Politik

Trump fordert Wahl in UkraineWer, wenn nicht Selenskyj? 

14.10.2026, 19:05 Uhr imageVon Uladzimir Zhyhachou
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Wolodymyr Selenskyj prägt die Ukraine im Krieg wie kaum ein anderer. Ob der Krieg noch während seiner Amtszeit endet, ist ebenso offen wie die Frage, ob er erneut kandidieren wird. (Foto: REUTERS)

US-Präsident Trump will in Kiew einen neuen Präsidenten sehen. Der amtierende Selenskyj bekräftigt unterdessen seine Bereitschaft zu Wahlen - sobald es möglich ist. Umfragen zeigen: Sollte es dazu kommen, dürfte er es schwer haben, im Amt zu bleiben. Vor allem gegen einen möglichen Herausforderer hätte Selenskyj kaum eine Chance.  

Wolodymyr Selenskyjs reguläre Amtszeit als Präsident der Ukraine ist seit Ende Mai 2024 abgelaufen. Doch die Verfassung des Landes verbietet Wahlen, während das Kriegsrecht gilt - die Amtszeit des Präsidenten verlängert sich in einem solchen Fall auf unbestimmte Zeit. Ein Fünftel des Staatsgebiets steht unter russischer Besatzung, Millionen Ukrainer haben wegen russischer Angriffe das Land verlassen, viele Soldaten kämpfen an der Front und Russland greift jeden Tag Wohnhäuser an und tötet Zivilisten. Wahlen unter diesen Umständen abzuhalten, ist schwer vorstellbar.

Der Kreml nutzt diese Tatsache, um zu behaupten, Selenskyj sei kein legitimer Präsident mehr. Diesem Narrativ folgt auch US-Präsident Donald Trump. Er lockert Sanktionen gegen Moskau und lässt Diesel aus Russland beziehen - zugleich attackiert er die Führung des angegriffenen Landes. Es sei "an der Zeit, dass die Ukraine einen neuen Präsidenten bekommt", sagte Trump am 10. Oktober.

Dabei hatte Trump bereits im Dezember 2025 ähnliche Forderungen erhoben. Damals forderte er Wahlen in der Ukraine und warf der Regierung in Kiew in einem Interview vor: "Sie nutzen den Krieg, um keine Wahlen abzuhalten." Selenskyj erklärte sich daraufhin bereit, innerhalb von 60 bis 90 Tagen Wahlen abzuhalten - vorausgesetzt, Russland stimme einer Feuerpause zu und die USA und europäische Partner könnten die Sicherheit gewährleisten.

Auch diesmal ist Selenskyjs Antwort eine ähnliche: Falls Trump den Kremlchef Putin zu einer 60-tägigen, vollständigen Feuerpause bewegen könne, hätte die Ukraine Zeit, Neuwahlen zu organisieren, sagte er dem US-Senders ABC. Seinen Bürgern müsse während der Wahlen Sicherheit garantiert werden.

Damit trifft Selenskyj die Haltung vieler Ukrainer: Eine große Mehrheit - 71 Prozent - lehnt einer aktuellen Umfrage des Kyiv International Institute of Sociology (KIIS) zufolge Wahlen während des laufenden Krieges ab. Eine andere Umfrage zeigt zugleich: 62 Prozent sagen einer Studie des Meinungsforschungsinstituts Socis zufolge, man solle Wahlen sofort abhalten, sobald es zu einer Feuerpause und zur Aufhebung des Kriegsrechts kommt.

Dabei ist es nicht so, dass die Mehrheit der Ukrainer geschlossen hinter Selenskyj steht und deshalb Wahlen unter Kriegsrecht ablehnt. Mehrere Umfragen verschiedener Institute zeigen: Selenskyj dürfte es bei einer Wahl schwer haben, für eine zweite Amtszeit Präsident zu bleiben. Unklar ist zudem, ob er überhaupt kandidieren würde.

Zum einen würden seine Kandidatur und ein möglicher Sieg Trumps Forderung nicht erfüllen - die Ukraine bekäme dadurch keinen neuen Präsidenten. Zum anderen ist inzwischen eine Mehrheit der Ukrainer der Ansicht, Selenskyj solle sich auf eine Amtszeit beschränken und nicht erneut kandidieren. In einer KIIS-Umfrage vom September sprachen sich 53 Prozent dafür aus, dass Selenskyj nicht erneut antritt. 42 Prozent befürworteten eine zweite Amtszeit. Zum Vergleich: Im Dezember 2023 war das Verhältnis noch anders - fast 60 Prozent wünschten sich damals, dass Selenskyj für eine zweite Amtszeit kandidiert, nur 34 Prozent waren dagegen.

