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Multikulti und die versifften 68er Wo die AfD die deutsche Identität ausgräbt

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Zum Jubiläum der Frankfurter Goethe-Universität 2014 schuf der Künstler Ottmar Hörl unzählige kleine Skulpturen des berühmtesten deutschen Dichters. Ob der AfD die Farben gefallen haben?

REUTERS

Einwanderer, Globalisierung, EU: Aus Sicht der AfD bedroht vieles die deutsche Identität. Aber was ist das eigentlich genau? Manche in der Partei halten Ostdeutschland für ideal, andere gehen weit in die Geschichte zurück.

Die AfD sorgt sich um die deutsche Identität. Das Wort hat sie ebenso ausgegraben wie die längst überwunden geglaubte "Leitkultur", die neben Neuschöpfungen wie "Altparteien", "Meinungsdiktatur" oder "Asylwahnsinn" die Sprache der Partei prägen. Als der Thüringer Landeschef Björn Höcke am Wochenende forderte, die Bundesvorsitzende Frauke Petry solle sich einmal mit Marine Le Pen vom französischen Front National treffen, begründete er das unter anderem so: Der Front National setze sich "wie die AfD gegen eine weitere Überfremdung ein und für den Erhalt der Identität der europäischen Völker".

Manchmal stellen AfD-Politiker vor den Begriff Identität noch Attribute wie "deutsch", "kulturell" oder auch mal "national". Aber was meinen sie damit? In den Sozialwissenschaften gehört Identität zu den schwierigsten Begriffen. Generationen von Theoretikern haben sich an Konzepten abgearbeitet, um kulturelle oder nationale Identität zu fassen zu kriegen. Es kann viel oder nichts heißen, wenn jemand sich dieses Begriffs bedient. Der AfD kommt er ungemein gelegen, reichen die Interpretationsmöglichkeiten doch so weit wie das Meinungsspektrum dieser uneindeutigen Partei.

Zu vermuten ist, dass die AfD von einer "deutschen Identität" eher im Sinne eines landläufigen Verständnisses spricht. Wer auf diese Weise eine Identität beschreiben will, beruft sich auf eine gemeinsame Herkunft, gemeinsame Merkmale oder Idealvorstellungen davon. Diesen Identifikationsankern wird typischerweise das "Andere" gegenübergestellt, so funktioniert Populismus. Im Grundsatzprogramm der AfD gibt es ein ganzes Kapitel über "Kultur, Sprache und Identität". Die Sprache ist demzufolge das "zentrale Element" deutscher Identität. Auch "Leitkultur" (ursprünglich eine Schöpfung des früheren CSU-Chefs Edmund Stoiber) hat für die AfD etwas mit Identität zu tun. Laut Programm ist die deutsche Leitkultur eine, die auf "der religiösen Überlieferung des Christentums, zweitens der wissenschaftlich-humanistischen Tradition … und drittens dem römischen Recht" basiert. In der parteiinternen Debatte werden die Bedrohungen für die deutsche Identität jedoch eher in einer behaupteten Überfremdung gesehen, deren schlimmste Spielart eine schleichende Islamisierung sein soll.

Schönes deutsches Ostdeutschland

Das verpöhnte "Multikulti", also das Zusammen- und Nebeneinanderleben unterschiedlicher Kulturen in Deutschland, ist für die AfD gescheitert und steht im Widerspruch zu deutscher Identität. Manche sehen diese auch schon durch die EU oder eine von oben verordnete Verwestlichung bedroht, die ihren Anfang nach dem Zweiten Weltkrieg mit der alliierten Besatzung Westdeutschlands nahm. So schrieb der Vizevorsitzende Alexander Gauland im September 2015 in einem Gastbeitrag für die "Junge Freiheit": "Europa ist eben kein Schmelztiegel wie Amerika, sondern ein Kontinent vieler unterschiedlicher Nationen, Kulturen und Sprachen." Ziel muss es demnach offenbar sein, diese zu konservieren und keine Einflüsse von außen zuzulassen.

