EU-Beitritt für mehr Sicherheit?"Trumps Drohungen haben in Island Verunsicherung ausgelöst"
Interview: Lea Verstl
Die US-Rhetorik gegenüber Grönland hallt auch in Island nach. Ein EU-Beitritt wäre für Regierung in Reykjavík ein Sicherheitsgarant. Ein Referendum zeigt, ob die Bevölkerung das auch so sieht. Die EU-Skepsis vieler Isländer habe historische Gründe, sagt Experte Michael Paul.
ntv.de: Island war 2013 bereits auf dem Weg in Richtung in die Europäische Union. Dann gewann eine EU-skeptische Mitte-Rechts-Koalition die Wahl und stoppte die Verhandlungen. Am kommenden Samstag stimmen die Isländer darüber ab, die Gespräche mit Brüssel wiederaufzunehmen. In welcher sicherheitspolitischen Lage befinden sie sich heute im Vergleich zu 2013?
Michael Paul: Island befindet sich heute in einer ähnlichen Lage wie Deutschland und die anderen Arktisstaaten. Durch Russlands Angriff auf die Ukraine 2022 hat sich die Sicherheitslage weltweit verändert, insbesondere aber im europäischen und arktischen Raum. Dadurch gewinnen alte Sicherheitsprobleme aus dem Kalten Krieg wieder an Bedeutung - darunter die berühmte GIUK-Lücke zwischen Grönland, Island und Großbritannien. Durch sie könnten russische U-Boote und Schiffe im Konfliktfall in den Nordatlantik vordringen.
Anfang Juli wiederholte Donald Trump seine Forderung, Grönland solle "von den Vereinigten Staaten kontrolliert werden, nicht von Dänemark". Wie wirken die Drohungen des US-Präsidenten gegenüber der Nachbarinsel auf die Isländer?
Sie verschärfen die sicherheitspolitische Lage, wobei Trump Grönland und Island bei seinen Annexionsdrohungen häufig verwechselte. Der designierte US-Botschafter für Island, Billy Long, bezeichnete Island zudem scherzhaft als 52. Bundesstaat. Das hat in Island Verunsicherung ausgelöst und Debatten darüber befördert, wie sich die Sicherheitslage verbessern lässt.
Mit welchem Ergebnis?
Die Kooperation mit nordeuropäischen Nachbarstaaten im Rahmen der Nordic Defence Cooperation und mit Großbritannien wird vertieft. Zudem wurden bilaterale Abkommen geschlossen, unter anderem mit der deutschen Bundesregierung. Berlin will sich stärker an der Überwachung des Luft- und Seeraums um Island beteiligen - was auch im deutschen Sicherheitsinteresse liegt.
Gab es auch Vereinbarungen mit der EU?
Island hat sich der EU-Sicherheitsarchitektur angenähert. Im März 2026 unterzeichneten die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas und Islands Außenministerin Þorgerður Katrín Gunnarsdóttir die EU-Island Security and Defence Partnership. Im Gegensatz zu anderen Sicherheitspartnerschaften umfasst sie eine verstärkte Zusammenarbeit in der Arktis und bei der maritimen Sicherheit. Die Vertiefung der Beziehungen zu Brüssel dient Island als Ergänzung zur Nato und zu den Beziehungen mit Washington. Es geht vor allem um Diversifizierung.
Das heißt: Den Gesprächsfaden mit Trump will die isländische Regierung nicht abreißen lassen?
Nein, im Gegenteil: Island hat beschlossen, das Verteidigungsbündnis mit den USA zu konsolidieren und die Nato-Mitgliedschaft zu stärken. Der Dialog zwischen Reykjavík und Washington hat sich intensiviert. Inwiefern die US-Regierung dann tatsächlich zu engeren Sicherheitsbeziehungen mit Island bereit ist, in Form konkreter Zusagen, bleibt aber offen.
Wird Washingtons Interesse an Island weiter bestehen?
Für die USA bleibt Island auf jeden Fall wichtig. Die Debatte um die Annexion Grönlands ist alt: Schon 1832 war in Washington davon die Rede. Und wenn Grönland genannt wurde, wurde auch Island immer erwähnt. Ein Blick auf die Karte zeigt schnell, wo die Verteidigung Amerikas am besten aufgestellt ist. Island bleibt dafür essenziell.
Wer die GIUK-Lücke kontrollieren will, braucht nicht nur Grönland. Welche Rolle spielt Island dabei?
Um ein umfassendes Lagebild herzustellen, braucht man Grönland, Island und auch die Satellitenstationen auf den Färöer-Inseln. Die Nato-Staaten, darunter Deutschland, haben zudem beschlossen, zusätzliche Seefernaufklärer anzuschaffen - die auf Boeing-Flugzeugen basierenden P-8 Poseidon. Diese Maschinen dienen der Aufklärung, können aber auch bewaffnet eingesetzt werden, etwa zur U-Boot-Abwehr.
Wofür genau werden sie gebraucht?
Es geht vor allem um russische U-Boote, die durch diese Lücke fahren und im Nordatlantik ihre Abschusspositionen einnehmen könnten. Die Bedrohung für die USA entsteht heute nicht mehr nur durch ballistische Raketen aus Sibirien. Hyperschallschnelle Waffensysteme könnten die Vereinigten Staaten und ihre Städte von näher gelegenen Positionen aus schneller bedrohen.