Auch Selenskyjs Zustimmungswerte liegen derzeit auf einem relativ niedrigen Niveau. 54 Prozent der Befragten vertrauen ihm, 41 Prozent vertrauen ihm nicht - das ist eins der schwächsten Ergebnisse seit Beginn des Krieges. Nur im November 2024 und im Februar 2026 lagen seine Vertrauenswerte kurzzeitig niedriger.

Und doch wäre es falsch, zu behaupten, Selenskyj sei in der Ukraine unbeliebt. In einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Rating Group von Anfang Oktober, also kurz vor Trumps Forderung nach einem Machtwechsel in Kiew, lag der amtierende Präsident in einem hypothetischen ersten Wahlgang vorn: Knapp 23 Prozent gaben an, für Selenskyj stimmen zu wollen, wenn die Wahl bald stattfinden würde. Doch dicht auf seinen Fersen ist ein Mann, gegen den Selenskyj in einer Stichwahl wohl kaum eine Chance hätte:

Walerij Saluschnyj

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Walerij Saluschnyj stand an der Spitze der ukrainischen Armee, als sie die größten Erfolge in diesem Krieg verbuchte. (Foto: picture alliance/dpa/Ukrainian Presidency)

Saluschnyj ist Umfragen zufolge der beliebteste Politiker der Ukraine. Laut der Rating-Umfrage vertrauen ihm 64 Prozent der Ukrainer, nur 25 Prozent vertrauen ihm nicht. Selenskyj vertrauen derselben Umfrage zufolge 11 Prozent weniger.

Saluschnyj war von Juli 2021 bis Februar 2024 Oberbefehlshaber der ukrainischen Streitkräfte. Er stand also an der Spitze der Armee, als sie ihre größten Erfolge in diesem Krieg verbuchte: Sie überstand die ersten Tage und Wochen des Großangriffs, gewann die Schlacht um Kiew und führte im Herbst 2022 große Gegenoffensiven im Gebiet Charkiw im Nordosten des Landes und in Cherson im Süden durch.

Der ukrainische Politstratege Ihor Hryniw erklärt Saluschnyjs Popularität vor allem mit dem Sicherheitsbedürfnis der Bevölkerung: Viele Ukrainer verbänden mit dem früheren Oberbefehlshaber militärische Kompetenz und die Hoffnung, das Land zum Sieg zu führen, erklärte Hryniw Ende August in einem Interview mit der "Ukrainska Prawda".

Seit Mai 2024 ist Saluschnyj Botschafter der Ukraine in Großbritannien. Er kritisierte mehrmals Entscheidungen und Führungsstil des Präsidenten - zuletzt im Februar 2026, als er ihn für das Scheitern der ukrainischen Gegenoffensive 2023 mitverantwortlich machte. Trotz weit verbreiteter Spekulationen äußert er sich nicht öffentlich dazu, ob er bei künftigen Präsidentschaftswahlen kandidieren würde.

Sollte er Selenskyj herausfordern, hätte er sehr gute Karten. In der Rating-Group-Umfrage liegt Saluschnyj bei der Frage, wen die Ukrainer wählen würden, wenn bald Präsidentschaftswahlen stattfänden, mit 20,2 Prozent zwar knapp hinter Selenskyj, der auf 22,9 Prozent kommt. Das Socis-institut untersuchte jedoch auch ein mögliches Duell zwischen den beiden in einer Stichwahl. Das Ergebnis fällt deutlich zugunsten des ehemaligen Armeechefs aus: 66,2 Prozent würden für Saluschnyj stimmen, 33,8 Prozent für Selenskyj.

