Politik

Will-Talk über Sexismus Was haben wir aus #MeToo gelernt?

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Wills Gäste, von links nach rechts: Heike-Melba Fendel, Ursula Schele, Verona Pooth, Laura Himmelreich und Gerhart Baum

(Foto: NDR/Wolfgang Borrs)

Eine Frauenrechtlerin verwechselt einen Feministen mit einem Liebhaber für "Herrenwitze", eine Künstleragentin hält die Sexismus-Outings für PR, Verona Pooth wittert eine Verschwörung: Anne Wills Gäste reden eine wichtige Debatte kaputt.

Gerhart Baum oder Rainer Brüderle, Hauptsache FDP! Wenn der denkwürdigste Moment einer Talkshow über Sexismus darin besteht, dass eine Frauenrechtlerin mit den Namen zweier Politiker durcheinanderkommt und einen flammenden Feministen im Eifer des Gefechts mit einem Liebhaber für "Herrenwitze" verwechselt, dann sagt das viel über die Qualität der Talkshow aus. "Anne Will" möchte am Sonntagabend eigentlich wissen, ob sich nach der #metoo-Debatte beim Thema Sexismus etwas ändert und hat dafür die Künstleragentin Heike-Melba Fendel, die Frauenrechtlerin Ursula Schele, die Moderatorin Verona Pooth, die Journalistin Laura Himmelreich und den ehemaligen Bundesinnenminister Gerhart Baum eingeladen.

Erstaunlicherweise ist es aber dem einzigen Mann in der Sendung - so viel sei vorab schon mal verraten - zu verdanken, dass überhaupt so etwas wie ein Fünkchen Substanz in den 60-minütigen Talk kommt. "Wir haben einen Alltagssexismus, überall, an jedem Tag, der zusammenhängt mit den Machtstrukturen. Das ist ein Angriff auf die Menschenwürde und macht Frauen schwach und wehrlos", hebt der FDP-Politiker, der seiner eigenen Partei gerne eine Quote verordnen würde, zu einem flammenden Appell für den Feminismus an. "Wir haben eine gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit. Wir müssen diese Krankheiten in unserer Gesellschaft aufspüren und darüber reden, wir brauchen einen Mentalitätenwechsel."

Hollywoods führender Sexist

Baum hat Recht, schließlich hat rund die Hälfte aller Frauen in Europa bereits mindestens einmal irgendeine Form von sexueller Diskriminierung erlebt. Leider verpasst der Rest der Runde die Chance, die Diskussion - basierend auf der erschreckend hohen Zahl - in eine sinnvolle Richtung weiterzutreiben und versteigt sich stattdessen in wirren Mutmaßungen und allzu kleinteiligen Erklärungsversuchen der Ereignisse der vergangenen Wochen. So ist Verona Pooth felsenfest davon überzeugt, dass die Missbrauchsvorwürfe gegen Schauspieler Kevin Spacey bewusst von Harvey Weinsteins Beratern gestreut wurden, um von den Vorwürfen gegen Hollywoods führenden Sexisten abzulenken.

Selbst wenn das stimmen sollte, hülfe es der hiesigen Sexismus-Debatte genauso wenig weiter wie die Feststellung von Heike-Melba Fendel, man müsse sich nicht dafür schämen, einen Künstler gut zu finden, der unter Missbrauchsvorwürfen steht. Kann man so sehen, muss man aber nicht. Ebenso wie die Meinung der Künstleragentin zum geballten Auftreten der Outings: "Kein Star outet sich mit etwas, von dem er nicht sicher weiß, dass das nicht seinem Image schadet."

"Ich finde es seltsam, den Frauen Kalkül zu unterstellten", entrüstet sich Fendels Sitznachbarin Ursula Schele. Die Frauenrechtlerin, die später noch die beiden FDP-Politiker durcheinanderschmeißen wird, würde Fendel am liebsten Nachhilfe in Sachen Sexismusaufklärung geben und subsummiert schließlich die ganze Debatte auf einen Kern: "Frauen, Männer, Mädchen, alle sind betroffen. Sexuelle Gewalt hat nur mit Gewalt zu tun. Sie instrumentalisiert die Sexualität. Das ist der Kern des Patriarchats, dass er seine sexuelle Macht zeigt."

Das klingt mächtig, zwingt die Diskussion aber in ein arg zugespitztes Korsett, das ihrer Komplexität nicht gerecht wird. Ob die Frauenrechtlerin mit der Verallgemeinerung  ihrer Sache dient, sei mal dahingestellt. Eines aber konstatiert Journalistin Himmelreich fünf Jahre nach dem ursprünglichen "Aufschrei": "Die Debatte wird mit einer anderen Ernsthaftigkeit geführt."

Quelle: ntv.de