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Zahlen, Daten, Fakten Was Sie die Meck-Pomm-Wahl jucken sollte

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(Foto: imago stock&people)

In Schwerin zittern heute die Protagonisten der mecklenburg-vorpommerischen Politik dem Ergebnis der Landtagswahl entgegen. Was das mit dem Rest Deutschlands zu tun hat - und warum Meck-Pomm ein beachtenswertes Bundesland ist.

Für viele Deutsche, vor allem im Westen der Republik, ist Mecklenburg-Vorpommern ja so etwas wie ein polnischer Vorposten: viel Land, wenig Menschen, kein Interesse. Danach kommt der Ostblock, die Ödnis, wen kümmert das schon. Diese Leute tun einer der schönsten Regionen Deutschlands jedoch arg Unrecht. Und auch die Landtagswahl, die heute im Nordosten abgehalten wird, ist spannender als manch einer glaubt.

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Voigtdorf im östlichen Gebiet der Mecklenburgische Seenplatte: Hier leben gerade einmal etwas über 100 Menschen.

(Foto: picture alliance / dpa)

Zunächst einmal ist es wahr: In kaum einem Bundesland wohnen so wenige Menschen wie in Mecklenburg-Vorpommern. Es sind lediglich rund 1,6 Millionen Einwohner, nur in Bremen und im Saarland leben noch weniger. Dabei ist Mecklenburg-Vorpommern flächenmäßig das sechstgrößte Bundesland. Es macht 9,49 Prozent der Gesamtfläche Deutschlands aus. Es gibt von Einheimischen den nicht ganz ernst gemeinten, aber dennoch nützlichen Rat, vor der Fahrt über die A20 quer durch das Land noch einmal auf Toilette zu gehen. Tatsächlich sind auf der Strecke oft kilometerweit weder Ausfahrt noch Raststätte in Sicht.

Viel Platz für wenige Menschen also. Und die Ellbogenfreiheit der Mecklenburger und Vorpommern (wagen Sie es ja nie, die beiden Regionen vor und nach dem Bindestrich über einen Kamm zu scheren! Die jagen sie gemeinsam zurück über die Landesgrenzen!) ist über die Jahre noch größer geworden. Wie in nahezu allen Regionen im Osten war die Abwanderung nach der Wende gigantisch. Zum Ende der DDR lebten hier noch rund 2 Millionen Menschen. Der Trend ist zwar gestoppt, es geht sogar wieder ein wenig aufwärts. Allerdings ziehen die Menschen vornehmlich in die Städte. Die Dörfer sind und bleiben verwaist. Attraktiv sind vor allem die Gegenden im Westen, hier siedeln sich Berufspendler an, die zum Arbeiten in eines der angrenzenden Bundesländer fahren.

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Winter in Schwerin

(Foto: picture alliance / dpa)

Apropos Arbeit. Hier ist die Situation für viele Menschen alles andere als rosig. Mit einer Arbeitslosenquote von 9,0 Prozent liegt das Bundesland etwas über dem ostdeutschen Schnitt von 8,2 Prozent, der ja ohnehin schon über dem Bundesschnitt liegt. In Deutschland ist es um den Arbeitsmarkt nur in Sachsen-Anhalt, Berlin und Bremen schlechter bestellt. Für Mecklenburg-Vorpommern gilt grob: Je östlicher, desto finsterer ist die Lage. Im Landkreis Ludwigslust-Parchim sind nur 6,5 Prozent arbeitslos, an der Mecklenburgischen Seenplatte sind es 11,3 Prozent.

Und das sind noch die Sommerzahlen. Für ein Tourismusland bedeutet das: Im Winter schnellen die Arbeitslosenzahlen noch einmal in die Höhe. Im Januar 2016 lag die Quote bei 11,5 Prozent, in Vorpommern-Rügen, wo es im Sommer viele Urlauber hinzieht, sogar bei 14,9 Prozent.

Aber es ist nicht alles schlecht. Das Land erlebt einen kleinen Wirtschaftsboom. Die Arbeitslosigkeit ist um rund 20 Prozent niedriger als noch vor vier Jahren. Im Jahr 2015 erwirtschaftete das Land das höchste Bruttoinlandsprodukt seiner Geschichte. Die Exporte stiegen um 12 Prozent.

Einen gehörigen Anteil am Aufwärtstrend hat der Tourismus. Mit "2000 Kilometern Küste, 2000 Seen und 2000 Schlössern" wirbt der Tourismusverband für Urlaub im Nordosten. Im laufenden Jahr rechnet man mit insgesamt 30,5 Millionen Übernachtungen – das wäre ein neuer Rekord. Grund für den Anstieg ist auch die globale Terrorgefahr: Warum an die türkischen Riviera fliegen, wenn das Gute und Sichere so nah ist.

