Exil-Venezolaner zu Maduro-Sturz"Die beste Katastrophe, die Venezuela passieren konnte"
Von Uladzimir Zhyhachou
Während sich linke Gruppen in Deutschland über die Gefangennahme Nicolás Maduros durch die USA empören, sehen viele Exil-Venezolaner darin einen Moment der Erlösung. ntv.de hat mit fünf von ihnen gesprochen - über Angst, verlorene Heimat und die leise Zuversicht, dass ein jahrzehntelanger Albtraum endlich endet.
Es sind heiße Stunden in Caracas: In der Nacht auf den 3. Januar greift die US-Armee mehrere Ziele in der venezolanischen Hauptstadt an und entführt in einer filmreifen Aktion den Machthaber Nicolás Maduro. Am Abend darauf versammeln sich Tausende Kilometer von Caracas entfernt, im eisig kalten Berlin, mehrere Hundert Menschen vor dem Brandenburger Tor, um gegen die US-Intervention zu protestieren. Flaggen mit Hammer und Sichel und Logos kommunistischer Organisationen überwiegen hier klar gegenüber venezolanischen Flaggen. Die Protestierenden halten Plakate gegen den US-Imperialismus hoch, auch mindestens eine russische Flagge ist zu sehen. Zur Kundgebung hatten verschiedene linke Gruppen aufgerufen. Auffällig: Venezolanische Exil-Organisationen sind nicht dabei.
Doch wo sind die Venezolaner? Maria, Mitarbeiterin eines venezolanischen Restaurants in Berlin, war ganz sicher nicht unter den Demonstrierenden. "Als ich die Nachricht von Maduros Festnahme las, spürte ich Glück", sagt die Frau Mitte 20 im Gespräch mit ntv.de. Maria heißt eigentlich anders, will aber ihren richtigen Namen nicht nennen. Zu groß sei die Gefahr für ihre Familienmitglieder, die noch in Venezuela leben.
Nicolás Maduro war rund zwölf Jahre Diktator in Venezuela. In dieser Zeit ließ er Tausende Gegner und Andersdenkende festnehmen, foltern, verschwinden und töten. Obwohl das Land über die größten Ölvorkommen der Welt verfügt, lebt die Mehrheit der Bevölkerung in bitterer Armut. Das führte zu einem Exodus: Acht Millionen Menschen - rund ein Fünftel der Bevölkerung - verließen das Land.
Das Maduro-Regime "hat uns aus unserem eigenen Land vertrieben", sagt Maria. "Natürlich bin ich froh, dass er jetzt hinter Gittern ist."
"Leute, die für Maduro protestieren, sind keine Venezolaner"
Auch Antonio Gonzales - er will seinen echten Namen ebenfalls nicht veröffentlicht sehen - sah sich 2017 aus politischen Gründen gezwungen, Venezuela zu verlassen. Was genau ihn dazu brachte, will der 37-jährige Wahl-Hamburger nicht sagen. Als Mitarbeiter einer staatlichen Behörde, der mit dem Regime nicht einverstanden war, sei es für ihn irgendwann nicht mehr sicher gewesen, im Land zu bleiben.
Menschen, die in Venezuela Kritik an der Regierung äußern, leben gefährlich. Ein Großteil seiner Familie sei im Land geblieben und müsse selbst bei Kommentaren im Internet oder beim Weiterleiten kritischer Nachrichten mit Verfolgung rechnen, erklärt Gonzales. "Maduro ist ein Tyrann", sagt der Mann, der heute in Deutschland als Intensivpfleger arbeitet. "Alles, was in Venezuela passierte, war eine einzige Katastrophe." Vier Fünftel der Bevölkerung leben in Armut. "Pressefreiheit gibt es nicht mehr, bei Protesten wird auf Demonstranten geschossen, Tausende landen hinter Gittern."
Viele der aus politischen Gründen Festgenommenen werden im berüchtigten Gefängnis "El Helicoide" in Caracas gefoltert. Das Regime mache daraus bewusst kein Geheimnis, um die Bevölkerung einzuschüchtern. Was hinter den Mauern des avantgardistisch wirkenden Gebäudes geschieht, das in den frühen 1960er Jahren als Einkaufszentrum geplant und später zur Geheimdienstzentrale und zum Foltergefängnis umfunktioniert wurde, "ist allgemein bekannt".
Für die Kritik an der US-Intervention, wie sie etwa von linken Gruppen in Deutschland geäußert wird, hat Gonzales deshalb kein Verständnis. "Mir fällt auf, dass Leute, die im Westen für Maduro protestieren, keine Venezolaner sind. Oft sind es Menschen, die überhaupt keine Ahnung haben, was in Venezuela los ist - oder wo das Land überhaupt liegt."
Der US-Eingriff sei "nötig" gewesen, sagt Gonzales. "Man kann natürlich darüber diskutieren, ob das völkerrechtswidrig war und ob es Trump nur um venezolanisches Öl geht. Aber man darf nicht vergessen, was Maduro seinem Land angetan hat." Über die Festnahme des Diktators habe er sich "riesig gefreut". Und auch wenn die Lage unklar und gefährlich bleibe, "es ist ein erster Schritt zur Wiederherstellung der Demokratie".