Socis modellierte auch Stichwahlen mit anderen möglichen Kandidaten und Selenskyj hätte auch gegen zwei weitere schlechte Karten:

Kyrylo Budanow

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Kyrylo Budanow ist heute Leiter des ukrainischen Präsidentenamtes. Zuvor war er Chef des Militärgeheimdienstes HUR. (Foto: picture alliance/dpa/KEYSTONE)

Auch der frühere Chef des ukrainischen Militärgeheimdienstes und heutige Leiter des Präsidialamts gilt als möglicher Herausforderer Selenskyjs. Laut dem KIIS-Direktor Anton Hruschezkyj wird Budanow in der Bevölkerung als kompetente Persönlichkeit wahrgenommen, deren Einschätzungen Gewicht haben. Der Soziologe Oleksij Antypowytsch, Leiter der Rating Group, sieht seine Stärke in seinem Profil als Vertreter des Sicherheitsapparats, dem viele Ukrainer Erfahrung im Schutz des Landes zutrauen.

In der Socis-Umfrage hätten bei einer Stichwahl 60 Prozent für ihn gestimmt, 40 für Selenskyj. Allerdings deutet alles darauf hin, dass Budanow kaum Chancen hätte, es überhaupt in eine Stichwahl gegen den amtierenden Präsidenten zu schaffen. Auch wenn ihm Rating zufolge mehr Ukrainer Vertrauen schenken als dem amtierenden Präsidenten, hätten in der ersten Wahlrunde nur 6,7 Prozent für ihn gestimmt, für Selenskyj fast 23 Prozent. Wenn es also doch zu einer Stichwahl kommen sollte, dann eher gegen Saluschnyj, den die Umfrage bei 20 Prozent sieht.

Mychajlo Fedorow

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Mychajlo Fedorow bei jungen, urbanen Ukrainern sehr beliebt. (Foto: picture alliance/dpa)

Ähnlich steht es um den 35-jährigen Mychajlo Fedorow. Er machte sich zunächst als Digitalisierungsminister einen Namen. Maßgeblich war er am Aufbau der staatlichen App Diia beteiligt und trieb während des russischen Angriffskriegs die Entwicklung von Drohnentechnologie voran. Im Januar 2026 übernahm er das Verteidigungsministerium, wurde aber bereits im Juli von Selenskyj entlassen. Seine Absetzung löste Proteste in Kiew und vielen anderen ukrainischen Städten aus, an denen sich besonders viele junge Menschen beteiligten. Fedorow steht für eine technikaffine, reformorientierte Politik, die vor allem bei jüngeren, urbanen Ukrainern Anklang findet. Allerdings ist er längst nicht allen ein Begriff: Laut der Rating-Umfrage vertrauten ihm 38 Prozent der Befragten - aber fast ein Drittel, 29 Prozent, gab an, ihn überhaupt nicht zu kennen.

In der ersten Wahlrunde käme er dementsprechend laut Rating Group nur auf 7,6 Prozent der Stimmen. Sollte es aber doch zu einer Stichwahl gegen Selenskyj kommen, würde er mit 63,8 Prozent gegen Selenskyj mit 36,2 Prozent gewinnen.

Und da gibt es noch einen, der bei einer möglichen Wahl zwar Ambitionen haben könnte, aber kaum Chancen hätte:

Petro Poroschenko

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Petro Poroschenko war von 2014 bis 2019 Präsident der Ukraine. (Foto: picture alliance / dts-Agentur)

Der Unternehmer, der als "Schokoladenkönig" bekannt wurde, war von 2014 bis 2019 Präsident der Ukraine. Bei der Wahl 2019 unterlag er Wolodymyr Selenskyj in der Stichwahl deutlich. Heute sitzt der 61-Jährige für seine Partei Europäische Solidarität im ukrainischen Parlament und gehört zu den wichtigsten Oppositionspolitikern des Landes. In der Bevölkerung ist er aber unbeliebt. Laut einer Umfrage der Rating Group käme Poroschenko bei einer erneuten Präsidentschaftswahl in der ersten Runde auf 7,6 Prozent der Stimmen, genauso viel wie Fedorow. Aber nur 24 Prozent der Befragten vertrauen ihm, 70 Prozent misstrauen ihm. In einer möglichen Stichwahl gegen Selenskyj würde er mit 35,2 zu 64,8 Prozent ebenfalls deutlich zurückliegen.

Ob Selenskyj erneut kandidieren würde und wer ihm gegebenenfalls Konkurrenz machen könnte, ist derzeit offen. Solange der Krieg andauert und keine sicheren Bedingungen für eine Wahl gewährleistet sind, bleiben alle Szenarien hypothetisch. Bis tatsächlich gewählt wird, können sich die politischen Kräfteverhältnisse zudem grundlegend verändern - und mit ihnen auch der Kreis der möglichen Kandidaten.

Quelle: ntv.de

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