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Von Zwangsarbeitern und Jachten Wie sich die Bahlsen-Erbin verrannte

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Verena Bahlsen hat für ihre Aussagen zu Kapitalismus und Zwangsarbeit viel Kritik bekommen.

(Foto: picture alliance/dpa)

Sie bezeichnet sich selbst als "Absolut-Kapitalist" und reagiert auf Kritik an der Firmengeschichte von Bahlsen mit einer Relativierung der Zwangsarbeit während der NS-Zeit. Über die Keks-Erbin Verena Bahlsen ist eine heftige Debatte ausgebrochen.

Mit wenigen Worten hat es Verena Bahlsen geschafft, eine breite Diskussion über Vergangenheitsbewältigung zu entfachen und mehrere Hashtags auf Twitter zu inspirieren (#bahlsenfilme, #bahlsenboykott). Erst ruft ihre kurzweilige Rede bei der Online-Marketing-Konferenz OMR Kapitalismuskritiker auf den Plan, dann lösen ihre flapsigen Bemerkungen zu Zwangsarbeitern während der Nazi-Zeit einen Sturm der Entrüstung aus.

Inzwischen wirft ihr der Historiker Michael Wolffsohn "Stammtisch-Schnoddrigkeit" vor. Der US-Wissenschaftler Guy Stern sieht gar die Verharmlosung der "Vergewaltigung eines Menschen". Und SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil nennt die Erbin des Bahlsen-Imperiums abgehoben. Doch der Reihe nach.

Am 8. Mai betritt Verena Bahlsen in schwarzem Blazer und blauer Latzhose die Bühne des "Online Marketing Rockstars"-Festival, kurz OMR. Es ist ein Branchentreff der Online-Marketing-Szene. Die Mittzwanzigerin ist zwar Urenkelin des Keks-Unternehmers Hermann Bahlsen, aber vor allem wegen ihres Start-ups eingeladen. In Anlehnung an ihren Vorfahren heißt die Firma "Hermann's". Dahinter verbirgt sich ein Restaurant in Berlin, das als eine Art Zukunftslabor für gesundes Essen dienen soll.

Von der Dividende eine Jacht

*Datenschutz

Bahlsen spricht über Sinnentfremdung in der Wirtschaft und übers Weltverbessern. Sie wolle ehrlich sein und sagen, was sie wirklich denke, kündigt sie an. "Wir haben ein Nahrungssystem, was nicht wirklich funktioniert." Mit ihrer Firma suche sie nach Lösungen, Innovationen, Produkten und Marken, die es schon auf der Welt gebe. Es gehe darum, Lebensmittel nachhaltiger zu machen, so Bahlsen. Konventionelle Marken sollen weiterentwickelt und dadurch sinnorientiert gestaltet werden. Lebensmittel seien "Mittel zum Leben." Es müsste darüber gesprochen werden, dass es in Zukunft bessere Verpackungen, bessere Rohstoffe, bessere Anbauarten und etwa mehr Nährstoffe im Essen gebe. So weit, so banal.

Doch dann legt Bahlsen los: "Ich scheiß' auf Wirtschaft, wenn Wirtschaft nicht ein Vehikel ist, uns als Gesellschaft nach vorne zu bringen." Sie lacht. "Alles andere interessiert mich nicht so sehr." Das Publikum applaudiert. Dann folgen die Sätze, die später in den sozialen Netzwerken für Wirbel und etliche negative Kommentaren führen: "Ich bin Kapitalist. (…) Mir gehört ein Viertel von Bahlsen. Da freue ich mich auch drüber." Gelächter im Saal. "Das soll auch weiter so bleiben. Ich will Geld verdienen und mir Segeljachten kaufen von meiner Dividende und sowas." All das sagt Bahlsen mit einem Lächeln. Wie ernst sie das alles meint, weiß nur sie selbst.

Sie glaube daran, dass langfristig mit dem "Weltverbessern" Geld zu verdienen ist. Die Wirtschaft müsse über Sinnentfremdung nachdenken, Wachstum könne nicht das Ziel sein: "Wohin wollen wir denn alle wachsen?" Sie wiederholt mehrmals ihr Credo: Wirtschaft sei dafür da, die Gesellschaft voranzubringen. Es müsse einem auch nicht peinlich sein, wenn man "richtig geilen Scheiß entwickelt" und damit Geld verdient. Sie verstehe sich daher als "Absolut-Kapitalist".