Dreimal in einer Woche ausgeraubt
Für Pascal Gutiérrez, einen weiteren Venezolaner, der sein Land verlassen musste, ist der Sturz Maduros "das Ende eines jahrzehntelangen Albtraums". Dennoch hat der 34-Jährige, der heute in Berlin lebt, Verständnis für Proteste gegen das Vorgehen der USA. "Diese Demonstrationen zeigen die tiefe Sorge vor einem 'Recht des Stärkeren'", sagt er. Seiner Meinung nach protestieren die Menschen am Brandenburger Tor nicht unbedingt für die Person Maduro, sondern gegen die Methoden der USA, die viele als völkerrechtswidrig empfänden.
Gutiérrez verließ Venezuela vor acht Jahren. Der Hauptgrund sei eine "unerträgliche Kombination aus wirtschaftlichem Kollaps und fehlender Freiheit" gewesen. Die Hyperinflation habe es unmöglich gemacht, für sich und seine Familie zu sorgen, während die politische Unterdrückung immer weiter zugenommen habe.
Eigentlich studierte er Geografie in Mérida, einer Stadt im Westen Venezuelas. "Das war meine Leidenschaft, aber die Situation im Land hat mein Studium unmöglich gemacht." Streiks, Geldmangel und monatelange Schließungen der Universität verhinderten ein Weiterstudieren. "Die systematische Zerstörung der Zukunftsperspektiven für junge Menschen fand ich besonders schlimm. Man will lernen, aber die Hörsäle bleiben geschlossen."
Gutiérrez brach sein Studium ab und kehrte aufs Land zurück, wo er zwei Jahre lang auf der Kaffeefarm seiner Familie arbeitete. Doch auch dort verschärfte sich die Krise. Die Hyperinflation habe die Arbeit "über Nacht entwertet", es habe an Treibstoff für Traktoren und an Düngemitteln gefehlt. "Die Diktatur hat nicht nur die Freiheit unterdrückt, sondern auch die grundlegende Struktur des täglichen Lebens - Strom, Wasser, Bildung und Arbeit - zerstört."
Hinzu kam eine allgegenwärtige Kriminalität. In einer einzigen Woche sei er dreimal ausgeraubt worden, erinnert sich Gutiérrez. "Das war der Moment, in dem mir klar wurde, dass es um das nackte Überleben geht." Man lebe in ständiger Angst, auf die Straße zu gehen. "Am Ende blieb vielen von uns keine andere Wahl als die Flucht, weil man in solch einem System nicht atmen kann."
Die Festnahme Maduros empfindet Gutiérrez deshalb als "Moment tiefer Gerechtigkeit". Sie habe eine Mauer eingerissen, "die unüberwindbar schien" - und erstmals wieder Raum für Hoffnung auf Demokratisierung geschaffen.
"Schlechter als jetzt geht es nicht"
Daniela und Camilo haben eine etwas andere Perspektive: Sie sind aus dem Krisenland nicht geflohen wie Millionen andere Venezolaner, sondern ausgewandert, weil sie "etwas anderes sehen" wollten. Daniela lebte lange in Venezuela, aber auch in Griechenland, Spanien und Argentinien, bevor sie mit Camilo in Berlin landete. Eine Rückkehr in die Heimat wäre für die beiden jedoch aufgrund politischer Repressionen und der katastrophalen wirtschaftlichen Lage "suizidal", sagt Camilo. "Es gibt zum Beispiel ein neues Gesetz, das es dem Regime erlaubt, Privatbesitz und Wohnungen zu beschlagnahmen sowie Personen festzunehmen, die sich öffentlich gegen die Regierung äußern oder den Machtwechsel unterstützen", erklärt er. Das ist unter anderem auch ein Grund, warum die beiden ihre echten Namen nicht nennen möchten. "Da unsere Familien dort leben und wir noch Eigentum haben, ist das Risiko für uns existenziell."
Anders als viele andere haben die beiden zunächst mit Angst auf die Nachricht von der US-Intervention reagiert. "Wir wissen, dass die Regierung in Venezuela sehr aggressiv ist - und dass sie Waffen hat", sagt Daniela. Zunächst habe man nicht gewusst, was genau passiert sei, wie viele Menschen gestorben seien und was mit der Bevölkerung geschehe. "Und die Menschen sind ja das Wichtigste, nicht die Regierung."
In die Zukunft blickt das Paar mit gedämpftem Optimismus. "Ich habe Angst davor, dass Venezuela nach Maduros Abgang in Chaos oder in eine Dauerkrise abrutscht", sagt Daniela. "Deshalb finde ich es gut, dass die bestehende Regierung erst einmal bleibt - nur eben ohne Maduro -, damit es einen geordneten Übergang zu demokratischen Wahlen geben kann."
Nach Maduros Festnahme wurde seine Stellvertreterin Delcy Rodríguez Interimspräsidentin. Auch wenn sie mit der US-Regierung kooperiert, besteht das Regime formal weiter.
Dass es zum Sturz des Diktators einer US-Militärintervention bedurfte, bezeichnen Daniela und Camilo zwar als "Katastrophe". Denn: "Es ist nicht gut, wenn ein anderes Land in dein Land einmarschiert", erklärt Camilo. "Aber es musste etwas passieren. So konnte es nicht weitergehen." Man habe so lange darauf gewartet, dass diese Diktatur ende. "Jetzt gibt es Hoffnung, dass alles besser wird." Mit US-Investitionen werde hoffentlich auch die Wirtschaft wachsen. "Schlechter als jetzt geht es ja nicht", sagt Camilo. "Das ist das Beste, was Venezuela passieren konnte."