Politik
Türkische Muslime in einer Stuttgarter Ditib-Moschee.
Türkische Muslime in einer Stuttgarter Ditib-Moschee.(Foto: dpa)
Mittwoch, 29. März 2017

Buch dokumentiert Predigten: So sind Moscheen keine Orte der Integration

Von Nora Schareika

Was wird in Moscheen in Deutschland gepredigt? Weil fast niemand es weiß, fordern Politiker mehr Überwachung oder gleich deutschsprachige Predigten. Der Journalist Constantin Schreiber hat einen anderen Ansatz gewählt.

Ernüchternd nennt der Journalist Constantin Schreiber das, was er in seiner monatelangen Recherche über Moscheen in Deutschland zutage gefördert hat. Er hätte gerne ein positives Beispiel dokumentiert, doch er sei auf keines getroffen. Beinahe entschuldigend klingt das, denn Schreiber weiß um die Brisanz der Inhalte aus 13 Freitagspredigten, die er in deutschen Moscheen aufgezeichnet und in dem Buch "Inside Islam – Was in Deutschlands Moscheen gepredigt wird" dokumentiert hat. Bereits bei den Recherchen warfen ihm angefragte Fachleute vor, er wolle "Islambashing" betreiben.

Die Vorhaltung, es fehlten positive Beispiele, ertönt denn auch bei der Buchvorstellung in Berlin. Der nach eigener Aussage "burkaphobe" CDU-Politiker Jens Spahn, den Schreiber eingeladen hat, stößt sich nicht daran, sondern fordert als Konsequenz seiner Lektüre ein zentrales Moscheenregister und eine Debatte "ohne Schaum vor dem Mund". "Die Integration ist die größte Baustelle, die wir derzeit in Deutschland und in Europa haben", sagte Spahn. Angesichts dessen seien die Inhalte der Predigten aus Schreibers Buch "frappierend".

Für sein Buchprojekt besuchte Constantin Schreiber die Freitagsgebete in 13 zufällig ausgewählten Moscheen.
Für sein Buchprojekt besuchte Constantin Schreiber die Freitagsgebete in 13 zufällig ausgewählten Moscheen.(Foto: dpa)

"Mein Ansatz ist nicht reißerisch, sondern ich wünsche mir eine Debatte", sagt Schreiber n-tv.de. Eine Debatte darüber, dass in der deutschen Durchschnittsmoschee Dinge gepredigt werden, die er als "mindestens nicht integrationsfördernd" und zum Teil "nicht akzeptabel" bezeichnet. Salafistische Moscheen hatte er außen vor gelassen, ansonsten aber alle Moscheen besucht, die er kannte, die ihm aufgefallen oder genannt worden waren. "Beherrschendes Thema der Predigten war die Trennung zwischen 'wir' und 'die' und die Warnung vor der Welt da draußen", sagt der Journalist, der selbst Arabisch spricht und in mehreren arabischen Ländern gearbeitet hat. 2015 produzierte er für n-tv die Reihe "Marhaba - willkommen in Deutschland", die sich an Flüchtlinge richtete und im Jahr darauf mit dem Grimmepreis ausgezeichnet wurde.

Die Predigten besuchte Schreiber von Juni bis Dezember 2016. Die Freitagspredigt entspricht in ihrer Bedeutung etwa dem christlichen Sonntagsgottesdienst. Vermisst hat Schreiber in den Ansprachen der Imame vor allem Brückenschläge nach Deutschland. "Wir hatten 2015 eine riesige Fluchtwelle nach Deutschland, viele Deutsche waren in der Flüchtlingshilfe aktiv. Die Anlässe, Gemeinsames herauszustellen, lagen auf der Straße", betont er. Stattdessen hätten die Predigten Trennendes hervorgehoben. In einer Berliner Moschee hieß es demnach, die hiesige Umgebung gleiche "einem gewaltigen Strom, der dich auflöst, dich auslöscht, dir deine Werte nimmt und durch seine Werte ersetzt". Andere Predigten waren weniger explizit, dafür aber spirituell abgehoben und metaphernreich. Türkische Predigten erlebte Schreiber als mitunter mehr politische denn religiöse Ansprachen. In arabischen Moscheen habe man sich besonders um die Glaubensfestigkeit der Besucher gesorgt.

Schwierige Suche nach Übersetzer

Schreiber betont, wo es geht, dass er eine "journalistische Reportage" abgeliefert habe, anhand des Materials keinerlei empirische Schlussfolgerungen ziehen könne und als Journalist sowieso keine politischen Forderungen aufstellen wolle. "Inside Islam" ist dennoch eine bislang einzigartige Transkriptionsarbeit kompletter Freitagspredigten. Deren Übersetzung ist mühselig und wegen vieler enthaltener Bezüge, die selbst für Fachleute nicht ohne weiteres zu decodieren sind, nicht unproblematisch. Deshalb bietet Schreibers Buch für Nicht-Muslime aber eben überhaupt mal einen Eindruck vom gesprochenen Wort arabischer und türkischer Imame, die selbst bis auf einen der dokumentierten Fälle kein Deutsch beherrschen. In fünf Moscheen waren die Imame bereit zum Gespräch. So weit sie ihre Perspektive auf die Predigten offenlegten, sind sie im Buch ebenfalls dokumentiert.

Eine Überraschung erlebte der Autor bei seiner Suche nach Fachleuten, die er für Übersetzung und Einordnung anfragte. Das komplexe Vorhaben stieß demnach auf Abwehr und Widerwillen. Ein Islamwissenschaftler riet ihm etwa per Mail, das Projekt fallenzulassen. Es vertiefe Gräben, "weil selbst liberale und tolerante Leser die Texte einfach extrem unverständlich und fremdartig und 'krude' finden". Der Wissenschaftler, der nicht namentlich genannt wird, betont in seiner Mail weiter, dass viele Muslime in Deutschland genau deshalb nicht in die Moschee gingen, weil ihnen die Imame hier im Allgemeinen zu konservativ seien.

Schreiber berichtet in diesem Punkt von einer ähnlichen Erfahrung. "Syrische Flüchtlinge, die ich in den Moscheen angesprochen habe, sagten: 'Das ist aber wesentlich konservativer als das, was wir bei uns zuhause kennen'". Andere Moscheebesucher hätten die Inhalte der Predigten aber als normal akzeptiert – auch wenn im Einzelfall unklar ist, inwieweit die Gläubigen sie verstehen und inwiefern dies Einfluss auf ihre individuellen Einstellungen hat.

Wie viele Moscheen gibt es wirklich?

Tatsächlich ist die Problematik ja nicht neu, dass man nicht genau weiß, was in Moscheen gepredigt wird. Im vergangenen Jahr sorgte die Forderung von Unionsfraktionschef Volker Kauder, Moscheen staatlich zu kontrollieren, für eine Diskussion. Der Chef des Verfassungsschutzes, Hans-Georg Maaßen, gab Anfang Mai bekannt, dass seine Behörde 90 Moscheen überwache, und deutete an, dass es eigentlich mehr sein müssten. Sogenannte "Hinterhofmoscheen" gelten seit Jahren als Parallelwelt, in der islamistische Denkweisen ganz normal sind.

Schreibers Projekt legt offen, dass deutsche Sicherheitsbehörden trotzdem keinen Überblick haben – nicht einmal, wenn es um die bloße Zahl der Moscheen im Land geht. Laut einer Studie des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge sind es rund 2340 – die Zahl stammt aber von 2012. Die Vermutung liegt nahe, dass es weit mehr sind. Schreiber berichtet von einer Moschee im Berliner Stadtteil Wedding, die er nur durch Nachfrage bei einem Dönerimbiss in einem nahegelegenen Industriebau fand. Gebete in fast allen besuchten Moscheen hätten "in Schichten" stattgefunden, weil nicht genug Platz war. Bei einer Anfrage an das Bundesinnenministerium erhielt der Journalist die Antwort, man wisse nicht, wie viele Moscheen es in Deutschland gebe. Aber er solle sich melden, wenn er eine Zahl habe.

Quelle: n-tv.de