Venezuelas schlimmstes GefängnisWie aus einem Shopping-Paradies eine Folter-Hölle wurde
Von Uladzimir Zhyhachou
Es sollte die innovativste Mall der Welt werden. Heute ist El Helicoide das Symbol für den Terror des Maduro-Regimes. In dem spiralförmigen Koloss im Herzen von Caracas wurden Dissidenten gefoltert. Trump will das Gefängnis schließen, doch die Freilassungen laufen schleppend. Dafür dürfte es erschütternde Gründe geben.
Als US-Präsident Donald Trump wenige Tage nach der Entführung des venezolanischen Machthabers Nicolás Maduro die Schließung einer "Folterkammer im Herzen von Caracas" ankündigt, weiß jeder Venezolaner, was damit gemeint ist. El Helicoide, ein riesiges spiralförmiges Gebäude im Zentrum der Hauptstadt, ist das berüchtigtste Gefängnis des Landes. Das avantgardistische Bauwerk sollte in den 1950er Jahren eines der innovativsten Einkaufszentren der Welt werden. Daraus wurde nichts. Jahrzehnte später thront der Koloss über der Stadt wie ein Symbol für die Angst und den Schrecken des Maduro-Regimes.
El Helicoide ist nur eine von rund 90 Haftanstalten, die es in dem südamerikanischen Land gibt, sagt ein ehemaliger Mitarbeiter der venezolanischen Staatsanwaltschaft ntv.de, der heute im Exil lebt und aus Sicherheitsgründen anonym bleiben möchte. Doch nicht nur aufgrund seines spektakulären Aussehens und der Lage mitten in der Hauptstadt ist es das bekannteste Gefängnis in Venezuela.
Vom Luxus-Einkaufszentrum zum Foltergefängnis
Die Geschichte von El Helicoide beginnt Ende der 1950er Jahre, als der damalige Diktator Marcos Pérez Jiménez ein Gebäude bauen lässt, das den Aufstieg des Landes zur reichen Erdölnation demonstrieren soll. Der vier Kilometer lange Stahlbetonbau war als das weltweit erste Drive-Through-Einkaufszentrum geplant: Autos sollten auf einer gewundenen Rampe bis unter die Kuppel fahren können. Neben dem Einkaufszentrum waren ein Hotel, ein Park, ein Klub sowie eine Konzerthalle vorgesehen. Das Modell des brutalistischen Avantgarde-Projekts wurde Anfang der 1960er Jahre jahrelang im Museum of Modern Art in New York ausgestellt - auch nachdem 1961 der Bau aus Budgetgründen gestoppt wurde.
Das futuristische Gebäude sei "nicht nur einzigartig in Lateinamerika, sondern eine wirklich bedeutende architektonische Stätte in ganz Amerika", zitiert die "New York Times" Lisa Blackmore, Mitherausgeberin des Buches "Downward Spiral: El Helicoide's Descent from Mall to Prison". Es sei "als ein Ort konzipiert worden, an dem sich die Menschen frei bewegen können".
Heute ist das Gegenteil der Fall. Nach jahrzehntelangem Leerstand wurden in den 1980er Jahren einige staatliche Behörden nach El Helicoide verlegt, darunter der Geheimdienst, der heute als SEBIN bekannt ist und dem zahlreiche Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen werden. Heute wird das Gebäude fast komplett von Sicherheitskräften genutzt. Unter Hugo Chávez, der Venezuela von 1999 bis 2013 regierte, wurden Teile der Anlage zu einem Gefängnis umfunktioniert. "Dennoch finden in der Kuppel noch immer klassische Konzerte und Basketballspiele der ersten Liga statt", sagte ein venezolanischer Journalist der "Neuen Zürcher Zeitung". "Ein paar Stockwerke darunter wird gefoltert."
Folter und unmenschliche Bedingungen
Zahlreiche ehemalige Häftlinge berichten von unmenschlichen Bedingungen: extrem unhygienische Zustände, sexuelle Gewalt und Folter wie Elektroschocks, Erstickung und Zwangspositionen. Auch für die Angehörigen der Inhaftierten ist die Situation furchtbar. Oft haben sie keinerlei Kontakt zu den Gefangenen. "Die Familien fahren oft von Gefängnis zu Gefängnis auf der Suche nach ihren Angehörigen, weil sie schlicht nicht wissen, wo sie sind und ob sie überhaupt noch am Leben sind", sagt der ehemalige Mitarbeiter der venezolanischen Staatsanwaltschaft im Gespräch mit ntv.de. Diese Ungewissheit dauere zum Teil mehrere Jahre. Auch Anwälte haben praktisch keinen Zugang zu ihren Mandanten. Nur kurz vor Gericht dürfen sie mit ihnen sprechen. "Wenn sie überhaupt vor Gericht gebracht werden", ergänzt der ehemalige Beamte. Denn oft warten die Gefangenen Monate und Jahre auf ihre Prozesse.
Und nicht alle Inhaftierten erleben ihre Prozesse beziehungsweise die Freiheit. Im Dezember, erst wenige Wochen vor dem US-Eingriff, starb Alfredo Díaz in El Helicoide, ein 56 Jahre alter Oppositionspolitiker und ehemaliger Gouverneur. Díaz wurde 2024 festgenommen, nachdem er zusammen mit vielen anderen Oppositionellen das Ergebnis der Präsidentschaftswahlen angefochten hatte. Maduro erklärte sich damals zum Sieger, obwohl die Auszählungen der Opposition einen klaren Sieg ihres Kandidaten ergaben. Das Regime beschuldigte ihn der "Anstiftung zum Hass" und des "Terrorismus". Nach Angaben von Menschenrechtlern war er ein Jahr lang in Einzelhaft, bevor er in seiner Zelle starb - nach offiziellen Angaben an einem Herzinfarkt. Oppositionelle und die Familie des Politikers warfen den Behörden vor, Díaz monatelang medizinische Versorgung verweigert zu haben.
