Politik

Tägliche Corona-Zahlen steigen Spahn verteidigt Testpflicht

Die Gesundheitsämter melden dem Robert-Koch-Institut erstmals seit Anfang Mai wieder mehr als 1000 Corona-Neuinfektionen pro Tag. Für Minister Spahn ist das kein Grund zur Beunruhigung. Über die zukünftigen Maßnahmen im Kampf gegen das Virus sollen keine einzelnen Kennzahlen entscheiden.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hat die Testpflicht für Urlauber, die aus Risikogebieten zurückkehren, verteidigt. "Ja, das ist ein Eingriff in die Freiheit", sagte der CDU-Politiker bei RTL, "aber aus meiner Sicht ein zumutbarer Eingriff". Freiheit komme "immer auch mit Verantwortung". Eine Testpflicht sei daher "in Freiheit gelebte Verantwortung".

Die Zahl der Corona-Neuinfektionen in Deutschland liegt zuletzt wieder so hoch wie seit drei Monaten nicht mehr. Spahn appellierte daher erneut an die Vernunft der Bevölkerung: "Wir werden dieses Virus nur im Team bekämpfen und in Schach halten", sagte er.

Im ZDF sagte Spahn, dass Deutschland bei den Corona-Zahlen noch in einer Größenordnung sei, mit der das Gesundheitswesen und der öffentliche Gesundheitsdienst umgehen könne. "Wenn wir uns jetzt stabilisieren auf einem bestimmten Niveau, dann können wir damit umgehen. Wenn die Zahlen weiter steigen, dann kommt es auf uns alle an, im Alltag aufeinander zu achten und eben weitere Maßnahmen tatsächlich auch nicht nötig zu machen."

Zuletzt hatte das Robert-Koch-Institut (RKI) erstmals seit drei Monaten mehr als 1000 Neuinfektionen binnen 24 Stunden registriert. Die Gesundheitsämter in Deutschland meldeten dem RKI demnach 1147 neue Corona-Infektionen innerhalb eines Tages, wie es am frühen Morgen hieß. Die Zahl der Neuinfektionen in Deutschland hat damit den höchsten Wert seit Anfang Mai erreicht. Bereits am Donnerstag lagen die Neuinfektionen mit 1045 Corona-Fällen erstmals wieder über der Schwelle von 1000.

Spahn hatte daraufhin erneut an die Bürger appelliert, die Hygieneregeln einzuhalten. Die Schwelle von 1000 neuen Corona-Fällen war zuletzt am 7. Mai überschritten worden. Danach war die Zahl in der Tendenz gesunken, seit Ende Juli steigen die Werte wieder. Der Höhepunkt bei den neuen Ansteckungen wurde Anfang April mit mehr als 6000 erreicht.

In der ntv-Zählung, die sich unabhängig von den im Infektionsschutzgesetz vorgeschriebenen Meldewegen auf die Angaben der Behörden und Ministerien der 16 Bundesländer stützt, lag der Tagesanstieg am Donnerstagabend bei 969. Auf Basis der Länderschätzungen zur Genesenenzahl können 195.016 Personen als geheilt gelten. Die Zahl der aktiven Infektionen liegt damit rein rechnerisch bei knapp 9154 Infizierten. Im Zusammenhang mit der Krankheit Covid-19 sind bislang 9178 Menschen gestorben.

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"Das ist rücksichtslos und unverantwortlich"

Auf die Frage, ab wann wieder eine Art Lockdown notwendig wäre, unterstrich Spahn die Linie, im Fall der Fälle vor allem auf regionale Maßnahmen zu setzen. Er betonte, es gebe nicht "die eine Zahl, auf die alles reduziert werden kann". "Es gibt den Steigerungsfaktor - also um wie viel dynamischer wird das Infektionsgeschehen? Es gibt die absolute Zahl der Infektionen. Mit um die 1000 Neuinfektionen pro Tag kann das Gesundheitswesen umgehen."

SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil forderte derweil ein strengeres Durchgreifen gegen Menschen, die gegen die Maskenpflicht verstoßen. "Diejenigen, die leichtfertig keinen Abstand halten und die Maskenpflicht ignorieren, gefährden damit auch, dass Kinder wieder in die Schule gehen und Arbeitsplätze gesichert werden können", sagte er dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. "Das ist rücksichtslos und unverantwortlich. Dagegen müssen wir schärfer vorgehen." Er erwarte zum Beispiel von der Deutschen Bahn, dass sie die Maskenpflicht in ihren Zügen konsequent durchsetzt.

Mehrere Bundesländer hatten zuletzt angekündigt, ihre Gangart gegen Maskenverweigerer zu verschärfen. Mit Blick auf die gestiegenen Zahlen warnte Klingbeil: "Wenn wir nicht aufpassen, sind die Erfolge der letzten Monate im Kampf gegen Corona gefährdet." Alle müssten sich weiter an Maskenpflicht und Abstandsregeln halten. "Es ist im Interesse aller, dass Deutschland nicht in eine zweite Welle rutscht."

Virologe Streeck ist nicht beunruhigt

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Die Vorsitzende des Bundesverbands der Ärztinnen und Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes, Ute Teichert, sagte in der ZDF-Sendung "Dunja Hayali" am Donnerstagabend, bisher habe Deutschland die Krise gut geschafft. "Ich glaube aber, dass wir uns in einer falschen Sicherheit im Moment wiegen, dass wir einfach die Zeit etwas aus den Augen verloren und verpasst haben." Sie fügte hinzu: "Alle haben geglaubt, es kommt erst im Herbst - jetzt haben wir August und die Zahlen gehen hoch." Die Linke-Vorsitzende Katja Kipping äußerte sich in der Sendung kritisch zur deutschen Corona-Politik: "Ich glaube, wir haben zu schnell gelockert", sagte sie.

Der Bonner Virologe Hendrik Streeck zeigte sich dagegen nicht beunruhigt von der Zahl von mehr als 1000 Neuinfektionen an einem Tag. "Zurzeit haben wir keine wesentliche Zunahme von schweren Corona-Fällen auf den Intensivstationen zu verzeichnen, obwohl seit gut einer Woche die Infektionszahlen gestiegen sind", sagte er der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Streeck plädierte dafür, "souveräner" mit dem Virus umzugehen. "Wir dürfen nicht bei jedem Anstieg der Infektionszahlen in Panik geraten." Das Virus werde bleiben. "Das Ziel ist und war es, das Gesundheitssystem nicht zu überlasten, und dass jeder die bestmögliche Versorgung bekommt. Das ist ein realistisches Ziel."

Quelle: ntv.de, fzö/dpa