Politik

"Ein Vorschlag, 85 Bedenken" Was die Bildungspolitik jetzt ändern muss

230583990.jpg

Was taugt das deutsche Bildungssystem? Laut einer Studie werden 65 Prozent der heutigen Grundschüler in Jobs arbeiten, die wir heute noch gar nicht kennen.

(Foto: picture alliance/dpa)

Seit Corona kommt kaum eine Talkrunde über Bildung ohne die Digital-Expertin Verena Pausder aus. Im Interview spricht die Unternehmerin, Mutter und Buchautorin über die Zweiklassengesellschaft in der Bildung, das Totschlagargument Datenschutz und darüber, wie ein Unterrichtsfach "Zukunft" aussehen müsste.

Als vor mehr als einem Jahr die Schulen plötzlich in den Lockdown gingen, Eltern, Lehrer, auch Schuldirektoren verzweifelt waren, da haben Sie einfach eine Liste aller Ihnen bekannten digitalen Lernportale gemacht und online publiziert. Warum gab es eine solche Liste nicht in irgendeiner staatlichen Schublade?

Verena Pausder: Es gibt bis heute in ganz vielen Bundesländern und für ganz viele Schulen keine Positivliste, auf der steht: Diese Programme, diese Hardware und Software dürft Ihr verwenden, die ist datenschutz-konform, die ist im Curriculum einsetzbar. Und warum gibt's das nicht? Weil wir uns selber ein Bein stellen. Weil wir denken: Wenn wir den Anbieter auflisten, dann müssen wir auch den auflisten und jenen … Dann lieber keinen. Insbesondere die Bildungspolitik glaubt: Wenn wir private Anbieter auf einer Seite darstellen, dann ist das Kommerzialisierung der Bildung. Gleichzeitig verkaufen wir seit 60 Jahren Schulbücher und Materialien in die Schule, was nichts anderes ist, nur eine analoge Form davon.

Ist es der Kommerz-Vorwurf oder der Wunsch nach Ausschluss von Haftung und Wettbewerbsklagen, wegen der Ausschreibungsvorgaben?

Beides. Und drittens der Datenschutz, der sowieso immer das Totschlagargument für alles ist. Ich war gerade in einer Schule, da hat der Lehrer über Zoom für alle Kinder Unterricht gemacht und an der virtuellen Tafel Aufgaben entwickelt. Das hatte gar keine Datenschutz-Komponente. Da ist kein Schüler sichtbar, da ist kein Raum sichtbar, da ist kein Name sichtbar, sondern da ist einfach nur der Lehrer, der versucht, mit den Kindern zu Hause in Kontakt zu bleiben. Wir differenzieren nicht zwischen persönlichen und personenbezogenen Daten und Unterricht, der über diese Videoplattformen laufen kann. Da stehen wir uns selbst im Weg. Ausschreibungen sind ein zweiter großer Hemmschuh. Wir schreiben ja europaweit aus. Und ich frage mich immer: Es gibt ja auch noch andere Länder in Europa, die sind irgendwie viel schneller als wir. Legen die die Ausschreibungs-Pflicht anders aus? Oder warum sind wir da immer so langsam?

Sie haben für Mitte Juni zu einem neuen Hackathon von #WirfürSchule eingeladen. Was passiert dort und wer kann mitmachen?

Wir haben das Konzept des Hackathon aus der Softwareprogrammierung übernommen. Programmierer kommen am Freitag zusammen, mit einer konkreten Aufgabenstellung, und sagen: Sonntag wollen wir einen Prototyp haben. Oder eine Website oder App. Der Spirit ist: Wir tun alle unsere unterschiedlichen Stärken zusammen und entwickeln gemeinsam und schnell das beste Produkt. Das haben wir auf die Bildungslandschaft übertragen und gesagt: Was wäre, wenn Menschen deutschlandweit digital zusammenkommen und an der Schule von morgen arbeiten? Jeder bringt ein, was er kann. Mütter, Väter oder jemand, der bildungsinteressiert ist. Der mag keine pädagogisch-didaktischen Konzepte kennen, aber hat vielleicht gesunden Menschenverstand beizutragen. Diese Masse an Menschen erarbeitet dann konkrete Lösungen für die Schule von morgen und entwirft ein gemeinsames Zielbild.