"Eines bundesdeutschen Unternehmens unwürdig"

Es sind vor allem ihr Kapitalisten-Bekenntnis und die Segeljacht, die Verena Bahlsen im Anschluss viel Kritik einbringen. Ein Vorwurf lautet, dass ihr vererbter Reichtum auch auf Dutzenden Menschen basiere, die im Zweiten Weltkrieg für Bahlsen Zwangsarbeit leisten mussten. Von der "Bild"-Zeitung darauf angesprochen, sagt sie einen Satz, der die kritischen Stimmen nicht auffängt, sondern sogar noch verstärkt: "Das war vor meiner Zeit und wir haben die Zwangsarbeiter genauso bezahlt wie die Deutschen und sie gut behandelt."

Historiker Wolffsohn bezeichnet diese Aussage in der "Bild"-Zeitung als geschichts- und geschäftsmoralisch unerträglich "und eines bundesdeutschen Unternehmens unwürdig". Literaturhistoriker Stern fordert im Gespräch mit der dpa, überlebende Zeitzeugen, die in dem Unternehmen zur Arbeit gezwungen worden waren, sollten zu Wort kommen. "Die kamen zumeist aus Polen, die haben kein Loblied zu singen", so der 97-Jährige. Er fügt an: "Von der hohen Warte einer Erbin kann man vielleicht so sprechen." Auch wenn die Zwangsarbeiterinnen nicht unbedingt wie Sklaven gehalten oder oft geschlagen wurden: "Es ist eine Vergewaltigung eines Menschen."

SPD-Generalsekretär Klingbeil reiht sich in der "Bild"-Zeitung in den Reigen der Kommentatoren ein: "Wer ein so großes Vermögen erbt, erbt auch Verantwortung und sollte nicht so abgehoben auftreten." Es sei kein Wunder, dass Menschen den Glauben an Gerechtigkeit verlieren würden, wenn Millionen-Erben über Jachten und nicht über Verantwortung redeten.

Petition fordert Freiwilliges Soziales Jahr

Am Montag reagiert schließlich der Gebäckhersteller Bahlsen auf die Debatte. Das Unternehmen sei sich bewusst, "welch großes Leid und Unrecht" unter anderem den Zwangsarbeitern widerfahren sei und erkenne hierin seine "historische und moralische Verantwortung", teilt es mit. Demnach wurden in den Jahren 1943 bis 1945 rund 200 Zwangsarbeiter, vorwiegend Frauen, in der Produktion eingesetzt.

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Entsprechende Entschädigungsklagen von ehemaligen Zwangsarbeitern habe das Landgericht Hannover aufgrund von Verjährung abgewiesen. 1999 trat das Unternehmen nach eigenen Angaben in die Stiftungsinitiative der deutschen Wirtschaft für die Entschädigung ehemaliger Zwangsarbeiter in der Zeit des Zweiten Weltkrieges ein. "An diese Stiftung erfolgten vom Unternehmen im Jahr 2000 eine Zahlung über 1.000.000 DM und im Jahr 2001 eine Zahlung über 500.000 DM."

Diese Vergangenheitsbewältigung und Aufarbeitung der Zwangsarbeit-Geschichte in deutschen Unternehmen sollten verstärkt in den Fokus gerückt werden, sagt Guy Stern der dpa. Politiker, Historiker und die Twitter-Gemeinde nehmen dabei besonders auch Verena Bahlsen in die Pflicht. Das Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit lädt die junge Frau indirekt zu einem Ausstellungsbesuch ein.

Der Berliner SPD-Politiker Christopher Lauer ruft eine Petition ins Leben, die fordert, dass "Bahlsen einmal in ihrem Leben mit der Realität von Menschen konfrontiert werden sollte, die nicht ab Geburt den Arsch voll Geld hatten". Die Erbin solle ein Freiwilliges Soziales Jahr etwa in der Pflege, der Sozialarbeit oder einem ähnlichen Bereich absolvieren, damit sie lerne, dass es auch Menschen gebe, die nicht so viel Glück hatten wie sie. "Damit Verena Bahlsen lernt, dass Kapitalismus auch ganz schön scheiße sein kann."

Sie habe von ihrem Urgroßvater Hermann Bahlsen, der das Keks-Unternehmen vor 130 Jahren gründete, profitiert, sagt Verena Bahlsen bei ihrer Rede auf dem OMR-Festival. Sie habe eine "tolle Bildung" bekommen, konnte viel reisen und erleben. Ein Umstand, auf den sie sich nun besinnen sollte.

Quelle: n-tv.de

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