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Aiman Mazyek über Pegida "Wasser auf die Mühlen der Islamisten"

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Freitagsgebet in der Abubakr-Moschee in Frankfurt am Main (Archivbild).

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In der öffentlichen Debatte werde nicht deutlich genug zwischen Islam und Islamismus unterschieden, sagt der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Mazyek. Zugleich räumt er ein, dass die muslimischen Gemeinden sich "noch weiter öffnen" könnten.

n-tv.de: Mit Pegida macht seit einigen Wochen eine islamkritische Bewegung von sich reden. Wie sehen deutsche Muslime diese Demonstrationen?

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Aiman Mazyek ist gebürtiger Aachener und Vorsitzender des Zentralrats der Muslime in Deutschland.

(Foto: picture alliance / dpa)

Aiman Mazyek: Kritik an Muslimen ist in vielen Fällen angebracht und angemessen und etwas Positives. Aber es ist ein Unterschied, ob ich jemanden kritisiere, oder ob ich ihn mit Vorurteilen übersähe. Ich bewerte Pegida nicht als islamkritische Bewegung. Pegida vertritt einen antimuslimischen Rassismus, der bisweilen als Kritik daherkommt.

Was für Emotionen lösen die Demonstrationen in Dresden und anderen Städten Deutschlands bei Muslimen aus?

Natürlich Sorge und Angst. Mir geht dabei auch durch den Kopf: Hoffentlich denken nicht viele in diesem Lande so. Die Menschen, die dort auf die Straße gehen, stellen uns auf die gleiche Stufe mit Terroristen und Mördern. Das ist eine gefährliche Entwicklung, denn diese verbale Pogrom-Stimmung ist auch Wasser auf den Mühlen der muslimischen Extremisten. Die sehen es doch darauf ab, einen Keil zwischen die Bevölkerungsgruppen und die Religionen zu treiben.

Anfang der Woche erschien eine Studie der Bertelsmann-Stiftung, die zeigte: Die Meinungen, die auf den Pegida-Demonstrationen ertönen, reichen tief in die Mitte der Gesellschaft hinein.

Wir als Zentralrat haben immer wieder darauf hingewiesen, dass wir das Thema Rechtsradikalismus nicht allein an den rechten Rändern der Gesellschaft verorten dürfen. Wenn wir uns nicht völlig klar darüber werden, dass die Rechtspopulisten Rassismus salonfähig machen, dann passiert genau das, dann landet der Rassismus in der Mitte der Gesellschaft. Außerdem haben wir in Deutschland spätestens seit dem 11. September 2001 in der öffentlichen Debatte immer wieder die Trennschärfe zwischen dem friedfertigen Islam und dem Extremismus nicht gewahrt. Das hat einen Generalverdacht gegen Muslime genährt.

Was kann man tun, damit sich die Stimmung nicht weiter aufschaukelt?

Sie könnten zum Beispiel auch den anderen Teil der Bertelsmann-Studie zitieren. Danach identifizieren sich über 90 Prozent der Muslime mit den Werten unserer Demokratie. Diesen Aspekt sollten die Medien stärker hervorheben. Es gilt zu zeigen, dass viele Nicht-Muslime eine zunehmend skeptische, ängstliche oder gar ablehnende Haltung zum Islam haben, obwohl sich die Muslime ihrerseits den Werten unserer freiheitlichen demokratischen Grundordnung immer mehr zu eigen machen.

Wir sind bei unserer Berichterstattung auch auf diesen Aspekt eingegangen. Und auch auf den Aspekt, dass die Furcht vor Muslimen paradoxerweise umso größer ist, wenn Menschen besonders selten auf Muslime treffen. Welche Konsequenz ziehen Sie als Zentralrat der Muslime daraus?

Wir müssen daraus die Konsequenz ziehen, dass die Leute, die kaum Berührungspunkte mit Muslimen haben, ihre Informationen über Muslime von woanders herholen. Damit meine ich nicht nur von den Stammtischen, sondern sicherlich auch von den Medien. Wenn man auf die Überschriften unserer sogenannten Qualitätspresse der letzten Jahre blickt, entsteht ein Bild des Islam, das von Angst, Terror, Gewalt und Überfremdung geprägt ist. Natürlich sind die Texte dann differenzierter, aber die Überschriften sind nunmal der Eye-Catcher. Dass der öffentliche Diskurs nicht um die positiven Dinge im Islam kreist, kommt einem medialen Supergau für Muslime gleich. Wo sind die Berichte über den friedlichen Alltag der Muslime? Die Medienberichterstattung ist sicherlich einer der Gründe, warum Leute, die kaum Berührung mit Muslimen haben, so ein Weltbild entwickeln.

Lassen Sie uns auch darüber sprechen, was die muslimischen Gemeinden tun können. Sind sie offen genug? Schaffen sie genug Gelegenheiten zum Kontakt?

Ohne Zweifel können sich die Gemeinden noch weiter öffnen und mehr tun. Aber das, was schon da ist, ist auch nicht wenig. Es gibt zum Beispiel Institution wie den "Tag der offenen Moschee". Es gibt viele Gemeinden, die ihre Moscheen für Führungen öffnen. Hinzu kommt der Alltag. Muslime leben ja nicht in Ghettos, die Moscheen sind öffentliche Einrichtungen. Muslime gehen zur Arbeit, zur Schule, in den Kindergarten. Auch da gibt es eine Menge Berührungspunkte. Dass das Verhältnis zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen in Deutschland bisher nicht arg schlimm geworden ist, ist vor allen Dingen diesem sozialen Kitt zu verdanken.

Nach wie vor gibt es vermutlich aber noch viele, die gar nicht wissen, welche Möglichkeiten es bereits gibt, den Islam kennenzulernen. Kann man einfach in eine Moschee spazieren und sich ein Freitagsgebet anhören?

Na klar. Man müsste höchstens fragen, ob die Predigt auf Deutsch ist, oder ob es einen Übersetzer gibt. In 40 bis 50 Prozent der Moschee-Gemeinden wird das schon so gemacht.

Dürfen Frauen auch den Gebetsraum der Männer betreten?

Natürlich. Eine gewisse Trennung gibt es während des Gebets, weil das Gebet im Islam in seiner Form sehr intim ist. Man beugt sich nieder, kniet sich auf den Boden und so weiter. Deshalb trennen wir die Gebete. Aber Frauen dürfen sich überall aufhalten.

Sind wirklich alle Moscheen so offen?

Bestimmt gibt es auch Ausnahmen, meist aber, weil die Moscheen niemanden haben, der eine Führung geben könnte oder weil ein Dolmetscher fehlt.

Werden die Muslime in Deutschland wegen des Anschlags in Frankreich noch ein besonderes Zeichen setzen?

Es gibt jedes Jahr den "Tag der offenen Moschee". Wir haben am 19. September unter dem Motto "Muslime stehen auf gegen Hass und Gewalt" Mahnwachen abgehalten. Beim letzten Freitagsgebet haben sich die Imame zudem dem Missbrauch der Religion durch Extremisten gewidmet. Wir werden aber auch noch weitere Zeichen setzen. Wir organisieren wegen des Anschlags in Frankreich gerade eine Mahnwache am Brandenburger Tor in Berlin. Sie soll an diesem Dienstag stattfinden. Weitere Veranstaltungen sind geplant.

Mit Aiman Mazyek sprach Issio Ehrich

Quelle: n-tv.de

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