In Ostdeutschland sehen manche AfD-Politiker eine Art Konservenbüchse deutscher Identität. Im Interview mit n-tv.de sagte der sachsen-anhaltische Landtagsabgeordnete Hans-Thomas Tillschneider, der in Baden-Württemberg aufwuchs, er sei schon vor Jahren nach Ostdeutschland gezogen, weil dort alles noch "so schön deutsch" sei. Die Anwesenheit weniger Ausländer bewahrt nach dieser Sichtweise also deutsche Identität.

Gauland schrieb mit ähnlicher Stoßrichtung in der "Jungen Freiheit": "All die törichten Versuche vom europäischen Staat über den Euro bis zur Willkommenskultur stoßen in der ehemaligen DDR auf die tiefe Skepsis jener, die gerade erst Sachsen, Thüringen oder Brandenburg für sich zurückerobert haben." Millionen sähen "im Fremden eine Bedrohung", klärte Gauland weiter über das Seelenleben der AfD-Anhänger auf. "Schließlich haben sie sich gerade erst das Eigene zurückgeholt."

Man darf den Text Gaulands so interpretieren, dass seine Partei für ein Deutschland stehen will, "das sich an Mörike, Eichendorff und Rilke erinnert, obwohl es keines ihrer Gedichte kennt, ein Deutschland, das seine Identität bewahren will, ob auf der Schwäbischen Alb oder in Dresden". Demgegenüber steht ein "Deutschland, das seine Erinnerungen auszulöschen versucht" und "das in der Weltgemeinschaft ankommen und in ihr aufgehen will". Das betrifft vor allem die Westdeutschen, denen Gauland bedauernd unterstellt: "Die Westdeutschen wollen vieles sein – Weltbürger, Europäer, nur keine Deutschen."

Kam nach 1945 nichts Identitätsstiftendes mehr?

Schuld daran ist für die meisten AfD-Politiker übrigens die Studentenbewegung der 1960er Jahre. Beim Parteitag in Stuttgart erntete der Vorsitzende Jörg Meuthen tosenden Applaus für seine Abrechung mit den "links-rot-grün versifften 68ern". Gauland sieht in diesem für viele Westdeutsche prägenden Geschichtsabschnitt eine Erklärung, warum der Osten Deutschlands im Gegensatz dazu ein "nationales Beharrungsvermögen in einer globalisierten Welt" aufrechterhält, während all das "im Westen seit der Gehirnwäsche der 68er allenfalls Folklore von Fußballspielen ist". Wer Weltbürger sein will, kann also offenbar kein stolzer Deutscher mehr sein.

Auch andere in der AfD konstruieren bewusst einen Gegensatz zwischen einem originalen (Ideal-)Deutschland und jener empfundenen Bedrohung von außen, die sie unter "Globalisierung" zusammenfassen. Dazu gehören auch Migrationsströme. Im Interview sagte der Magdeburger Landtagsabgeordnete Tillschneider, der der rechten "Patriotischen Plattform" in der AfD vorsteht, durch die Globalisierung werde "unsere deutsche Identität irritiert". Die Rückbesinnung auf das Eigene und die Angst vor Identitätsverlust seien natürliche Folgen. Dabei kommt ein radikales Schwarzweißdenken zum Vorschein: "Wollen wir unser deutsches Volk, unsere deutsche Kultur und unseren besonderen Weg, durch die Geschichte zu gehen, bewahren? Oder wollen wir sagen, das können wir entsorgen", lautet etwa Tillschneiders rhetorische Frage, wie man der Globalisierung begegnen soll. Deren positive Seiten spielen dagegen keine Rolle, werden negiert oder zumindest nicht als Kompensation für all das Schlechte gesehen.

