Politik
Georg Ratzinger gab 1994 sein Amt als Domkapellmeister auf.
Georg Ratzinger gab 1994 sein Amt als Domkapellmeister auf.(Foto: AP)
Samstag, 13. März 2010

"Cholerisch und jähzornig": Vorwürfe gegen Papstbruder

Immer mehr Missbrauchsopfer im System der katholischen Kirche melden sich zu Wort. Nun gerät Papstbruder Georg Ratzinger erneut unter Druck: Er soll mit Stühlen nach Jungen geworfen haben. Zudem habe es im Internat der Domspatzen Vergewaltigungen gegeben. Der Vatikan indes fühlt sich verfolgt.

Im Missbrauchsskandal bei den Regensburger Domspatzen soll es bis mindestens 1992 schwere sexuelle Übergriffe gegeben haben. Der ehemalige Schüler Thomas M. sagte dem "Spiegel", dass er selbst bis zum Verlassen des Internats 1992 sexuelle Gewalt erlebt habe und von älteren Schülern vergewaltigt worden sei. Auch in der Wohnung eines Präfekten sei es zu Geschlechtsverkehr zwischen Schülern gekommen. Bislang waren nur Missbrauchsfälle aus den 50er und 60er Jahren bekannt.

Dem Papstbruder und ehemaligen Domchef Georg Ratzinger warf der Ex-Schüler überdies vor, "extrem cholerisch und jähzornig" gewesen zu sein. So habe Ratzinger bei Chorproben erzürnt Stühle nach den Jungen geworfen. Laut "Spiegel" wollten sich weder der 86-jährige Ratzinger noch das Bistum Regensburg zu den Vorwürfen äußern.

Der Vatikan sieht unterdessen Kräfte am Werk, die Papst Benedikt XVI. im Skandal um sexuelle Missbrauchsfälle in Deutschland direkt treffen wollen. "In den letzten Tagen gab es einige, die mit einer gewissen Verbissenheit in Regensburg und in München nach Elementen gesucht haben, um den Heiligen Vater persönlich in die Missbrauchs-Fragen mit hineinzuziehen", kritisierte Vatikan-Sprecher Federico Lombardi.

In seiner ersten Predigt nach der Weihe zum Erzbischof im Mai 1977 bezeichnet sich Joseph Ratzinger selbst als "Mitarbeiter der Wahrheit".
In seiner ersten Predigt nach der Weihe zum Erzbischof im Mai 1977 bezeichnet sich Joseph Ratzinger selbst als "Mitarbeiter der Wahrheit".(Foto: dpa)

Für jeden objektiven Beobachter sei aber klar, "dass diese Versuche gescheitert sind". Auch in dem jüngsten Münchner Fall sei deutlich, dass der damalige Erzbischof Joseph Ratzinger nichts zu tun hatte mit Entscheidungen, "nach denen es später dann zu den Missbräuchen kommen konnte." Ratzinger hatte der Versetzung eines wegen Kindesmissbrauchs vorbelasteten Priesters von Essen nach München zugestimmt. Der Mann wurde in München wieder in einer Gemeinde eingesetzt, fiel nach einiger Zeit erneut mit pädophilen Handlungen auf und wurde deshalb auch verurteilt. Der frühere Generalvikar Gerhard Gruber bezeichnete den Einsatz des Mannes in der Pfarrseelsorge als "schweren Fehler" und übernahm die volle Verantwortung.

3000 Beschwerden

Der Vatikan will seit 2001 von rund 3000 Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche aus den vergangenen 50 Jahren erfahren haben. Das sagte ein Vertreter der päpstlichen Glaubenskongregation, Charles Scicluna. Von 2001 bis 2010 habe es rund 3000 Beschwerden über Geistliche gegeben. In rund 60 Prozent der Fälle sei es um gleichgeschlechtliche Kontakte gegangen. Bei 30 Prozent der Beschwerden handelt es sich demnach um heterosexuelle Kontakte und in zehn Prozent der Fälle um pädophile Übergriffe Geistlicher.

In zehn Prozent der Beschuldigungen, bei denen es sich laut Scicluna um "besonders schwere Fälle mit unzweifelhaften Beweisen" handelte, wurde den beschuldigten Priestern das Recht entzogen, Sakramente wie die Beichte zu spenden. Weitere zehn Prozent hatten demnach selbst darum gebeten. Gegen 60 Prozent der Betroffenen strengte die Kirche seinen Angaben zufolge keine Prozesse, sondern lediglich disziplinarische Maßnahmen an. Der Grund war laut Scicluna meistens das "fortgeschrittene Alter" der Beschuldigten.

ZdK stellt Zölibat in Frage

Angesichts der sich häufenden Meldungen über Kindesmissbrauch plädiert ZdK-Präsident Alois Glück für eine Aufhebung des Zölibats für Priester. Die Kirche müsse Konsequenzen struktureller Art ziehen und dabei auch überlegen, ob es kirchenspezifische Bedingungen für den Missbrauch gebe, sagte der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK) der "Süddeutschen Zeitung". "Dazu gehört zweifellos eine Auseinandersetzung mit dem ganzen Thema Sexualität, angefangen vom Umgang damit bis hin zur Auswahl des kirchlichen Personals." Die Lockerung des Pflichtzölibats sei ein Weg, sagte der CSU-Politiker. Allerdings sei das Problem damit allein nicht gelöst.

Alois Glück kann sich eine Abkehr vom Zölibat vorstellen.
Alois Glück kann sich eine Abkehr vom Zölibat vorstellen.(Foto: dpa)

Papst Benedikt XVI., der sich am Freitag vom Vorsitzenden der Bischofskonferenz Robert Zollitsch über das Ausmaß der Affäre unterrichten ließ, hält dagegen am Zölibat fest. Die Ehelosigkeit der Priester sei ein Geschenk Gottes, das nicht dem Zeitgeist geopfert werden solle, sagte der Papst auf einer Konferenz zum Priesteramt im Vatikan. Für katholische Geistliche gilt der Zölibat seit dem zwölften Jahrhundert. Der Zölibat wird in der Debatte über dem Missbrauch als eine der Ursachen genannt.

Quelle: n-tv.de