In der Ankündigung zum Hackathon heißt es, eigentlich müsste "Zukunft auf dem Lehrplan stehen". Was sollte man im Fach Zukunft denn lernen?

Erstmal sollte den Kindern die Freiheit gegeben werden, den Weg zum Ziel selber zu suchen. Es gibt eine Studie des Weltwirtschaftsforums, wonach 65 Prozent der heutigen Grundschüler in Jobs arbeiten werden, die wir heute noch nicht kennen. Folglich macht es nicht so viel Sinn zu sagen: Wir konzentrieren uns in den nächsten 20 Jahren auf die Wissensvermittlung und hoffen, dass wir das Richtige vermittelt haben. Es geht vielmehr darum, Kompetenzen bei den Kindern zu schulen, um sich in einer Welt von morgen arbeitsmarkttechnisch, aber auch lebenstechnisch zurechtzufinden. Das ist zum Beispiel Problemlösungskompetenz. Wie suche ich den geeigneten Weg zum Ziel? Der eine braucht Audio, der hört sich etwas an, um zu lernen. Der nächste braucht es visuell, der dritte haptisch. Im Moment geben wir ganz klar vor: alle per Video oder alle per Arbeitsblatt. Wir gehen nicht darauf ein, dass Kinder unterschiedlich lernen, und dass sie selber sagen können, wo sie lang gehen wollen. Und zweitens brauchen wir in einer digitalen Welt viel, viel mehr Fähigkeiten wie Empathie, Teamfähigkeit und soziale Interaktion als in einer nicht-digitalen Welt.

Was bedeutet das für Lehrer?

Dass sie entlastet werden, nicht vorne der Wissensvermittler zu sein, sondern eine Art Lernbegleiter werden zu können und zu sagen: Ich bin hier, um euch zu helfen, euren Weg zu finden, aber ich gebe euch nicht mehr alles vor. Ich bin an eurer Seite und kann individueller auf euch eingehen, weil ich nicht die ganze Zeit den Stoff vorbeten muss.

Sie sind als Bildungsexpertin im Innovation Council von Digital-Staatsministerin Dorothee Bär. Schmückt man sich da mit Ihnen? Oder können Sie sagen, Sie erreichen da auch etwas?

Das ist richtig Arbeit und Input, den wir da liefern. Das sind keine Gremien, wo man ein bisschen Kaffee trinkt und der Name auf der Website steht. Aber es ist natürlich immer noch langsam, weil es politische Entscheidungswege sind, weil wir Föderalismus haben und das in der Art interpretieren: machen wir doch alle sechzehn mal was Unterschiedliches. Wenn wir was Gutes haben, dann soll es möglichst keiner nachmachen dürfen. Diese Denke - Bund gegen Länder, zu wenig Zusammenarbeit der Bundesländer untereinander – die spürt man in diesen Gremien. Man macht als Outsider den Vorschlag: Es kommen ganz viele Kinder unter die Räder in dieser Pandemie, weil bei ihnen zu wenig zuhause ankommt und sie keine Unterstützung ihrer Eltern haben. Warum fordern wir nicht alle privaten online Nachhilfe-Anbieter auf, zu Selbstkosten ihr Produkt zur Verfügung zu stellen und verteilen Bildungsgutscheine an Kinder, die eine Vier, Fünf oder Sechs auf dem Halbjahres-Zeugnis hatten? Und dann kommen 85 Bedenken. Meine Bedenken sind aber, dass zwei Millionen Kinder in diesem Land gerade entlernen, und nicht, ob wir einen Anbieter vergessen haben. Der wird sich schon melden.

Verglichen mit Frankreich, den USA oder Großbritannien hat Deutschland keine Zweiklassengesellschaft in der Bildung. Man kann mit einer normalen staatlichen Schule, einer staatlichen Uni sehr, sehr viel erreichen. Seit der Pandemie macht es einen Riesenunterschied, ob Kinder zu Hause Klavier und Bücherregal haben und die Mittel, privaten Unterricht zu finanzieren.

