Politik

Wahlkampf-Heimspiel in Leipzig Wo die linke Welt noch in Ordnung ist

cd2495a1a518f00897954db912aeb132.jpg

An der Gegendemonstration nahmen rund 2500 Menschen teil.

(Foto: imago/Christian Grube)

Der Osten wählt traditionell links - wegen der AfD stimmt das in vielen Gegenden nicht mehr. In Leipzig kann die Partei noch Plätze füllen, und nicht einmal "Legida" bringt die Leute aus der Ruhe. Der Wahlkreis Leipzig-Süd könnte sogar Geschichte schreiben.

Wer hätte gedacht, solche Worte aus dem Munde eines Linken-Wählers zu hören? "Die Merkel ist schon ganz in Ordnung", sagt Christian von Koch und beißt in seine Bratwurst. Keine echte Thüringer, wie der Moderator auf der Wahlkampfbühne am Leipziger Richard-Wagner-Platz bedauernd einräumen muss. Aber immerhin "Thüringer Art" - und zum sozial verträglichen Preis, könnte man hinzufügen. Sahra Wagenknecht würde der Aussage über Merkel natürlich heftig widersprechen. Lob für die CDU-Kanzlerin geht eigentlich nicht, jedenfalls nicht so kurz vor der Wahl. Aber die Linken-Spitzenkandidatin ist krank und hat ihren Auftritt in der Messestadt abgesagt. Es ist der Wahlkampfabschluss der mitteldeutschen Landesverbände der Linken. Spitzenkandidat Dietmar Bartsch wird reden und die Bundesvorsitzende Katja Kipping. Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen sind Traditionsland für die Linke - und gleichzeitig mehr denn je bedroht durch den Aufstieg der AfD.

Christian von Koch scheint in politischen Fragen aber entspannt zu sein. Es sei eben wichtig, dass Merkel eine starke linke Opposition als Korrektiv vorgesetzt bekäme, sagt der Mann aus Köthen in Sachsen-Anhalt. Im heimischen Schrebergarten gebe es schon mal politische Diskussionen und mancher Kleingärtner oute sich dann mehr oder weniger vehement als AfD-Wähler. Für von Koch kein Problem: "Sollen sie, ich kann sie sowieso nicht umstimmen." Er schätzt die Linke für deren Einsatz für Rentner und Schwache - und zwar egal, "ob selbst verschuldet oder wegen der Umstände". Im Bekanntenkreis tut der 63-Jährige sich manchmal mit anderen zusammen und dann geht es mit dem Bus zu Veranstaltungen wie dieser.

Hier in Leipzig scheint die linke Welt - anders als anderswo in Sachsen - noch in Ordnung: Die Organisatoren haben optimistisch den ganzen Platz in Beschlag genommen. Eine Band spielt Ostrock, der über die noch ziemlich leere Fläche dröhnt. An rot beflaggten Ständen gibt es Brause, Lutscher, Luftballons und viel Lesematerial, Kinder tollen auf der obligatorischen Hüpfburg herum. Als Kulisse dient auch die "Blechbüchse", das ehemalige Konsument-Warenhaus am Brühl, das als einziger DDR-Bau der Zeile die Abriss- und Neubauwelle der 2000er-Jahre überstanden hat.

Erstes Direktmandat für Sachsen ist greifbar

*Datenschutz

Die Stimmung ist auch deshalb gut, weil ein Mann aus Leipzig Geschichte für die Partei schreiben könnte. Sören Pellmann, Grundschullehrer und Fraktionschef im Stadtrat, könnte laut Umfragen erstmals das Direktmandat im Leipziger Süden holen. Es wäre auch das erste linke Direktmandat in Sachsen seit 1990. Alle anderen gingen an die CDU, bis auf einzelne, die die SPD holte. Für das Vorhaben gibt es sogar einen eigenen Hashtag bei Twitter: #CDUMandatAbnehmen. Pellmann erzählt, dass nun auch einige Grüne und SPD-Leute für ihn werben. "Zusammen hatten wir bei der Wahl vor vier Jahren 69 Prozent der Erststimmen, rechnerisch wäre also einiges möglich."

Auch Pellmann ist beim Thema AfD ungewöhnlich gelassen für einen Linken. "Wir haben im Stadtrat vier Abgeordnete von der AfD. Bisher kam von denen nicht viel." Er hofft, dass das mit der rechtspopulistischen Partei "nichts längerfristiges" werde im Bundestag. Was die Anhängerschaft angeht, ist der 39-Jährige schon eher besorgt. Im Osten gebe es einige Überschneidungen mit der NPD. Vor einigen Tagen haben Neonazis im Stadtteil Paunsdorf einigen Mitgliedern der Linken beim Plakatieren aufgelauert, berichtet er. "Sie konnten nur entkommen, weil sie Fahrräder hatten." Solchen Typen wolle er nicht im Dunkeln begegnen. "Wenn's mal dunkler wär', würden die zulangen", ist Pellmann überzeugt.

