Politik

Kommt Frieden für Afghanistan? Taliban und Kabul reden erstmals miteinander

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Vertreter der Taliban in Doha.

(Foto: REUTERS)

Es ist schon jetzt ein Meilenstein im Afghanistan-Konflikt: Die Taliban und die Regierung von Ministerpräsident Ghani starten nach 19 Jahren Konflikt ihre Friedensgespräche. Für eine Einigung braucht es viele Kompromisse. Die Taliban erkennen die Regierung bisher nicht an und wollen ein afghanisches "Emirat".

Fast zwei Jahrzehnte nach der US-geführten Militärinvasion in Afghanistan haben in Katar innerafghanische Friedensgespräche begonnen - sechs Monate später als geplant. Delegationen der Taliban und der Regierung Afghanistans kamen in Doha für eine Eröffnungszeremonie zusammen. US-Außenminister Mike Pompeo erklärte, die Konfliktparteien dürften die "historische Gelegenheit" zur Beendigung des Krieges in Afghanistan nicht vergeuden. Pompeo wird selbst am Auftakt der Gespräche in Doha teilnehmen.

Die von den USA unterstützen Verhandlungen sind ein Meilenstein in dem 19-jährigen Konflikt. US-Präsident Donald Trump sagte auf einer Pressekonferenz, sein Außenminister mache sich auf den Weg in die katarische Hauptstadt und begebe sich auf eine "historische Reise". Pompeo forderte von den Verhandlungsführern, "den Pragmatismus, die Zurückhaltung und die Flexibilität zu zeigen, die notwendig sind, um diesen Prozess zu einem Erfolg zu machen".

Die Afghanistan-Expertin Vanda Felbab-Brown vom Brookings-Institut in Washington sagte, die Verhandlungen könnten sich über Jahre hinziehen "mit vielen Pausen und Unterbrechungen, manchmal für Monate, während die Kämpfe weitergehen".

Vage Zusage der Taliban

Bis zu einem Friedensschluss müssen viele Kompromisse gefunden werden. Die Taliban, die die Regierung von Aschraf Ghani nicht anerkennen, wollen aus dem Land ein islamisches "Emirat" machen. Die Ghani-Regierung möchte den Status-Quo einer konstitutionellen Republik mit festgeschriebenen Grundrechten und Freiheiten, etwa für Frauen, aufrecht erhalten.

Die Taliban haben bisher nur vage Zusagen gemacht, etwa Frauenrechte durch "islamische Werte" schützen zu wollen. Viele Afghanen fürchten bei einer Rückkehr der radikalislamischen Gruppe an die Macht auch eine Rückkehr von deren Politik - etwa von drakonischen Strafen wie der Hinrichtung von Frauen wegen Ehebruchs. "So sehr wir Frieden wollen, wir wollen auch die Fortschritte der vergangenen Jahre behalten", sagte Aminullah, ein 35-jähriger Lehrer in der Provinz Kundus.

"Position von großer Stärke"

Die Taliban, die Afghanistan zwischen 1996 und 2001 bis zum Einmarsch der USA nach den Terroranschlägen vom 11. September beherrschten, gehen gestärkt in die Verhandlungen. Einen Vertrag mit der US-Regierung über den schrittweisen Abzug der US-Streitkräfte bis Anfang des kommenden Jahres hatten sie als Sieg gefeiert. Als Gegenleistung hatten sie Sicherheitsgarantien gegeben, die Kritiker als vage bezeichnet hatten.

Die Gespräche waren ursprünglich bereits für März geplant gewesen. Fortgesetzte Kämpfe und Streitigkeiten über die Freilassung von Gefangenen hatten jedoch den Beginn der Verhandlungen verzögert.

"Das Auftreten der Taliban deutet darauf hin, dass sie ihre gegenwärtige Position als eine von großer Stärke wahrnehmen", sagte Andrew Watkins, ein Afghanistan-Experte der International Crisis Group. Zudem würden die Aufständischen in der Regel als einheitliche Gruppe auftreten, während die Regierung in Kabul durch persönliche Fehden und Rivalitäten gespalten ist.

Waffenruhe ab Tag eins?

Ein unmittelbarer Streitpunkt wird voraussichtlich die Frage um einen sofortigen Waffenstillstand in dem Konflikt, in dem bereits Zehntausende Menschen getötet wurden und Millionen vertrieben. Das US-Abkommen sieht einen solchen nur als "Punkt auf der Tagesordnung". Die afghanische Regierung besteht aber auf einer Waffenruhe ab Tag eins - die Taliban haben dieser Forderung bereits eine Absage erteilt. Die Taliban "vertrauen den USA und der afghanischen Regierung nicht ausreichend, um die Kämpfe einzustellen", sagte Watkins.

Die USA haben klargemacht, dass die Zukunft Afghanistans jetzt in den Händen der Afghanen liege und angedeutet, auch ein Scheitern des Friedensprozesses zu akzeptieren. "Sind wir ehrlich: Hier geht es nicht um Friedensverhandlungen. Hier geht es um den Abzug der USA", sagte Christine Fair, eine Asien-Expertin von der Georgetown-Universität.

Quelle: ntv.de, Emal Haidary, AFP