Ohne dass dies klar so gesagt würde, scheint die AfD die verlorengeglaubte deutsche Identität irgendwo zwischen Kaiser, Bismarck und Weimarer Republik zu sehen. Die Zeit des Nationalsozialismus jedenfalls findet die AfD in der heutigen Geschichtsbetrachtung überbetont. Im Grundsatzprogramm heißt es: "Die aktuelle Verengung der deutschen Erinnerungskultur auf die Zeit des Nationalsozialismus ist zugunsten einer erweiterten Geschichtsbetrachtung aufzubrechen, die auch die positiven, identitätsstiftenden Aspekte deutscher Geschichte mit umfasst." Genauer wird es nicht. Gauland sagte in einem Interview mit der "Zeit", Hitler habe "den Deutschen das Rückgrat gebrochen", weshalb sie sich keinen Nationalstolz mehr erlaubten. Da auf 1945 die Westbindung und Teilung Deutschlands und dann auch bald die 68-er folgten, kann in den Jahrzehnten danach aus AfD-Sicht eigentlich nicht mehr viel positiv-Identitätsstiftendes geschehen sein, sodass es wohl vor 1933 gesucht werden muss.

Die Lösung für den haltlosen Menschen heißt Nation

Kultursoziologen waren bei der Frage, was eigentlich kulturelle Identität ausmacht, schon vor rund 30 Jahren anderer Auffassung als die AfD – und vielleicht auch weiter: In der fernen Vergangenheit ist sie demnach jedenfalls nicht zu suchen. So beschrieb Stuart Hall, einer der Vordenker über kulturelle Identität, 1992 in einem bis heute Maßstäbe setzenden Aufsatz, dass moderne Identitäten weder fest noch dauerhaft seien. Die Identität des einzelnen stünde immer im Bezug zu dem ihn umgebenden kulturellen System, sei anpassungsfähig und wandelbar. Der moderne Mensch könne auch mehrere und miteinander in Widerspruch stehende Identitäten pflegen. Dieser Punkt ist auch von Bedeutung bei der Frage, ob Einwanderer aus anderen Kulturen "integrierbar" sind.

Die haltlose und widersprüchliche Identität des modernen Menschen, wie sie der jamaikanisch-britische Denker Hall vor 24 Jahren beschrieb, ist Leuten wie Gauland ein Greuel. "Der freie Mensch allein findet wenig Halt", heißt es in seinem Essay in der "Jungen Freiheit" und die Lösung heißt für ihn Nation, obwohl Fremdenhass "eine ihrer Krankheiten" sei und obwohl es ja schon sein könne, "daß es im Westen mehr Menschen gibt, die ohne nationale Halterung leben können".

Als Kehrseite fehlen dem postmodernen Menschen, das haben auch Soziologen eingeräumt, feste Bezugspunkte, was auch problematisch sein kann. Daran setzen die aktuellen rechtspopulistischen Bewegungen Europas – zu denen die AfD zählt – bewusst an. Schließlich war der 2014 verstorbene Hall ein marxistischer Intellektueller; AfD-ler würden solche Konzepte in einer Tradition mit der "versifften" 68er-Bewegung sehen, die trotz ihrer unbestreitbaren Auswirkungen auf die jüngste deutsche Geschichte für die AfD nichts Identitätsbegründendes hat.

Bleibt die Frage, was aus Sicht der AfD die deutsche kulturelle Identität begründet. Es ist also die deutsche Sprache, aber nicht irgendeine, sondern zum Beispiel die der Dichter und Denker, die man laut Gauland jedoch nicht unbedingt gelesen haben muss. In den unzähligen Änderungsanträgen zum Grundsatzprogramm, die vor dem Parteitag in Stuttgart bei der Parteiführung eingingen, hatte auch einer gefordert, die deutschen Dialekte müssten als Identitätsstifter eigens geschützt werden. Wichtiger aber ist das "große Kulturerbe", das im AfD-Programm gleich zu Beginn hervorgehoben wird und gleichzeitig bewahrt und weiterentwickelt werden soll. Dazu gehört für Parteichefin Petry auch "die deutsche Orchesterlandschaft". Beim Parteitag unterbrach sie eine hitzige Debatte zum Islam mit ihrem Antrag, die Orchester müssten im Grundsatzprogramm auch noch dringend Erwähnung finden.

Quelle: n-tv.de

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