Díaz' Tod ist kein Einzelfall. Im Jahr 2023 untersuchte eine unabhängige Kommission der Vereinten Nationen den Tod von General Raúl Isaías Baduel im Jahr 2021 in El Helicoide und fand "hinreichende Gründe für die Annahme", dass sein Tod "eine direkte Folge der Verweigerung angemessener medizinischer Versorgung" war. Sie erwähnte auch die "fortdauernde Existenz von Folterkammern" dort.
Leben in der Hölle
Hinter den Gittern von El Helicoide mangelt es nicht nur an medizinischer Hilfe. Die Gefangenen erhalten vom Staat keine ausreichende Versorgung. Familien, die wissen, dass ihre Angehörigen in El Helicoide inhaftiert sind, müssen täglich Essen und Medikamente zum Haftzentrum bringen und hoffen, dass die Versorgungspakete bei ihren Verwandten auch ankommen und nicht etwa von Gefängnismitarbeitern verzehrt werden - "eine unmögliche Aufgabe für Leute, die aus anderen Landesteilen kommen", sagt der ehemalige Staatsanwaltschafts-Mitarbeiter.
Besonders berüchtigt ist die Zelle, die die Häftlinge "El Tigrito" (kleiner Tiger) nennen. Als Toilette wird dort ein Plastikeimer benutzt, der zum Teil wochenlang nicht entleert wird. Weitere Foltertechniken umfassen permanente, sehr helle Beleuchtung in Kombination mit fehlenden Fenstern. "Man dreht durch und weiß nicht, ob es Tag oder Nacht ist, das ist ein Horror", so der ntv.de-Gesprächspartner.
Menschen, die die Tortur in El Helicoide überstehen und freikommen, dürfen über die Zustände nicht sprechen. Deswegen stammen die meisten Berichte von Menschen, die das Land bereits verlassen haben.
So schilderte ein ehemaliger Häftling vor wenigen Tagen im argentinischen Nachrichtensender Todo Noticias, was er erlebt hat: Man habe ihm mit der Vergewaltigung seiner Frau und Tochter gedroht, ihm eine Plastiktüte über den Kopf gezogen und begonnen, ihn zu ersticken. Er wurde verprügelt, man habe angefangen, ihm die Ohren abzuschneiden. Zehn bis fünfzehn Tage lang sei er gefesselt gewesen, "so, dass ich weder sitzen noch stehen konnte; ich musste halb knien". Danach konnte er lange Zeit nicht laufen. Seine Familie habe sechs Monate lang nicht gewusst, wo er gewesen und was mit ihm geschehen sei.
Hunderte politische Gefangene weiter hinter Gittern
Nach dem Sturz Maduros und dem Druck aus Washington hat die neue Regierung von Delcy Rodríguez angekündigt, dass zahlreiche politische Gefangene freigelassen werden. Rodríguez hatte jahrelang unter Chávez und Maduro hohe Regierungsposten inne und setzt eigentlich ihre Anti-US-Rhetorik fort, obwohl sie faktisch gezwungen wurde, als Trump-Marionette zu agieren. Parlamentspräsident Jorge Rodríguez, Bruder der Interimspräsidentin, sagte, die Freilassungen seien eine "unilaterale Geste der Regierung auf der Suche nach Frieden".
Menschenrechtsorganisationen berichteten allerdings von bisher lediglich wenigen Dutzend Freigelassenen. Nach Angaben der NGO Foro Penal waren Stand Ende vergangener Woche mehr als 800 politische Gefangene weiter hinter Gittern. Alfredo Romero, der Präsident von Foro Penal, schrieb dazu auf X: "Wir erwarten die Freiheit aller politischen Gefangenen, nicht nur teilweise und bedingte Gesten."
Der ehemalige Staatsanwalt vermutet im Gespräch mit ntv.de einen erschütternden Grund für die schleppenden Freilassungen: "Zum einen, dass es Menschen gab, die hinter Gittern gestorben sind und die Familien nicht informiert wurden. Wie sollen sie das jetzt rechtfertigen, dass die Menschen nicht mehr da sind und die Familien nicht mal informiert wurden?" Viele der Inhaftierten dürften zudem in derart schlechtem gesundheitlichem Zustand sein und Folterspuren aufweisen, dass die Behörden abwarten wollen, bis sie wieder etwas gesünder aussehen, bevor sie freigelassen werden.
Eine bittere historische Ironie
In Venezuela wird auch über persönliche Motive der Rodríguez-Geschwister spekuliert: Im Jahr 1976, als die beiden sieben und zehn Jahre alt waren, starb ihr Vater hinter Gittern an den Folgen von Folter. Er war festgenommen worden, weil er als Teil einer kommunistischen Gruppe einen US-Manager entführt und mehrere Monate gefangen gehalten hatte.
In Venezuela wird diese Geschichte bis heute weitergedacht: Dass unter einer linken Regierung politische Gefangene erneut gefoltert werden, deuten manche als eine bittere historische Ironie, andere sogar als eine Form später Rache. Der Staat, der einst ihren Vater, einen linken Aktivisten, tötete, wird nun von dessen Kindern mit ähnlicher Härte geführt - nur mit umgekehrten Vorzeichen.