Politik

Rot-Rot-Grün? Wahlkrimi in Erfurt

In Thüringen schafft es die SPD nur auf peinliche 12 Prozent - das ist kaum stärker als die AfD im Freistaat. Dennoch spricht an diesem Wahlabend in Erfurt kaum einer über den Erfolg der neuen Konservativen. Die Frage lautet: Reicht es für Rot-Rot-Grün?

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Die Linken haben leicht zugelegt. Dennoch muss Bodo Ramelow noch zittern - und sollte es am Ende reichen, dann ist er von der abgestürzten SPD abhängig.

(Foto: dpa)

Der Wahlabend in Thüringen wurde zum regelrechten Wahlkrimi: Mal reichte es laut den Hochrechnungen nur knapp für Schwarz-Rot, dann schien auch wieder Rot-Rot-Grün eine mögliche Option. Für die Anhänger der Linkspartei, die im Erfurter "Palmenhaus" ihren Wahlerfolg feierten, wurde die Wahlparty zur emotionalen Achterbahnfahrt. "Ich glaube, es wird eine spannende Nacht", rief ihr Spitzenkandidat Bodo Ramelow. Noch nie war er seinem Ziel näher, erster linker Ministerpräsident in einem Bundesland zu werden.

Die Hochrechnung von ARD und ZDF sahen am frühen Abend ein Patt von jeweils 45 Sitzen zwischen Schwarz-Rot und Rot-Rot-Grün - das wäre für beide Konstellationen die denkbar knappste Mehrheit. "Ich bin erstmal glücklich über unser Ergebnis", sagt Thomas Völker, der sich als Wahlhelfer der Linken wochenlang abgekämpft hat. Und mit Blick auf eine mögliche Regierungsoption mit SPD und Grünen fügt er hinzu: "Ich habe die Hoffnung noch nicht verloren."

Allen Glauben verloren hat dagegen die SPD. Lange Gesichter auf der Wahlparty im Irish Pub, nur wenige hundert Meter von den Linken entfernt. "Das ist ein richtig schlechtes Ergebnis", räumt eine sichtlich enttäuschte SPD-Spitzenkandidatin Heike Taubert vor ihren Unterstützern ein.

Eine Analyse, warum die SPD in Thüringen auf rund zwölf Prozent abgestürzt ist, will sie an diesem Abend noch nicht wagen. Die Genossen müssen den Schlag erstmal verdauen. "Lasst uns jetzt zusammenstehen", ruft sie ihnen noch zu, bevor sie vor die nächste Fernsehkamera verschwindet.

Noch vor wenigen Tagen strotzten Taubert und ihre SPD geradezu vor Selbstbewusstsein. Schließlich galten sie als die Königsmacher für die künftige Regierung. Nach fünf Jahren Koalition mit der CDU, die zuletzt mehr schlecht als recht funktionierte, steht die SPD einem Bündnis mit Linken und Grünen offen gegenüber.

Anders als 2009 sind die Sozialdemokraten diesmal auch bereit, den Linken Bodo Ramelow als Ministerpräsidenten ins Amt zu wählen. Ramelow selbst verbreitet weiter Optimismus. "Ich glaube, dass es am Ende des Tages reichen wird für eine reformorientierte Landesregierung", muntert er seine Anhänger auf.

SPD, Linke und Grüne eint immerhin ein gemeinsames Ziel. Sie wollen die CDU-Herrschaft in Thüringen nach fast einem Vierteljahrhundert beenden und die Christdemokraten auf die harte Oppositionsbank schicken. Letztlich müsste sich die SPD entscheiden, ob sie Neues wagt - oder wie gehabt als Mini-Partner mit der CDU regiert.

Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht lässt sich am Wahlabend freilich die Laune nicht verderben. Die CDU-Politikerin, die zuletzt vor allem durch eine unglückliche Personalpolitik Schlagzeilen machte, strahlt über das ganze Gesicht und feiert ihre Partei als Wahlsiegerin. Die große Erleichterung ist ihr anzumerken. Tatsächlich konnte die Thüringer CDU nach ihrem historisch schwachen Ergebnis von 2009 zulegen, was Lieberknecht klar als Auftrag der Wähler zur Regierungsbildung sieht.

Dass die eurokritische AfD nach ihrem Wahlerfolg in Sachsen nun auch mit zehn Abgeordneten in den Thüringer Landtag einziehen wird, geht am Wahlabend fast unter. Über die FDP, die in hohem Bogen aus dem Landtag geflogen ist, redet schon keiner mehr.

Es wird sich nun zeigen, ob in Thüringen ein neues Kapitel der parlamentarischen Geschichte aufschlagen wird. Zwar waren die Linken schon anderswo an Landesregierungen beteiligt oder haben diese toleriert. Ein linker Ministerpräsident wäre 25 Jahre nach der Wende aber tatsächlich eine Zäsur.

Quelle: ntv.de, Andrea Hentschel, AFP