Wobei – gut? Wer schon einmal an der Ostsee Ferien gemacht hat, kennt den bangen Blick aus dem Fenster: Hält das Wetter heute? Oder wieder nur in der Regenjacke auf der Seebrücke auf und ab gehen? Tatsächlich aber liegt Mecklenburg-Vorpommern in der Liste der Länder mit den meisten Sonnenstunden regelmäßig ganz vorne. 1740 Stunden waren es 2015. Aber: Im Jahresschnitt liegt die Temperatur bei frösteligen 9,8 Grad. Mecklenburg-Vorpommern ist das viertkühlste Bundesland.

Das Klischee vom kühlen Norden trifft also ganz offenbar zu. Ist das bei weiteren Vorurteilen so?

  • Fisch: In keinem Bundesland wird mehr Fisch konsumiert. 6,8 Kilogramm im Jahr sind es durchschnittlich pro Kopf.
  • Landwirtschaft: Wer übers Land fährt, sieht grüne Weiten – und viel Vieh. 561.000 Rinder, 748.200 Schweine und 70.700 Schafe lebten Ende 2015 in Mecklenburg-Vorpommern. Es ist aber auch insbesondere der Rapsanbau, der die Landwirtschaft zum bedeutendsten Wirtschaftsfaktor macht.
  • Rechtsextremismus: Leider trifft auch das zu. Auf 100.000 Menschen kamen im Jahr 2014 2,19 rechtsextremistisch motivierte Straftaten. Nur in Berlin, Brandenburg und Thüringen war die Zahl höher. Und im Flüchtlingsjahr 2015 wird es offensichtlich schlimmer: Die Zahl der rechtsextremistisch motivierten Straftaten ist von 642 im Jahr 2014 auf 952 nach oben geschnellt. "Antiasylaktivitäten bilden einen Schwerpunkt", so das Landesinnenministerium.

Die letzte Aussage der Regierung ist schon erstaunlich, denn im ganzen Jahr 2015 gab es nur rund 23.000 registrierte Asylbewerber. Im ersten Halbjahr nahm Mecklenburg-Vorpommern lediglich rund 4000 Neuankömmlinge auf. Im Juni kamen gerade einmal 83. Von "Überfremdung" ist Mecklenburg-Vorpommern so weit entfernt wie von den Alpen. Der Ausländeranteil liegt bei etwas über 4 Prozent, zahlenmäßig halten sich hier im Ländervergleich die wenigsten Ausländer auf (nämlich Ende 2015 etwa 65.000). Zum Vergleich: Berlin hat einen Ausländeranteil von 16,5 Prozent.

Doch alle Argumente helfen nichts, die Flüchtlingspolitik war das vorherrschende Thema im Landtagswahlkampf. Entsprechend die Umfragen: Die AfD ist extrem stark. Gerade der populäre Ex-Radiomoderator und AfD-Spitzenkandidat Leif-Erik Holm macht der Partei derzeit viel Freude. Sie kann sich Hoffnungen machen, mit über 20 Prozent noch vor der CDU ins Ziel zu gehen. Das wäre besonders für Kanzlerin Angela Merkel peinlich, deren Wahlkreis ja in Mecklenburg-Vorpommern liegt. Insgesamt, also gemeinsam mit jenen, die für die NPD stimmen könnten, liegt die mögliche rechte Wählerschaft bei rund 25 Prozent.

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Erwin Sellering mögen die Menschen in Mecklenburg-Vorpommern.

(Foto: imago/Michael Handelmann)

Die SPD zehrt vom Amtsinhaber-Bonus – Ministerpräsident Erwin Sellering ist ziemlich beliebt. Auch wenn die Genossen wohl stärkste Kraft werden, dürften sie Federn lassen. Da können sich führende SPD-Politiker wie Manuela Schwesig noch so sehr im Wahlkampf engagieren. Rechnet man hin und her und zieht in Betracht, dass keiner mit der AfD koalieren wird, bleiben eigentlich nur drei denkbare Szenarien:

  • Es reicht doch knapp wieder für eine Große Koalition.
  • Wie in Sachsen-Anhalt müssen die beiden dann nicht mehr so großen Parteien SPD und CDU die Grünen ins Boot holen.
  • Oder die SPD muss es mit den Grünen und den Linken gemeinsam probieren.

Letzteres ist ja ein Modell, das in den möglicherweise beteiligten Parteien auch für die Bundespolitik diskutiert wird. Insofern könnte die Landtagswahl im ach so unbedeutenden Mecklenburg-Vorpommern eine ungeahnte Strahlkraft entwickeln. Auch das absehbar starke Abschneiden der AfD und die Verluste der etablierten Parteien können das politische Berlin nicht kalt lassen. Gepaart mit den möglichen Ergebnissen bei der Berlin-Wahl in zwei Wochen könnte es in Konrad-Adenauer- und Willy-Brandt-Haus im Lauf des Septembers noch ungemütlich werden.

Quelle: n-tv.de

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