Wir haben eine Zwei-Klassen-Gesellschaft in der Bildung und das nicht erst seit einem Jahr. Sie ist nur jetzt offensichtlich geworden. Vorher hat man das irgendwie geahnt, aber es war nicht transparent und auch nicht wirklich Thema. Bildungstalks im Fernsehen oder Podcasts dazu waren vor Corona Mangelware. Das hat in Deutschland nicht genug interessiert. Jetzt interessiert es alle. Und man stellt fest: Wir haben nicht nur das Problem, dass die einen Cello spielen, dann zum Hockey gehen und am Abendessenstisch wird über Wirtschaft, Finanzen und Politik diskutiert. Sondern wir haben jetzt auch noch Kinder ohne Geräte zu Hause, außer einem Smartphone, aber auch keinen Datentarif, der dazu befähigt, an Videokonferenzen teilzunehmen. Bei diesen Kindern ist gar nichts angekommen. Vorher waren sie wenigstens in der Schule. Und nun fällt neben der Schule bei vielen das Frühstück und das warme Mittagessen weg. Es ist ein Armutszeugnis für die viertgrößte Volkswirtschaft der Welt, dass wir es nicht hinkriegen, dieses staatliche Bildungssystem infrastrukturell und inhaltlich am Zahn der Zeit zu halten, dass Kinder da für die Zukunft ausgebildet werden und wir Chancengerechtigkeit haben. Dass wenn man in die Grundschule geht, kann man erst mal noch alles werden.

Lehrer-Schelte ist aktuell wieder populär. Viele wollen aus guten Gründen nicht in die Schule, weil sie zum Beispiel Risikopatienten sind. Viele bieten aber auch keinen digitalen Unterricht an, weil sie sich überfordert fühlen, aus Infrastruktur- oder Datenschutzgründen. 18 Prozent aller Schülerinnen und Schüler hatten während der Schulschließungen im zweiten Lockdown keinen Video-Unterricht, 21 Prozent höchstens einmal pro Woche. Sind Lehrer ein Teil des Problems, der Lösung oder beides?

Sie sind ein Teil der Lösung. Ich bin tatsächlich schon immer - nicht erst jetzt, weil ich ein Gegengewicht bilden will -, ein großer Fan der Lehrer und Lehrerinnen. Natürlich, es gibt überall schwarze Schafe. Mein Bild ist: Ganz viele, vor allem in den letzten 13 Monaten, sind über sich hinausgewachsen. Sie sind absolut willig und sagen: Ich möchte meine Schüler und Schülerinnen nicht verlieren. Ich versuche alles, um irgendwie mit ihnen in Kontakt zu bleiben. Die Realität ist: Die Schulen haben kein schnelles Internet an der Schule. Neulich war ich an einer mit 1000 Schülern – da können zwei Videokonferenzen parallel aus der Schule gestreamt werden. Für mehr ist keine Bandbreite da. Dann gibt es viele Eltern, die Einspruch erheben und sagen: Mein Kind darf nicht an einer Videokonferenz teilnehmen aus Datenschutzgründen. Dann darf die ganze Klasse nicht teilnehmen, weil das ungerecht wäre ... Letzter Punkt: die fehlende Ausstattung der Lehrer und Lehrerinnen. Die haben sich ihre Geräte selber gekauft in der Pandemie. Da ist aus dem Digitalpakt noch fast kein Euro für Lehrer-Geräte an den Schulen angekommen.

Wenn Eltern sich sperren – haben Sie den Eindruck, dass politisch etwas dagegen unternommen wird? Es kann ja nicht sein, dass aufgrund der Bedenken eines Elternpaars eine ganze Klasse keinen Unterricht erhält.

