Politik

Wahl in Mecklenburg-Vorpommern Schwesig, der Herd und die Rache der AfD

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"Diese Wahl ist sehr wichtig. Wir wollen nicht am 5. September in einem Land aufwachen, das wir uns nicht wünschen", sagt Schwesig.

(Foto: picture alliance / dpa)

Manuela Schwesig will verhindern, dass ihr "MV" weiter nach rechts rutscht. Mit großem Einsatz stemmt sich die SPD-Ministerin gegen die AfD. Dabei geht es auch schon ein bisschen um die Zeit nach Sigmar Gabriel.

Ein Dutzend Kinderaugen blinzeln neugierig in Richtung Tür, als der Gast den Raum betritt. "Wer ist das?", fragt eine Erzieherin. "Die Helferin von Frau Merkel", sagt ein Junge. Manuela Schwesig kniet sich hin zu den kleinen Bewohnern der Betriebskita "Klinikzwerge" des Krankenhauses in Pasewalk. Dann fragt sie noch einmal: "Habt ihr eine Idee, um was ich mich kümmere?". Ein Junge ruft: "Um Frau Merkel." Schwesig lacht - und lässt das einfach mal so stehen.

Merkel-Kümmerin, SPD-Vizechefin, Familienministerin - zurzeit ist Schwesig vor allem Wahlkämpferin. Vor der Wahl am kommenden Sonntag in Mecklenburg-Vorpommern tourt sie durch ihr "MV", wie sie sagt. Schwesig ist Hoffnungsträgerin und Allzweckwaffe der Sozialdemokraten. Sie kämpft um "ihr" Land, die SPD - und ein bisschen auch um ihre eigene Zukunft.

Ortstermin in Pasewalk: Nachdem die Kinder ein Lied gesungen haben, spricht Schwesig mit einigen Müttern. Klappt das mit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf, fragt sie. "Nein", sagt eine Mutter. Ihr Mann sei auf Montage und viel unterwegs, die Kita zu teuer, die Öffnungszeiten nicht ausreichend. Schwesig hört interessiert zu. Sie hat selbst zwei Kinder, kehrte gerade erst aus der Elternzeit zurück. "Mein Mann und ich sitzen auch sonntags auf dem Sofa mit unseren Kalendern und gucken, wer wann kann", sagt sie. Die Ministerin weiß, wie sie helfen will. Mit dem Kita-Plus-Programm fördert sie 300 deutsche Kitas, die ihre Öffnungszeiten erweitern. Ihr Ziel ist die 24-Stunden-Kita.

"Wir halten das aus"

Schwesig pendelt zurzeit häufig zwischen Mecklenburg-Vorpommern und Berlin. Bis zum Wahlsonntag absolviert sie 30 Veranstaltungen, trifft alle 36 Direktkandidaten. Schwesig wurde in Frankfurt an der Oder geboren, dennoch ist MeckPomm "ihr" Land. Mit 21 ging sie 1995 als junge Steuerfahndungsprüferin nach Schwerin. Zwischen 2008 und 2011 war sie Sozial- und Gesundheitsministerin unter Ministerpräsident Erwin Sellering, zwischen 2011 und 2014 Arbeits- und Sozialministerin. Dann wurde "Küsten-Barbie", wie sie häufig spöttisch genannt wurde, Bundesministerin in Berlin. Mit ihrer Familie wohnt sie nach wie vor in Schwerin. Schwesig sorgt sich um ihre Heimat.

Zwar wächst die Wirtschaft, erstmals seit der Wende sind wieder weniger als 75.000 Menschen in dem Bundesland arbeitslos. Den Umfragen zufolge könnte die AfD mit 22 Prozent sogar zweitstärkste Partei werden. Die AfD macht die Flüchtlingskrise zum Hauptthema des Wahlkampfes. Dabei war das Bundesland davon weit weniger betroffen als andere. Der Ausländeranteil liegt bei vier Prozent. Das rechte Image dürfte sich am Wahlabend wieder einmal bestätigen. Schwesig ärgert das. Sie ist auch wütend über das enge Verhältnis zwischen AfD und NPD. Darüber, dass die AfD im Landtag NPD-Anträge unterstützen will. Deshalb greift sie die Rechtspopulisten offen an. Der Kampf gegen rechts ist neben der Familienpolitik ihr zweites Lieblingsthema.

