Politik

Radikalisierungs-Talk bei "Anne Will" Wie werden unsere Kinder zu Islamisten?

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Anne Wills Talkgäste, von links nach rechts: Ahmad Mansour, Mohamed Taha Sabri, Sascha Mané, Wolfgang Bosbach und Nora Illi.

(Foto: NDR/Wolfgang Borrs)

Trotz des blutigen Kriegsalltags und der zahllosen Gräueltaten, für die der Islamische Staat im Nahen Osten und anderswo auf der Welt verantwortlich zeichnet, übt das Kalifat eine düstere Anziehungskraft auf Teile der deutschen Jugend aus. Warum?

Rund 870 Deutsche sind in den vergangenen drei Jahren nach Syrien und in den Irak gereist, um dort an der Seite des IS oder anderer islamistischer Terrororganisation zu kämpfen. Während die meisten Dschihadtouristen junge Männer sind, lassen sich auch immer mehr Frauen für den radikalen Islam begeistern - sie machen mittlerweile rund 20 Prozent der Ausgereisten aus. Man muss den durchwachsenen Themen-"Tatort" am Sonntagabend nicht gesehen haben, um wie Anne Will in ihrer darauffolgenden Talkrunde die Frage zu stellen, warum sich immer mehr junge Menschen radikalisieren.

Antworten darauf suchen fünf sehr unterschiedliche Gäste: Während die Tochter von Sascha Mané im Sommer 2015 nach Syrien ging und der Psychologe Ahmad Mansour als junger Mann selbst fast zum Islamisten wurde, konvertierte Nora Illi mit 18 zum Islam und ist heute Frauenbeauftragte des (inoffiziellen) Islamischen Zentralrats der Schweiz. Außerdem mit von der Partie sind der Dauergast und CDU-Innenexperte Wolfgang Bosbach sowie Mohamed Taha Sabri, der als Imam der Dar-as-Salam-Moschee in Berlin-Neukölln vorsteht.

"Wir vermitteln unserer Jugend keine Werte mehr"

Dass mit Mané, Mansour und Illi gleich drei Menschen mitdiskutieren, die selbst unmittelbar mit dem Thema zu tun haben, sorgt für genau die Art von Relevanz, die man als Zuschauer wenige Minuten zuvor im "Tatort" noch vergeblich gesucht hat: Der Hamburger Mané erzählt die Geschichte der Radikalisierung seiner Tochter ruhig und reflektiert, trotzdem schwingt in jedem Satz des Mannes ein ungemeiner Schmerz mit: "Wir vermitteln unserer Jugend so gut wie keine Werte mehr. Unsere Jugendlichen sehen die Ungerechtigkeit der westlichen Hemisphäre dem Rest der Welt gegenüber und möchten die Welt verbessern. Der Islam möchte das auch, wenn man ihn richtig liest. Das Problem ist, dass Menschen im Alter meiner Tochter auch besonders anfällig für die Verführungen eines pervertierten Islam sind."

Dass ausgerechnet dieser Vater seiner Tochter keine Perspektive bieten konnte oder ihre Erziehung vernachlässigte, wie Imam Sabri nahelegt, der damit die oft genannten Hauptgründe für ein Abgleiten in den radikalen Islam aufzählt, mag man kaum glauben. Dass eine Radikalisierung nicht allein mit den Standardantworten erklärt werden kann, davon ist auch Mansour überzeugt: "Das Gefühl, andere zu missionieren, dieses Gefühl der Stärke gegenüber denen, die mich davor gemobbt haben, das war ein tolles Gefühl", rekapituliert der arabische Israeli seine Jugendzeit, in der er fast selbst zum Islamisten geworden wäre. "Es ist ein Gefühl: Wir gegen Rest der Welt, das ist ungemein stimulierend."

Fast jeder Satz, den der Psychologe im Verlauf der Diskussion sagt, gewährt wertvolle Einblicke in einen Themenkomplex, der für Außenstehende schwer nachvollziehbar ist. Gerade die Anziehungskraft eines vereinfachenden Weltbildes wie des radikalen Islams scheint für viele Jugendliche auf der Suche eine willkommene Alternative zur komplexen Lebenswirklichkeit der modernen Welt zu sein. Das bestätigt, wenn auch eher ungewollt, Nora Illi: "Im Islam hat die Frau viele Rechte, sich auszuleben. Und das Tolle ist doch, dass wir dafür keinen Spagat zwischen Karrierefrau und Mutterrolle wie in westlichen Gesellschaften hinlegen müssen", erklärt die Konvertitin ihre Entscheidung, vor mittlerweile zwölf Jahren die Religion zu wechseln - und sie dann so extrem auszulegen, dass sie in der Öffentlichkeit nur noch mit Nikab auftritt.

"Bitterharte Langzeitprüfung" klingt nach Iron Man

Illi spart nicht mit steilen Aussagen zum Thema und sorgt gegen Ende der Sendung noch für einen handfesten Eklat, als sie einen ihrer eigenen Texte verteidigt, der mehr oder weniger offen Dschihadtourismus gutheißt: "Die Repressionen, die viele Muslime erfahren, sind eine Motivation, ins gelobte Land nach Syrien zu reisen - auch wenn sich das gelobte Land als brutale Kriegsrealität herausstellt." Mansour platzt angesichts dieses "klaren Propagandaaufrufs" fast der Kragen, während CDU-Politiker Bosbach versucht, Illis Text ins Verhältnis zu rücken: "'Bitterharte Langzeitprüfung' hört sich an, als ginge es um den Iron Man. Stattdessen sprechen wir hier von der Verharmlosung brutalster Gräueltaten in einem der blutigsten Bürgerkriege der vergangenen Jahrzehnte."

Zum Ende der Sendung wendet sich Anne Will noch einmal direkt an Sascha Mané: Ob der Vater noch die Hoffnung hat, seine Tochter jemals wiederzusehen, fragt die Moderatorin. Es tut weh, Mané bei seinem Kampf mit den Tränen zusehen zu müssen. Er hoffe es, sagt der Hamburger, aber: "Wir können die Situation in Syrien überhaupt nicht überblicken. Was passiert mit den Familien, wenn der IS sich zurückziehen und in den Untergrund gehen muss? Ich weiß es nicht, aber ich habe Angst vor der Antwort."

Quelle: ntv.de

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