Steckt das hinter Trumps Aussage, er wolle Grönland annektieren, da er Kriegsschiffe im arktischen Raum gesehen habe?
Trump sprach von Schiffen "all around Greenland". Das ist Quatsch. Verstärkte Aktivitäten gibt es aber rund um Alaska. Dort befinden sich zahlreiche wichtige Militärstandorte der USA, die auch für Einsätze im Pazifik vorgesehen sind. Deshalb ist das chinesische Interesse an diesen Stützpunkten in Alaska groß.
Trump hat die überwiegende Mehrheit der Isländer mit seinen Drohungen bislang nicht in die Arme der EU getrieben. Die Bevölkerung ist beim Beitritt gespalten, je nach Umfrage lässt sich eine hauchdünne Mehrheit für eine EU-Mitgliedschaft erkennen. Woher kommt die Skepsis gegenüber Brüssel?
Island hat sich über Jahrhunderte als eigenständige und souveräne Nation behauptet. Der frühere Präsident Ólafur Ragnar Grímsson hat die Sorge formuliert, das kleine Island werde innerhalb der Europäischen Union keine Stimme haben. Das ist ein generelles Problem kleiner Staaten: Wie weit werden sie in einem großen Bündnis tatsächlich wahrgenommen? Hinzu kommt eine nachhaltige Verstimmung aus der Finanzkrise von 2008.
Warum?
Island war für diese Krise maßgeblich selbst verantwortlich: Man hatte sich wirtschaftlich verzockt und dort investiert, wo man besser nicht investiert hätte. Dann brach das Finanzwesen zusammen, es ging viel Geld verloren, und man erwartete Hilfe aus Europa. Diese Hilfe blieb aus - aus Gründen, die nachvollziehbar waren, aber in Island bis heute negativ nachwirken.
Island ist bereits im Europäischen Wirtschaftsraum und mit der EU über die von Ihnen erwähnte Sicherheitspartnerschaft verbunden. Was würde ein EU-Beitritt angesichts dieser engen Bindungen zusätzlich überhaupt bringen?
Zunächst einmal wäre es eine Diversifizierung der Sicherheitsbeziehungen. Alles Weitere wird sich in möglichen Verhandlungen zeigen. Island würde versuchen, bestimmte Zusicherungen zu erhalten, etwa bei der Fischerei. Als Mitglied des Europäischen Wirtschaftsraums konnte Island bislang die volle Kontrolle über die Fischerei bewahren, die wirtschaftlich weiter bedeutsam ist.
Das wäre ein heikler Punkt bei Beitrittsverhandlungen?
Die EU könnte, angelehnt an ihre maritime Sicherheitsstrategie, Kooperation und Zusammenarbeit beim Fischerei- und Meeresschutz ausbauen und frühere Konfliktlinien aufgreifen. Brüssel scheint bereit, auf Reykjavík zuzugehen. Das wird auch in Oslo aufmerksam verfolgt, wo ein EU-Beitritt 1972 und 1994 ebenfalls an Fischereifragen scheiterte. Ein möglicher EU-Beitritt Islands könnte somit auch die Debatte in Norwegen neu beleben.
Fischerei ist für Island also mehr als eine Fußnote?
Ja, denn Island ist stark von der Fischindustrie abhängig, und die Erinnerung an die sogenannten Kabeljaukriege mit Großbritannien wirkt fort. Die Kabeljaukriege waren drei Fischereikonflikte zwischen Island und Großbritannien, die von 1958 bis 1976 dauerten. Island setzte dabei schrittweise eine 200-Seemeilen-Fischereizone durch und drohte zeitweise sogar mit einem Nato-Austritt.
Brüssel positioniert sich außerdem klar gegen den kommerziellen Walfang Islands. Wie hoch ist diesbezüglich das Konfliktpotenzial?
Jüngst ließ ein isländischer Millionär, der Walfangboote besitzt, einen Wal harpunieren - offenbar auch, um innerhalb der EU negative Reaktionen auszulösen und die Abstimmung zu beeinflussen. Es gibt also eine Reihe von Widerständen. Sie ändern aber nichts daran, dass Island in einer brisanten Situation ohne eigene Streitkräfte besseren Schutz sucht. Und wenn man sich nicht mehr wie früher auf die USA verlassen kann, sucht man die Absicherung durch ein größeres Bündnis - zusätzlich zur Nato eben auch durch die Europäische Union.
Nicht nur die Nato, sondern auch die EU hat im Angriffsfall eine Beistandsklausel, festgeschrieben im Artikel 42 (7) EUV. Erhofft sich die isländische Regierung, die für die EU-Mitgliedschaft wirbt, konkreten Schutz von diesem Artikel?
Wenn man die Sicherheitslage verbessern will, ist ein solcher Artikel von immenser Bedeutung. Der Artikel führt - ähnlich wie bei der Nato - zunächst zu Beratungen und anschließend zu möglichen Einsätzen. Als Vollmitglied wäre Island dem Schutz der europäischen Staaten verbunden. Allerdings ist die EU kein Verteidigungsbündnis im Sinne der Nato. Entscheidend bleibt daher, inwieweit die einzelnen Mitgliedstaaten im Ernstfall tatsächlich bereit wären, das bedrohte Land zu schützen.
Mit Michael Paul sprach Lea Verstl