Umso günstiger, wenn sich beides verbinden lässt. In der Woche vor der Wahl macht die Ministerin einen Abstecher nach Neubrandenburg. In der Stadt gibt es kaum eine Straßenlaterne, an der keine Plakate von AfD oder NPD hängen. "Wir müssen Flagge zeigen gegen rechts", sagt Schwesig bei einer Veranstaltung im Awo-Migrationszentrum. "Diese Wahl ist sehr wichtig. Wir wollen nicht am 5. September in einem Land aufwachen, das wir uns nicht wünschen", sagt Schwesig. Später kommt sie erneut auf die AfD zu sprechen. Die wolle die Frauen zurück an den Herd beordern. "Aus Frauensicht ist die AfD nicht wählbar." Als es Minuten später regnet, sagt sie: "Das ist die Rache der AfD. Aber wir Norddeutschen sind nicht aus Zucker und halten das aus."

SPD-Chefin, Fraktionsvorsitzende, Kanzlerkandidatin

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Wahlkampf am Strand auf Usedom: Schwesig im Gespräch mit Frauen.

(Foto: picture alliance / dpa)

Stunden später erreicht Schwesigs Limousine Heinrichswalde, ein 461-Seelen-Dorf in Vorpommern, Wahlkreis Uecker-Randow I. Die Ministerin trifft Direktkandidat Patrick Dahlemann. Der wurde 2014 durch ein Youtube-Video bekannt, als er bei einer NPD-Veranstaltung das Wort gegen die Rechtsextremen ergriff. Es gibt Blechkuchen und Würste vom Grill, eine Hüpfburg und einen Liedermacher, der den Kuchen lobt. Schwesig warnt vor der AfD. "Gehen Sie denen nicht auf den Leim." Die AfD mache alles schlecht, biete aber keine Lösungen an. Dann geht sie von Tisch zu Tisch. Direkt helfen kann sie meist nicht, aber zuhören, ein gutes Gefühl geben. Mutter Manuela. Der 28-jährige Dahlemann muss derweil zittern, wieder in den Landtag zu kommen. Er ist nicht über die Landesliste seiner Partei abgesichert, die Region stark von der CDU dominiert. Die halbe Parteispitze besuchte ihn bereits im Wahlkampf. Dahlemann will mit der Politik aufhören, wenn er es nicht schaffen sollte.

In der SPD ist die Stimmung jedoch zuversichtlich. Im Nordosten profitiert die Partei, die das Land seit 1998 regiert, von Sellerings Amtsinhaber-Bonus. Das Wahlergebnis wird schlechter ausfallen als 2011, dennoch dürfte die SPD stärkste Partei werden. Sie kann sich wahrscheinlich aussuchen, ob sie weiter mit der CDU oder mit Linken und Grünen regiert. Ein ungewohnter Luxus. Aber auch eine Stärkung für Sigmar Gabriel? Zumindest keine weitere Schwächung. Der umstrittene SPD-Chef bringt sich bereits für eine Kanzlerkandidatur in Stellung. Die Perspektive ist mies. Eine weitere Große Koalition wollen viele Genossen nicht. Die Union könnte aber auch mit den Grünen regieren. Wie auch immer es ausgeht: Gabriels Karriere wäre nach einer Wahlniederlage wohl beendet, Schwesigs nicht. Bei der Machtverteilung nähme sie neben Andrea Nahles und Heiko Maas eine Schlüsselposition ein. SPD-Chefin, Fraktionsvorsitzende, Kanzlerkandidatin 2021 – vieles ist denkbar. Schwesig ist 42. Sie hat noch viel vor: Familienarbeitszeit, Lohngleichheit für Mann und Frau, Angleichung von Ost- und Westrenten. Dinge, die es längst gäbe, würde die Union nicht blockieren – so stellt sie es zumindest da.

Heringsdorf auf Usedom: "Herrlich hier", sagt Schwesig, als sie barfuß über den Strand läuft. Vor der Ostseekulisse spricht sie angriffslustig in die Mikrofone der Journalisten. "Wir brauchen die Angleichung der Renten. Frau Merkel hat es den Rentnern 2009 versprochen. Wir können die Menschen nicht so lange hinhalten", sagt die Wahlkämpferin Schwesig. Am Strand ist sie mit Gewerkschaftsvertreterinnen und Unternehmerinnen verabredet. Strandkörbe, blauer Himmel, rauschende Wellen - aber die Stimmung ist schlecht. Die Frauen klagen. Über schlechte Löhne. Darüber, dass Krankenschwestern in Stuttgart mehr verdienen. "Wir sind die Besenkammer Deutschlands", sagt eine Frau. Der Gast aus Berlin in Strandkorb 308 erzählt von Familienurlauben an der Ostsee, vom Kita-Plus-Programm. Hört zu, lächelt, nickt verständnisvoll. Auch als eine Frau fordert, dass "die Bundesregierung endlich handeln" müsse.

Quelle: n-tv.de

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