinbart, ein europäisches Raketenabwehrsystem namens "Freyja" zu entwickeln. Dabei gibt es allerdings noch einen Haken.
Nach Angaben des stellvertretenden Sekretärs des Nationalen Sicherheits- und Verteidigungsrates der Ukraine, Dawyd Alojan, wird die erste funktionsfähige Version des Systems voraussichtlich frühestens in der ersten Hälfte des kommenden Jahres fertiggestellt sein. Das "Freyja"-System wird den Ukrainern in der laufenden akuten Phase der tödlichen russischen Raketenangriffe also nicht helfen können.