Genau, das ist unsolidarisch. Es geht nicht darum, dass alle Eltern so sind oder so, aber es ist schon eine wahnsinnige Herausforderung, was eine Schulleitung im Moment leisten muss. Eine Woche dürfen alle kommen, dann wieder nicht, dann Masken, dann Tests, dann soll man zuhause testen, dann doch in der Schule. Und dann kommen auch noch Eltern und sagen: Mein Kind, bitte nicht – wenn es die Schule gerade hingekriegt hat, Videokonferenzen aufzustellen. Oder: Mein Kind soll nicht getestet werden. Was ist das für ein Mist? So funktioniert eine Gesellschaft nicht, dass jeder sagt: Ich hätte es gerne so, überlegt euch mal eine Lösung für mich. Schon gar nicht in Zeiten, wo alle am Anschlag sind. Die Schulen brauchen mehr Autonomie. Sie kennen ihre Eltern, ihr Kollegium, ihre Schülerschaft am besten. Und wir müssen ihnen nicht immer alles vorschreiben und überwachen und regeln. An wie vielen Schulen, die ich besucht haben, stemmt der Förderverein gerade alles, was von staatlicher Seite nicht kommt.

imago0115791139h.jpg

Verena Pausder hat die Webseite homeschooling-corona.com am Anfang der Pandemie gestartet und den Hackathon #wirfürschule initiiert.

(Foto: imago images/Eventpress)

Was sind aus Ihrer Sicht die drei größten Probleme in der Bildung? Und wie ließen sie sich lösen?

Ein Thema ist der Digitalpakt. Da sind mehr als 6,5 Milliarden Euro ausgelobt, von denen nur ein Bruchteil abgerufen wurde. Es gab eine kleine Anfrage der FDP im Bundestag dazu: Wenn wir in dem Tempo weitermachen, ist das Geld 2049 an den Schulen angekommen. Da brauchen wir einen pragmatischen Abruf-Prozess und können gerade in diesen Zeiten nicht den Lehrern und Lehrerinnen sagen: Du musst noch einen Medienkompetenz-Plan entwickeln, den musst du beim Schulträger einreichen und der wartet dann, bis alle eingereicht haben und reicht dann erst weiter und, und, und … Das müssen wir entbürokratisieren. Zweitens: Wir brauchen ein Update für die Lehrerfortbildung. Es reicht nicht, die Studiengänge zu verändern. Wir müssen das Kollegium schulen, was jetzt im Feld ist. Da gibt's tolle Lösungen in den ersten Bundesländern, auch private Anbieter, die einfach Webinars und Online-Schulungen eins zu eins für Lehrer anbieten.

Und drittens?

Wir müssen an den Föderalismus ran und an die Kultusministerkonferenz. Sie hat die Digitalisierung bisher nicht hingekriegt, sie hat auf die Krise nicht schnell genug reagieren können. Offensichtlich sind die Strukturen zu unflexibel, um zu sagen: Jetzt Raumluft für alle, jetzt Test-Strategie an den Schulen, jetzt Masken-Konzept, was auch immer. Und zuletzt: Die Inhalte, der Lehrplan ist so voll. Da ist überhaupt keine Luft, um an eine Schule der Zukunft zu denken und neue Dinge einzubringen. Wir müssen mal was aus der Schule rausnehmen, statt immer nur drauf zu laden.

Sie haben vor kurzem ein Buch veröffentlicht, "Das neue Land". Wenn Sie einen Wunsch frei hätten, wie dieses neue Land aussehen sollte, wie lautet der?

Mehr zum Thema

Wenn ich es auf einen runterbrechen würde, dann hätte ich gerne mehr Unternehmer und mehr unternehmerisches Denken in diesem Land. Ich glaube, das hilft uns bei der Energiewende, bei Innovationen und Digitalisierung und Zukunftsfähigkeit. Das hilft uns dabei, diverse Strukturen in Unternehmen und Vereinbarkeit von Beruf und Familie live auszuprobieren. Und es lässt uns nicht so viel nach dem Staat rufen und so staatsgläubig sein, sondern gibt uns das Gefühl, wir können unser Leben selbst in die Hand nehmen.

Mit Verena Pausder sprach Tanit Koch.

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen