Politik

RKI-Chef und Minister frustriert Spahn und Wieler fordern Vollbremsung

a2955fd4ff5959e31da9edc6be43d144.jpg

Viel deutlicher hätten die Worte Wielers und Spahns nicht ausfallen können.

(Foto: REUTERS)

RKI-Chef Wieler und Gesundheitsminister Spahn fordern mehr Kontaktbeschränkungen. Je mehr, desto besser. Der Ton könnte deutlicher kaum sein. Angesprochen müssen sich nicht nur alle Menschen im Land fühlen, sondern auch die neue Regierung.

Was denn noch passieren müsse, damit die Menschen merkten, dass Covid-19 eine schwere Krankheit ist, fragt am Morgen RKI-Chef Lothar Wieler auf seiner x-ten Corona-Pressekonferenz mit dem geschäftsführenden Gesundheitsminister Jens Spahn. Wieder einmal sitzt er in der Bundespressekonferenz und soll seine Lageeinschätzung abgeben. Doch seine Nüchternheit hat der Wissenschaftler längst abgelegt. Zumindest für seine Verhältnisse. Schon in den vergangenen Wochen forderte er eine Notbremse, es sei fünf vor zwölf, sagte er, dann war es fünf nach zwölf, schließlich erfand er das Bild von einem Tanker, der auf die Kaimauer zusteuere. An diesem Morgen bittet er die Hauptstadtpresse, für einige Sekunden innezuhalten und der 100.000 Todesopfer der Pandemie zu gedenken.

Im zweiten Pandemie-Winter scheint Deutschland in Lethargie gefangen. Immer neue Höchststände bei den Neuinfektionen, mehrere Hundert Tote pro Tag und eine ungebremst steigende Sieben-Tage-Inzidenz tun das offenbar nicht, was Spahn und Wieler an diesem Morgen wieder versuchen: aufrütteln. Ihre Wortwahl ist deutlich: "Die Lage ist so ernst wie nie", sagt Spahn. Wieler zeichnet ein dramatisches Bild von den Intensivstationen. Beide fordern, nun die Kontakte drastisch zu reduzieren. "So viel wie möglich", "je früher, desto besser". Wielers Appell für Kontaktreduktionen ist so flammend, dass er das nur noch toppen könnte, wenn er tatsächlich ein Feuer auf dem Tisch vor ihm anzünden würde.

Dabei fällt auf, dass beide, auch auf Nachfrage, das Wort "Lockdown" vermeiden, vielleicht weil es als Begriff verbrannt ist und automatisch zu viel Widerspruch auslöst. Als ein Journalist fragt, ob Deutschland einen Lockdown wie die Slowakei brauche, sagt Spahn: "Umso stärker wir jetzt auf die Bremse treten, desto besser. Alles, was wir jetzt nicht an Kontakten reduzieren, wird noch drastischere Maßnahmen notwendig machen." Das aber ist genau das, was ein Lockdown leistet. Zudem in den vergangenen Monaten auch Schulschließungen gehörten.

Auch Spahn machte Fehler

Spahn kann als Gesundheitsminister nicht für die Kontaktreduktionen sorgen. Das müssen die Länder tun. Oder jeder Mensch persönlich. Er macht aber vor allem der kommenden Ampel-Regierung Druck. "Manche sagen, man wolle sich jetzt erst mal zehn Tage Zeit nehmen und schauen", sagt Spahn und meint damit Annalena Baerbock, die genau das gesagt hatte. "Zu viele in politischer Verantwortung scheinen zu denken, es wird schon irgendwie gut gehen", behauptet er. Man könnte ihm vorwerfen, dass er selbst auch zu diesen Verantwortlichen gehörte. Schließlich hatte er vor einigen Wochen ebenso das Ende der epidemischen Lage von nationaler Tragweite gefordert - mit der ausdrücklichen Begründung, dass nun schon so viele Menschen geimpft seien.

Doch das war gestern, heute ist die Frage, was hilft, um die vierte Welle zu brechen. Fakt ist, dass die Ampel-Koalition mit 3G am Arbeitsplatz und im öffentlichen Verkehr, mit flächendeckendem 2G und der Testpflicht in Altenheimen strengere Maßnahmen auf den Weg gebracht hat, als es sie bisher gab. Noch ist nicht abzusehen, wie viel das hilft. Doch Experten sehen darin nicht die Trendwende. "Es nützt alles nichts. Es braucht deutlich mehr Kontaktbeschränkungen, 2G plus und die Absagen von Großveranstaltungen und Feiern", sagt Spahn. Er fordert zudem, dass Bund und Länder sich möglichst bald wieder zusammensetzen. Eigentlich ist eine solche Runde erst am 9. Dezember geplant. "Das Beste wäre, wenn die Ministerpräsidentenkonferenz schon in den nächsten Tagen tagt", fordert er. Auch wegen der Signalwirkung: "Allein das gemeinsame Agieren und öffentliche Verhandeln hat bei vielen dazu geführt, dass sie ihr Verhalten ändern", glaubt der Minister.

Kritik an der STIKO

Spahn hat sich selbst in den letzten Wochen viel Kritik eingehandelt. Zuletzt etwa, weil er feststellte, dass die Moderna-Vorräte bald verfallen und der Impfstoff bitte vorrangig gespritzt werden sollte. Auch er sah diesen Winter-Anstieg nicht kommen. Er sagt nun natürlich auch wieder, wie sehr er davor gewarnt hat, was alles bereits im Sommer entschieden wurde. Dabei übt er auch Kritik an der Ständigen Impfkommission (STIKO). Die sei sehr wichtig, aber kein Instrument für Pandemiezeiten. Dass trotz Booster-Empfehlung für alle seitens Gesundheitsminister viele Ärzte dennoch auf die STIKO-Empfehlung warteten, habe zu Verzögerungen geführt. "Wenn 17 Gesundheitsminister eine Entscheidung treffen, dann ist das die, die gelten muss", so Spahn.

Spahn und Wieler lassen keinen Zweifel daran, dass jetzt gehandelt werden muss. "Wir haben alle Daten, alle Informationen, die benötigt werden, um sachgerecht zu entscheiden", sagt der RKI-Chef. Das sagt er auch mit Blick auf den neuen Krisenstab, den Olaf Scholz im Kanzleramt einrichten will. Über den äußert sich auch Spahn kritisch: "Dabei wird der Eindruck erweckt, als hätten wir keine Krisenstäbe", sagt er. Man könne einen weiteren einrichten, das sei dann aber keine Innovation. "Ich habe aktuell den Eindruck, dass die Entscheidung, die zu treffen sind, nicht mangels wissenschaftlicher Untermauerung getroffen werden."

Sondern? Dazu sagt er nichts - aber man darf davon ausgehen, dass er meint, die Ampel-Koalition traue sich an die unangenehme Entscheidung nicht heran. Die Entscheidung zu dem, was auch er sich offenbar nicht traut, klar auszusprechen: Jetzt für einen harten Lockdown zu sorgen.

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen