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Prozess gegen KZ-Wachmann Täter und Opfer liegen sich in den Armen

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Er habe gemerkt, dass er vergeben müsse, sagt der KZ-Überlebende Loth (r.) vor Gericht aus.

(Foto: picture alliance/dpa)

Als Kleinkind überlebt er das Konzentrationslager Stutthof. Aber auch nach dem Krieg muss Moshe Peter Loth weitere Schicksalsschläge ertragen. Im Prozess um einen ehemaligen SS-Wachmann demonstriert der 76-jährige Zeuge nun, wie er seinen Hass überwunden hat.

Im Hamburger Prozess gegen einen ehemaligen Wachmann im KZ Stutthof haben sich ein Zeuge aus den USA und der 93 Jahre alte Angeklagte umarmt. Nach seiner Aussage als Zeuge und Nebenkläger ging der 76-jährige Moshe Peter Loth auf den in einem Rollstuhl sitzenden Angeklagten zu. An die Zuschauer gewandt sagte er: "Passen Sie alle auf! Ich werde ihm vergeben." Dann umarmten sich die beiden Männer fest. Nach der Verhandlung sagte Loth, beide hätten geweint.

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Moshe Peter Loth wurde im KZ Stutthof geboren. Bei Kriegsende wurde er von seiner jüdischen Mutter getrennt.

(Foto: picture alliance/dpa)

Dem Angeklagten wird Beihilfe zum Mord in 5230 Fällen vorgeworfen. Als SS-Wachmann soll er zwischen dem 9. August 1944 und dem 26. April 1945 "die heimtückische und grausame Tötung insbesondere jüdischer Häftlinge unterstützt" haben. Zu seinen Aufgaben habe es gehört, die Flucht, Revolte und Befreiung von Häftlingen zu verhindern, heißt es in der Anklage.

Der in Florida lebende Zeuge hatte in seiner Aussage berichtet, dass seine jüdische Mutter am 1. März 1943 festgenommen worden sei, als sie mit ihm im dritten Monat schwanger war. Sie habe ihn in Gefangenschaft zur Welt gebracht. 1944 seien beide ins KZ Stutthof bei Danzig gebracht worden. Bei Kriegsende habe man ihn von seiner Mutter getrennt. Nach seiner Kindheit und Jugendzeit in Polen sei er über Deutschland in die USA gekommen.

Nazi-Opa ließ jüdische Ehefrau töten

Sein Großvater sei ein Nazi gewesen, sein Onkel ein SS-Offizier, der selbst in Stutthof Dienst geleistet habe, sagte Loth. Der Großvater habe seine jüdische Frau von der Gestapo umbringen lassen und seine jüdische Tochter ins Lager gebracht. Nach der Trennung von seiner Mutter habe eine Polin sich um ihn gekümmert, sagte Loth. Die Russen hätten ihn nach dem Krieg in ein Waisenhaus gesteckt. "Da kamen die Soldaten nachts, haben die Kinder missbraucht und vergewaltigt."

In seinen Papieren habe gestanden, er sei Deutscher. "Dafür wurde ich bestraft, nach dem Krieg." Nach jahrelanger Suche habe die polnische Frau, die sich um ihn gekümmert habe, den Kontakt zu seiner inzwischen in Deutschland lebenden Mutter herstellen können. Sie sei mit einem schwarzen US-Soldaten verheiratet gewesen und habe ihm nach Polen geschrieben. Weil der Brief von einem US-Militärstützpunkt kam, hätten ihn die Russen für einen Spion gehalten. Sie hätten ihm, damals 15 Jahre alt, Zähne ausgeschlagen und die Hände gebrochen.

"Ich muss vergeben"

Auf Druck der deutschen Regierung sei er jedoch freigekommen und habe zur Familie seiner Mutter ausreisen dürfen. Nur ein Jahr später sei sein Stiefvater zurück in die USA versetzt worden. Die Familie habe in Georgia gelebt. Als Kind aus einer schwarzen Familie habe er in dem Südstaat 1959 nicht auf eine weiße Schule gehen dürfen.

Aber auch die schwarzen Schulen hätten ihn abgelehnt, wegen seiner weißen Hautfarbe. Sein Stiefvater habe angefangen, ihn und seine Halbgeschwister zu missbrauchen. Da sei er weggelaufen. "Ich war voller Hass, bis ich gemerkt habe, ich muss vergeben", sagte Loth. Inzwischen habe er acht Kinder und 15 Enkel. Nach seinem Arbeitsleben unter anderem in einem Atomkraftwerk reise er heute viel herum und halte Vorträge als Holocaust-Überlebender.

Da keiner der Prozessbeteiligten - auch nicht der Verteidiger - Nachfragen hatten, erlaubte die Vorsitzende Richterin Anne Meier-Göring dem Zeugen, als Nebenkläger den Angeklagten zu befragen. Der 93-Jährige betonte dabei erneut, dass er nicht freiwillig Soldat und SS-Wachmann in Stutthof geworden sei und dass es ihn erschüttere, was in dem KZ geschehen sei. Dann fragte Loth nach den Worten einer Dolmetscherin: "Würden Sie mir vergeben, dass ich wütend war und hasserfüllt?" Der Angeklagte antwortete: "Auf jeden Fall. Ich habe keinen Hass."

Vergebung kommt nicht bei allen gut an

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Die Auschwitz-Überlebende Eva Mozes Kor konnte ihren Peinigern verzeihen.

(Foto: imago images / Sabine Gudath)

Loth ist nicht der einzige Holocaust-Überlebende, der das Undenkbare getan und ehemaligen NS-Tätern verziehen hat. Auch Eva Mozes Kor, eine Jüdin aus dem rumänischen Siebenbürgen, die gemeinsam mit ihrer Zwillingsschwester in Auschwitz zum Versuchskaninchen des berüchtigten KZ-Arztes Josef Mengele wurde, vergab ihren Peinigern Jahrzehnte nach Kriegsende. In einer Rede am 50. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz sagte sie am 27. Januar 1995: "In meinem eigenen Namen vergeben ich allen Nazis."

Die Entscheidung wurde teilweise scharf kritisiert, auch vom Internationalen Auschwitz Komitee. Kor verletze mit ihren Aussagen die Integrität der anderen Auschwitz-Überlebenden, hieß es unter anderem. An die Kritiker gerichtet sagte Kor: "Den Leuten, die Rache wollen, kann ich nur sagen: Verzeihung ist die beste Rache. Denn von dem Moment an haben die Täter keine Macht mehr über dein Leben." Die Welt sei voll von Gedenktagen und jede Opfergruppe erinnere sich bestens an ihre eigenen Tragödien. "Doch haben die Erinnerungen je verhindert, dass es zu einer neuen Katastrophe kommt?" Alles Gedenken bringe nichts, wenn man nicht auch Lehren ziehe.

Quelle: n-tv.de, lri/dpa

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