Politik

Corona-Mahner Karl Lauterbach Seid gnädig mit dem Unglücksboten

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Lauterbach wirkt selten glücklich, doch er trägt tapfer sein Los.

(Foto: picture alliance/dpa)

Er ist die tragische Figur der Corona-Politik: Unermüdlich zieht SPD-Politiker Lauterbach durchs Land und warnt vor der Pandemie-Gefahr. Viele Menschen sind deshalb sauer auf Lauterbach, wenn sie eigentlich das Virus meinen - auch weil der Epidemiologe nicht immer glücklich kommuniziert.

7. November 2019. Im Bundestag bricht ein CDU-Abgeordneter am Rednerpult zusammen. Wenig später erleidet eine Parlamentarierin der Linke einen Schwächeanfall. Der Mann, der in beiden Fällen Erste Hilfe leistet, erntet viel Anerkennung. Zwei Jahre später erzählt er der "Süddeutschen Zeitung": "Mir passieren solche Notfälle regelmäßig, leider, bei Konzerten, auf Zugreisen. Ich habe schon in Flugzeugen Landungen herbeizwingen müssen."

Es scheint das Los des Karl Lauterbach zu sein, immer zur rechten Zeit am falschen Ort zu sein, "leider" permanent helfen und Menschen retten zu müssen. Statt als Held gefeiert zu werden, erntet Lauterbach Flüche, Wut und Zorn von Mitmenschen für Kollateralschäden, für die er nichts kann. Vielleicht erklärt dieses Missverständnis - was sind schon Zwischenlandungen gegen Menschenleben? - den Gesichtsausdruck des stets ernst und unglücklich wirkenden, der sein Schicksal ohne Wenn und Aber angenommen hat.

Aufsteiger 2020 in den Talkshow-Charts

Der beurlaubte Professor der Epidemiologie an der Uni Köln blickt immerzu drein, als erwarte er nichts Gutes, eher Schläge oder Hiobsbotschaften. Selbst wenn er lächelt, erinnert er an einen Nussknacker. Georg Philipp Schmidt von Lübeck muss sein von Franz Schubert vertontes Gedicht "Des Fremdlings Abendlied", erschienen 1821, für Menschen wie Lauterbach geschrieben haben: "Ich wandle still, bin wenig froh, Und immer fragt der Seufzer, wo? Im Geisterhauch tönt's mir zurück, Dort, wo du nicht bist, dort ist das Glück."

Lauterbach ist so ein Getriebener, ein Wanderer von Talkshow zu Talkshow, der sein Glück bei Illner, Lanz, Plasberg und Will sucht und nicht findet. Immer weiter, immer weiter, Woche für Woche, Tag für Tag. "Man muss immer präsent sein, Medienarbeit machen", erklärt er den Job des Politikers. Die Aufklärung der Bevölkerung ist Teil seiner Mission. Deshalb liest der Politiker/Wissenschaftler bis tief in die Nacht die neuesten Studien von Forscherkollegen in aller Welt, mit denen er mindestens "in engem Kontakt steht", wenn nicht "befreundet" ist. So kann Lauterbach gleich am Morgen im Frühstücksfernsehen unter Verweis auf das Ergebnis der allerjüngsten Studien aus Harvard und Oxford an das Volk appellieren, dieses zu tun und - vor allem - jenes zu lassen.

In den Charts der Talkshow-Teilnahmen schaffte es der Ober-Ermahner der Nation innerhalb eines Jahres von Platz 33 an die Spitze. Auf drei Auftritte 2019 folgten 14 im Jahr darauf. Nicht zuletzt deshalb thront die Silhouette des Schatten-Pandemie-Gesundheitsministers unverrückbar über dem ganzen Land. Nach dem 7. November 2019 hat Lauterbach "viel darüber nachgedacht: Wie ist unser Leben als Politiker eigentlich?" Antwort: "Komplett ungesund." Konsequenzen: keine. Was soll ein Getriebener wie er auch machen? Im Wissen, "das klingt jetzt kitschig", sagte er der "Süddeutschen": "Ich habe mich immer gefragt: Wie kann ich persönlich am wirkungsvollsten die Lage von Kranken verbessern? Deshalb habe ich Medizin studiert und bin dann in die Politik. Ich will etwas erreichen, und zwar in erster Linie für die Gesundheit der Bevölkerung." Etwas bissig könnte man fragen: Warum wollte er dann SPD-Chef werden?

Seine Redlichkeit kann man Lauterbach allerdings abnehmen. Es mag sein, dass seine Erklärung nur das ist, was der Volksmund "Selbstbetrug" nennt, also der theoretische Überbau für den Drang, bestimmte Dinge zu tun, um wahrgenommen zu werden. Die SZ-Journalisten hegten jedenfalls Zweifel und fragten nach: "Sie schweben also als freier Geist über den Dingen?" Lauterbach wich aus: "Eine gewisse Unabhängigkeit würde allen Abgeordneten guttun." Ebenso der Frage: "Sie sind doch eitel, oder?" Lauterbach: "Das wird jedem Politiker nachgesagt." Allerdings sei er bei bestimmten Sachen "sehr uneitel, wirklich. Ich kleide mich nicht wie ein Dressman."

Lauterbach spricht über Fehleinschätzungen

Dafür rackert Lauterbach wie ein Tier. Wobei das vielen Leuten im Land auch wieder nicht gefällt: Sie unterstellen ihm Politik als Selbstzweck - und vergessen bisweilen, dass der Sozialdemokrat bei seinen allermeisten Prognosen richtig lag. Der 58-Jährige mag ein Besserwisser sein, ein Klugscheißer ist er nicht. Anfang Mai 2020 sagte Lauterbach etwa: "Regulärer Unterricht fällt für mindestens ein Jahr aus." Wie so oft bekam er dafür verbal Prügel, dabei wäre es besser gewesen, die Kultusminister hätten auf ihn gehört und entsprechende Vorbereitungen getroffen. Und im Gegensatz zu vielen anderen Politikern ist das SPD-Orakel in der Lage, Fehler zuzugeben: "Die Geisterspiele der Fußball-Bundesliga haben sich als sicherer erwiesen, als ich gedacht habe."

Auf seinem Twitter-Account hat er einen Tweet angeheftet, in dem er mit dem Satz zitiert wird "Das wird ein super Sommer." Doch was Lauterbach fehlt, ist jede Form von Optimismus. Sein Unvermögen, Zuversicht zu verbreiten, ist ein Grund, dass er so polarisiert. Seinen Gegnern macht es der Sozialdemokrat leicht, weil seine Vorschläge immer wieder als von oben herab missverstanden werden. Wer als Bundestagsabgeordneter finanziell abgesichert ist, hat es vermeintlich leicht, einen konsequenten Lockdown nach dem anderen einzufordern und jede gewünschte Maßnahme mit dem Hinweis auf eine "nationale Notlage" zu untermauern, als gebe es keine Notlagen im Kleinen. Lauterbachs beide Lieblingssätze "Wir müssen das jetzt tun. Sonst wird alles noch viel schlimmer." suggerieren Alternativlosigkeit und lassen ihn in manchem Ohr herzlos klingen.

Todesdrohungen? Selbst schuld!

Selbst in der SPD wünschen sich viele, Lauterbach solle doch bitte die eine oder andere Medienanfrage ignorieren. Für einen Teil des Publikums hat er sich den Titel des Panikmachers erworben. Wie bei der unnötigen Aussage: "Die Unverletzbarkeit der Wohnung darf kein Argument mehr für ausbleibende Kontrollen sein." Auch wenn es nicht so gemeint gewesen sein sollte, es klang wie der Aufruf an die Polizei, Beamte in die Heime uneinsichtiger Bürger zu schicken. Prompt tobte "das Netz". In Leserforen wurde der Sozialdemokrat absurderweise zum "Fall für den Verfassungsschutz" erklärt und behauptet: "Was Lauterbach vorschlägt, führt direkt in eine Diktatur mit Polizeistaat."

Selbst Todesdrohungen gegen ihn und seine Familie werden in einer erbarmungslosen Tonalität als nicht so schlimm dargestellt, nach dem Motto: selbst schuld. "Er muss sich nicht dauernd aus dem Fenster hängen und Freiheitsbeschränkungen fordern", hieß es etwa Mitte Februar, nachdem Lauterbach getwittert hatte: "Erneut rollt eine Hasswelle über mich im Internet, mit Morddrohungen und Beleidigungen, die schwer zu ertragen sind. Immer wieder Aufrufe zur Gewalt." Dabei hatte der Sozialdemokrat lediglich vor einer dritten Welle der Pandemie gewarnt - und leider wird er wieder einmal recht behalten. Daher: Gnade für Karl Lauterbach.

Quelle: ntv.de

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