AfD macht gezielte Störaktionen

Tilo Hellmann ist im Wahlkampf auf einem härteren Pflaster unterwegs. Er ist Direktkandidat in Meißen, "war mal braun, jetzt ist es tiefblau", skizziert er die politische Landkarte dort. So ganz stimmt das nicht, vor allem ist der Kreis tiefschwarzes CDU-Revier. Auf der Landesliste auf Platz 10 könnte es Hellmann bei einem guten Ergebnis der Linken in den Bundestag schaffen. Als Direktkandidat hat er gegen die prominente Konkurrenz von der CDU wohl keine Chance: In Meißen kandidiert Bundesinnenminister Thomas de Maizière. Seine liebe Not hat Hellmann aber mit dem Guerilla-Wahlkampf der AfD. "Wo immer wir einen Stand aufstellen oder eine Veranstaltung machen, tauchen der AfD-Bus und 100 Leute auf. Sie machen Fotos und schlachten alles im Netz aus, behaupten hinterher, sie hätten unsere Veranstaltung erfolgreich gestört." Und tatsächlich gebe es Leute, die zwischen der Linken und der AfD hin- und hergerissen seien. "Da muss ich dann erstmal aufklären", sagt Hellmann. Denn: "Gegen die Typen auf der Landesliste ist Frauke Petry ein Engel." Wohl auch deshalb gibt es an den Ständen in Leipzig eine eigene Broschüre mit dem Titel: "Stoppt die AfD! Linke Antworten auf die Gefahr von rechts".

*Datenschutz

In Leipzig rennt die Linke damit offene Türen ein. Von ganz allein hat sich der am nordwestlichen Rande der Innenstadt gelegene Richard-Wagner-Platz gefüllt. Die Leipziger Linke twittert später, es seien 1500 Menschen gewesen. Während Dietmar Bartsch auf der Bühne steht und routiniert vorrechnet, wie viel reicher die Reichen schon wieder geworden sind ("das sind kriminelle Grabscher, die solche Vermögen anhäufen"), geht lediglich eine einsame AfD-Anhängerin am Nadelöhr zwischen der Blechbüchse und dem neuen, gigantischen Primark-Kaufhaus auf und ab. Sie trägt ein Schild vor sich her: "Die Linke will Bleiberecht für ALLE. Wir nicht!" Auf eine Diskussion will sie sich nicht einlassen. Während eines Wortgefechts mit einem etwas aufgebrachten Linken-Anhänger zückt sie sogar ihr Pfefferspray. Der andere habe sie angefasst, das möge sie nicht, sagt sie.

Linke will AfD zu ihrer Chance machen

Die Linke sieht in ihrem Konfrontationskurs gegen die AfD eine Chance. Nicht nur, weil es diese Unentschlossenen gibt, die beide für Protestparteien halten und dann irgendwie willkürlich ihr Kreuz machen. Während andere Parteien die neue Partei zu ignorieren versuchen, trommelt die Linke laut gegen sie an: "Die Bronzemedaille an sich ist nur Kosmetik", schreit Katja Kipping atemlos in die Menge. "Es geht darum, dass die AfD nicht drittstärkste Kraft im Bundestag wird! Wenn Neonazis in den Bundestag einziehen, muss die Linke stärker werden als die!" Es gehe um nicht weniger als um die Frage, ob der künftige Bundestag "mehr über die Ehre der Wehrmacht oder über soziale Gerechtigkeit diskutieren wird". Dafür erntet die sächsische Spitzenkandidatin großen Applaus.

Das linke Selbstbestätigungsidyll wäre perfekt, würden nicht schon seit geraumer Zeit blau blinkende Polizeitransporter und Wasserwerfer über den Goerdelerring in Richtung Südrand der Innenstadt rauschen. Die rechtsextreme Protestformation "Legida" hat - offenbar wegen der Linken-Kundgebung - für den Abend eine Demonstration angemeldet. Das Bündnis hatte vor Monaten das Ende seiner Montagskundgebungen vekündet. Jetzt ist es plötzlich wieder da. Viele Leipziger sind überrascht. "Ich weiß auch nicht, wo die jetzt wieder herkommen", sagt eine Mutter. Die Stadt hat die Legida-Demonstration genehmigt. Das Kalkül von Legida ist durchsichtig: Linke Randale direkt im Anschluss an eine offizielle Parteikundgebung - das wär's doch. Tatsächlich bewegt sich die Menge von der Wahlkampfbühne nach Kippings Rede schnurstracks zwischen den shoppenden Menschen hindurch ans andere Ende des Innenstadtrings, um Legida zu blockieren.

Für die Leipziger Polizei ist der Einsatz Routine. Einige Stunden stehen sich rund 2500 Gegendemonstranten und Wasserwerfer gegenüber, während Legida einen Teil der geplanten Strecke zurücklegt. Ein paar Bengalos erleuchten den Abendhimmel, über den Polizeilautsprecher ertönt eine freundlich sächselnde Frauenstimme und ermahnt die Zündler. Am Eingang zur Südvorstadt, die seit Jahrzehnten fest in Studentenhand ist, ist endgültig Schluss für die selbsternannten Abendlandverteidiger. Es waren nur rund 150 Teilnehmer, einzelne mit AfD-Fahnen unterwegs. "Legida kaputt" schreibt das Aktionsnetzwerk Platznehmen später. Christian von Koch sitzt da längst wieder im Bus nach Köthen. Das Wochenende will er bei gutem Wetter im Schrebergarten verbringen.

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema