Politik

Obama in Hiroshima War der Atombombenabwurf notwendig?

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Diesen Kranz legte Obama am Friedensdenkmal in Hiroshima nieder.

(Foto: REUTERS)

Als erster US-Präsident besucht Barack Obama Hiroshima. Eine Entschuldigung äußert er dort nicht. Zu stark ist die Erzählung vom schnellen Ende des Krieges durch die Atombombenabwürfe im August 1945.

Präsident Harry S. Truman war an Bord des Kreuzers "USS Augusta", als ihn die Nachricht vom Atombombenabwurf auf Hiroshima erreichte. Er war auf der Heimreise; kurz zuvor hatte er in Potsdam mit britischen Premierminister Winston Churchill und dem sowjetischen Diktator Stalin verhandelt. Der Abwurf sei "erfolgreich in jeder Hinsicht" verlaufen, hieß es in dem Telegramm, das ihm am 6. August 1945 gereicht wurde, als er gerade beim Mittagessen saß.

Truman stand auf und sagte den Besatzungsmitgliedern, die sich mit ihm in der Messe befanden, er sei gerade über "unseren ersten Angriff auf Japan mit einer furchtbar mächtigen, neuen Waffe" informiert worden. Die Reaktion war Applaus. "Ich schätze, dass ich nun früher nach Hause komme", soll ein junger Soldat gesagt haben, der mit Truman am Tisch saß. So verstanden auch die Soldaten, die noch im Pazifik kämpfen mussten, eine vorab aufgezeichnete Radioansprache des Präsidenten, die wenig später ausgestrahlt wurde: Die Bombe würde den Krieg beenden, sie würden nicht mehr kämpfen müssen, sie würden nicht sterben, sie würden bald nach Hause fahren.

Diese Interpretation lag nahe und Truman hatte sie auch beabsichtigt. Die USA hätten die Atombombe eingesetzt, "um das Leiden des Kriegs zu verkürzen, um die Leben von tausenden und abertausenden junger Amerikaner zu retten", sagte er drei Tage später, nach dem Abwurf einer zweiten Bombe auf Nagasaki.

Von der Mehrzahl der US-Amerikaner wird diese Version der Geschichte bis heute geteilt. Obwohl nach konservativen Schätzungen in Hiroshima und Nagasaki insgesamt 250.000 Menschen starben, obwohl zahllose Menschen über Jahrzehnte an den Spätfolgen litten und bis heute leiden, glaubten 2015 noch immer 56 Prozent der US-Amerikaner, die Abwürfe seien gerechtfertigt gewesen.

Historiker bezweifeln Trumans Version

Dass ein US-Präsident sich für die Atombombenabwürfe entschuldigt, ist damit ausgeschlossen, und Barack Obama hat dies bei seinem Besuch in Hiroshima auch nicht getan – was konservative Medien in den USA nicht davon abhielt, ihm vorzuwerfen, in Japan auf "Entschuldigungstour" zu gehen (die Vorstellung, Obama entschuldige sich andauernd für sein Land, gehört zu den Lieblingsthemen der politischen Rechten in den USA).

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Obama umarmt Shigeaki Mori, einen Überlebenden des Atombombenabwurfs. Der hat ein Mahnmal für die US-Soldaten geschaffen, die in Hiroshima starben, weil sie dort als Kriegsgefangene festgehalten wurden.

(Foto: AP)

Aber gäbe es Grund für eine Entschuldigung? Historiker haben lange Trumans Auffassung geteilt, die Atombombenabwürfe hätten den Krieg schneller beendet. Das ist heute anders: Der US-Historiker Christian Appy etwa argumentiert, Truman habe die Bombenabwürfe auch angeordnet, um der Sowjetunion im beginnenden Kalten Krieg die militärische Macht der USA zu demonstrieren.

Stalin hatte zugesagt, dass die UdSSR am 8. August in den Krieg gegen Japan eintreten würde; Truman befürchtete, so Appy, dass die Sowjets einen umso größeren Anteil an Ostasien einfordern könnten, je länger der Krieg dauern würde. Der Historiker Tsuyoshi Hasegawa von der University of California ist überzeugt, nicht Hiroshima habe die Japaner zur Kapitulation getrieben, sondern die Kriegserklärung der Sowjetunion.

Viele tausend US-Soldaten wurden verschont

Richtig ist allerdings, dass durch die Atombombenabwürfe viele US-Soldaten gerettet wurden. Wie viele, darüber gehen die Meinungen auseinander. Zehn Jahre nach Kriegsende schrieb Truman in seinen Memoiren, bei einer Invasion wären eine halbe Million US-Amerikaner und mindestens ebenso viele Japaner ums Leben gekommen. Seine Militärberater hatte ihm 1945 allerdings eine andere Zahl genannt. Sie waren davon ausgegangen, dass bei einer Invasion 40.000 US-Soldaten fallen würden.

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Hiroshima wurde fast vollständig zerstört, 70.000 bis 80.000 Menschen starben sofort, zehntausende in den Monaten danach.

(Foto: dpa)

Der deutsche Historiker Andreas Etges wies vor drei Jahren im Interview mit n-tv.de darauf hin, dass US-Präsidenten im Krieg grundsätzlich eher bereit seien, "viele Tote der Gegenseite hinzunehmen, um möglichst wenige US-Soldaten zu opfern". Hätte Truman darauf verzichtet, die Atombomben zu werfen, "hätte er sich später vorwerfen lassen müssen, viele tausend US-Soldaten auf dem Gewissen zu haben".

"Das bedeutet aber nicht, dass der Atombombenabwurf nicht moralisch und ethisch in Frage gestellt werden kann", so Etges weiter. Der spätere Verteidigungsminister Robert McNamara habe die Sache auf den Punkt gebracht: Hätten die USA den Krieg verloren, so wären die Verantwortlichen als Kriegsverbrecher vor Gericht gestellt worden.

"Trump würde die Bombe werfen"

Bei seinem Besuch in Hiroshima sagte Obama, es gebe eine gemeinsame Verantwortung, der Geschichte ins Auge zu schauen und sich zu fragen, wie solches Leid künftig verhindert werden könne. Die Atomwaffen besitzenden Staaten müssten den Mut aufbringen, eine Welt ohne Atombomben zu schaffen. "Lasst alle Seelen hier in Frieden ruhen, denn wir werden das Böse nicht wiederholen", so Obama.

Angesicht der aktuellen politischen Situation in den USA sind solche Sätze fast ebenso spektakulär wie eine Entschuldigung. Der republikanische Präsidentschaftskandidat Donald Trump jedenfalls hält nichts davon, die Verbreitung von Atomwaffen einzudämmen. Im Gegenteil: Im vergangenen Jahr sagte er, dass er auf jeden Fall Atomwaffen gegen die Terrormiliz Islamischer Staat einsetzen würde. Südkorea und Japan empfahl er im März, sich Nuklearwaffen zuzulegen.

Einer seiner Wahlkampfhelfer, die frühere Basketball-Trainerlegende Bobby Knight sagte vor einem Monat bei einem Auftritt mit dem Immobilienmilliardär, Truman habe "den Mumm" gehabt, die Bombe abzuwerfen und er habe so "Millionen" amerikanischer Leben gerettet – Trump würde genau das Gleiche machen. Der freute sich über das Kompliment. "So ein toller Bursche", sagte Trump über Knight. "Wow."

Quelle: ntv.de