Politik

USA töten Al-Kuds-Chef Trump rast ins Nahost-Chaos

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Demonstranten verbrennen eine US-Flagge in Teheran.

(Foto: VIA REUTERS)

Die US-Armee tötet den wichtigsten Militär des Iran. Teheran kündigt Rache an, hat aber nur wenige Optionen. Und Präsident Trump bricht eines seiner wichtigsten Versprechen.

Gegen Mitternacht kommen die ersten Meldungen über Explosionen am Flughafen Bagdad. Dann heißt es, der Vorfall sei wohl kein "einfacher" Anschlag gewesen, wie sie im Irak beinahe Normalität sind. Am frühen Morgen dann kommt die hochbrisante Information: Der iranische Top-General Ghassem Soleimani ist tot. Kurz darauf gibt Washington bekannt, dass US-Präsident Donald Trump den Befehl zu dem Angriff gegeben habe. Beobachter der Region reagierten zum Teil zunächst mit Skepsis auf die Meldungen mit Sprengkraft.

Soleimani war Kommandeur der Al-Kuds-Brigaden, der Eliteeinheit der iranischen Revolutionsgarden für Operationen außerhalb des iranischen Territoriums. Wie viele Soldaten für die 1979 aufgestellte Einheit tätig sind, ist unbekannt. Manchen Experten zufolge sind es rund 2000, andere sprechen von bis zu 50.000. Unumstritten ist jedoch, dass die Al-Kuds-Einheiten zu den am besten trainierten und ausgerüsteten Einheiten des iranischen Militärs gehören. Zweifelsfrei ist auch, dass die Brigade an vielen Operationen im Ausland beteiligt war, die für den Iran von geopolitischer Bedeutung waren: vom iranisch-irakischen Krieg 1980 über zwei Kriege im Libanon, den Afghanistan- und den Syrienkrieg bis zum Krieg gegen den sogenannten Islamischen Staat im Nordirak. Es gibt sogar Berichte, wonach Al-Kuds-Brigaden in Venezuela tätig sind. 2017 wurde ein pakistanischer Student in Berlin wegen Spionage für die Einheit verurteilt.

Als seien Stabschef, Außenminister und CIA-Direktor auf einmal verloren

Soleimani war aber nicht nur seit 1997 der Kopf einer Eliteeinheit, die den iranischen Regionalmachtsanspruch durchsetzte. Er galt als Architekt der Strategie, in der Region Iran-treue Milizen aufzubauen. Die Hisbollah ist nur das prominenteste Beispiel. Er war nicht an Weisungen der Regierung gebunden, sondern unterstand direkt dem geistlichen Führer Ajatollah Chamenei. Auch deswegen hatte er den Ruf als Nummer zwei im Staat. Er galt als Vorzeigesoldat und wurde von der Propaganda gefeiert wie ein Prominenter. Er war das Thema von Dokumentarfilmen und sogar Popsongs. Der frühere US-Botschafter im Irak, Ryan Crocker, sagte, letztlich habe er die wichtigsten außenpolitischen Entscheidungen getroffen, nicht das Außenministerium. Der US-Iran-Experte Mark Dubowitz wagte einen Vergleich: Falls Soleimani tatsächlich tot sei, wäre das so, als ob die US-Regierung ihren Stabschef, Außenminister und CIA-Direktor verlieren würde - alle auf einmal.

Anfängliche Skepsis über seinen Tod lässt sich zum einen damit begründen, dass nicht zum ersten Mal gemeldet wird, dass Soleimani ums Leben gekommen sei. Schon bei einem Flugzeugabsturz 2006, einem Bombenanschlag in Damaskus oder 2015 im Kampf um Aleppo hieß es, er sei getötet worden. Zum anderen erklärt die extrem wichtige Rolle Soleimanis gewisse Bedenken. Denn das Ereignis, so die Schnell-Analyse vieler Beobachter, könne eine gigantische Kettenreaktion, einen Flächenbrand auslösen. Doch wie kann das Regime in Teheran überhaupt reagieren?

"Das stellt den Iran vor eine immense Herausforderung", sagt Ali Fathollah-Nejad von der Denkfabrik Brookings Institution in Doha ntv. "Der wichtigste Kopf einer recht erfolgreichen regionalpolitischen Expansion ist eliminiert und er ist eigentlich unersetzbar." Viele Verbündete des Irans würden nun auch wegen des "prophetenähnlichen Status Soleimanis innerhalb der Revolutionsgarden" eine entschlossene Reaktion erwarten, sagt er. Auch die Tatsache, dass Revolutionsführer Chamenei nach der gezielten Tötung zum allerersten Mal bei einer Sitzung des nationalen Sicherheitsrates dabei war, zeige, wie ernst die Lage sei. Dennoch sagt Fathollah-Nejad: "Die Wahrheit ist aber: Der Iran hat keine guten Optionen, zu reagieren."

Eine Reaktion im Libanon am wahrscheinlichsten

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Eine direkte militärische Konfrontation mit den USA hält er für ausgeschlossen. Es käme einer Selbstvernichtung gleich. Auch Angriffe auf die Handelsrouten im Persischen Golf seien eher unwahrscheinlich. "Damit würde der Iran seine letzten raren Staatseinkünfte infrage stellen." In den vergangenen Jahren waren Al-Kuds-Brigaden und Hisbollah in Syrien aktiv. Könnte dort Vergeltung an in Nordsyrien stationierten US-Soldaten verübt werden? Fathollah-Nejad gibt zu bedenken, dass Russland dort maßgeblich mitbestimmen könnte, "wie und ob der Iran eskalieren" könnte. Am wahrscheinlichsten sei eine Reaktion im Libanon. "Es ist ja auch ein hochrangiger Hisbollah-Akteur ums Leben gekommen."

Die USA unterhalten in Beirut noch eine Botschaft. Vor allem aber hat der Iran über die Hisbollah Zugriff auf die Grenzen des wichtigsten Verbündeten der USA in der Region, auf Israel. Ein Angriff auf den Erzfeind Teherans hätte aus Sicht des Iran den Vorteil, "dass der Konflikt außerhalb der iranischen Grenzen bleibt", so Fathollah-Nejad. Die Reaktionen in Israel waren heute nervös. Premierminister Benjamin Netanjahu brach umgehend eine Auslandsreise nach Griechenland ab und wies seine Minister an, den Tod Soleimanis nicht zu kommentieren. Eine Dringlichkeitssitzung des Parlaments wurde angewiesen und das Hermon-Skigebiet an der Grenze zum Libanon geschlossen. Ein Angriff über den Libanon auf Israel berge für den Iran aber auch Risiken, gibt Fathollah-Nejad zu bedenken. "Die immensen Kosten für einen solchen Konflikt könnten die Stimmung gegen die Hisbollah endgültig kippen lassen." Eine weitere Option des Regimes sei eine Wiederaufnahme des Atomprogramms. Das war jedoch nach dem Scheitern des Nuklear-Deals ohnehin angekündigt.

Naheliegend wären aber auch Angriffe auf US-Einrichtungen im Irak selbst. Derzeit sind nach Angaben der US-Armee noch rund 5000 Soldaten in dem Land stationiert, hinzu kommen Zivilisten. Denen hat die Botschaft in Bagdad heute geraten, das Land so schnell wie möglich zu verlassen. Sie sollen per Flugzeug ausreisen, solange das möglich sei, oder im Notfall auf dem Landweg in Nachbarländer fliehen, also nach Saudi-Arabien, den Iran, Syrien oder in die Türkei. Es klingt nach Evakuierung.

Für die USA beginnen schwere Zeiten in Nahost

Wie angespannt die Lage im Irak nach wie vor ist, hat sich in den vergangenen Tagen gezeigt, als Demonstranten versucht haben, die US-Botschaft zu stürmen. Und auch wenn Teile der irakischen Bevölkerung den Tod des gefürchteten iranischen Generals schon am frühen Morgen feierten, formiert sich bei radikalen Pro-Iranern der Widerstand. Kurz nach dem Angriff rief der irakische Schiitenführer Moktada al-Sadr seine vor gut einem Jahrzehnt aufgelöste Anti-US-Miliz erneut zum Kampf auf. Wie viel Schlagkraft allerdings von der einst rund 60.000 Mann starken Mahdi-Armee noch übrig ist, lässt sich noch nicht abschätzen.

Ob es nun zu einem Regionalkrieg, zu einem Flächenbrand in Nahost kommt, mag angesichts der schlechten Optionen des Iran angezweifelt werden. Sicher ist jedoch, dass die Tötung von Soleimani weitreichende Konsequenzen auch auf die Innenpolitik der USA haben wird. Man ist geneigt, sich zu fragen, ob der US-Präsident wusste, was er da tut. Nach Ansicht von US-Expertin Melinda Crane hatten auch Trumps Vorgänger George W. Bush und Barack Obama die Chance, den Al-Kuds-General zu töten. "Sie haben aus genau diesem Grund davon abgesehen, weil sie sagten, das wäre eine zu große Eskalation", sagte sie ntv.

Und selbst wenn die Eskalation global überschaubar bleiben sollte, haben die USA in jedem Fall mit massiven Angriffen auf Stützpunkte, Botschaften und Verbündete zu rechnen. Und das macht eines von Trumps großen Versprechungen ausgerechnet zu Beginn des Wahljahres deutlich unwahrscheinlicher. "Er hat im Wahlkampf 2016 versprochen, die US-Soldaten aus dem Nahen Osten zurückzuziehen.", so Crane. "Das ist, was seine Anhänger weiterhin von ihm erwarten." Angesichts der neuen Situation dürfte das jedoch schwerer werden. Vielleicht setzt er aber auch darauf, dass die Konfrontation ihm Wählerstimmen generiert. Dieselbe Strategie hatte er im Präsidentschaftswahlkampf 2012 schon seinem Vorgänger Barack Obama unterstellt. Damals twitterte Trump: "Um gewählt zu werden, wird Obama einen Krieg mit dem Iran beginnen."

Quelle: ntv.de