Bauern froh, Naturschützer nichtWolfsjagd soll Blutrausch-Albtraum der Bauern beenden
Von Volker Petersen
Seit rund 25 Jahren erobert der Wolf Reviere in Deutschland. In vielen Regionen hat er sich fest etabliert - das führt zu Problemen. Künftig soll die Jagd auf den Wolf unter Bedingungen erlaubt sein. Naturschützer üben Kritik.
Wie viel Wolf verträgt Deutschland? Diese Frage ist wieder aktuell. Union und SPD wollen die Wolfsjagd künftig erlauben, ein Riesenschritt weg vom bisherigen strengen Schutz, der allenfalls den Abschuss von sogenannten Problemwölfen erlaubte. An diesem Mittwoch verhandelt der Bundestag in erster Lesung einen entsprechenden Gesetzentwurf.
Findet der wie erwartet eine Mehrheit, können demnächst wolfsfreie Weidegebiete bestimmt werden, in denen Wölfe ohne Weiteres geschossen werden dürfen. Auch in anderen Fällen wird es wesentlich einfacher Wölfe zu "entnehmen", wie es im Gesetzestext heißt. Die zuständigen Behörden sollen Abschusspläne erstellen dürfen, wie viele Wölfe erlegt werden dürfen.
Laut Naturschutzbund Nabu lebten im Wolfsjahr 2023/24 rund 1800 Wölfe in ganz Deutschland, in mehr als 200 Rudeln mit durchschnittlich acht Tieren. Schwerpunkte sind Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Niedersachsen. Der Deutsche Bauernverband geht hingegen von mehr als 3000 Tieren im laufenden Jahr aus.
Die Zahl der Wölfe ist ein großer Erfolg für den Artenschutz - einerseits. Andererseits sind Wölfe Jäger, meist erlegen sie Rehe und anderes Wild, was sogar einen positiven Effekt auf deren Bestand haben könnte. Aber sie versuchen eben auch immer wieder, Schafe oder Kühe auf Weiden zu erlegen. Das kann dramatisch enden, wenn die findigen Tiere merken, wie einfach das mancherorts ist - dort, wo es noch kaum Schutzmaßnahmen gibt.
Laut Gesetzentwurf haben Wölfe im vergangenen Jahr bei etwa 1100 Angriffen rund 4300 Nutztiere gerissen. Das ist ein Problem, das viele Herdenbesitzer schon lange in die Verzweiflung treibt. Morgens zerfleischte Schafe auf der Weide zu finden, ist immer wieder schockierend. Hinzu kommt der Aufwand für Entschädigungen und Zäune. Da der strenge Wolfsschutz kürzlich auf EU-Ebene gelockert wurde, kann nun auch in Deutschland die Jagd unter Auflagen erlaubt werden.
An dem Gesetzentwurf mitgearbeitet hat der CDU-Bundestagsabgeordnete Mark Helfrich. "Niemand will den Wolf aus Deutschland vertreiben, verjagen oder ausrotten", sagt er im Gespräch mit ntv.de. "Aber ein strenger Schutz für eine Art, die keinen natürlichen Gegenspieler hat, führt zu Konflikten. Es ist ein ganz normaler Vorgang, den Schutz wieder maßvoll zurückzufahren, wenn Artenschutz erfolgreich ist."
Applaus kommt vom Deutschen Bauernverband: "Aus Sicht der Halter von Schafen, Ziegen, Rindern und Pferden auf der Weide ist dies ein längst überfälliger Schritt", sagt Stefanie Sabet, Generalsekretärin des Deutschen Bauernverbandes, ntv.de. "Es ist dringend notwendig und EU rechtskonform, jetzt in ein Management einzusteigen, um Schäden für die Landwirtschaft zu vermeiden und Tierhaltung auf der Weide zu sichern."
Hinzu komme der Anblick der getöteten Tiere: "Die emotionale Belastung von Tierhaltern, die einen Riss mit vielen verletzten, angefressenen und leidenden Tieren erleben mussten, ist nicht zu unterschätzen. Die Halter lieben ihre Tiere und können dieses Leid nur schwer ertragen", meint Sabet. Das hat auch CDU-Mann Helfrich erlebt. "Schäfer wollten morgens teils gar nicht mehr auf die Weiden, wenn sie regelmäßig wie im Blutrausch getötete und verletzte Tiere auffinden."
Nabu: Jagd nicht erforderlich, Zäune wichtiger
In diesem Punkt äußert der Naturschutzbund Nabu großes Verständnis: "Jedes gerissene Tier ist eines zu viel", sagt Marie Neuwald ntv.de. Sie ist Referentin zum Thema Wolf. "Ich kann es absolut nachvollziehen, dass man sich Sorgen macht und morgens keine gerissenen Schafe oder andere Weidetiere vorfinden möchte."
Die Legalisierung der Jagd findet sie dennoch unnötig: "Um den Herausforderungen durch den Wolf zu begegnen, braucht es keine Bejagung", sagt sie. Die Zahl von 4300 Rissen liest sie ganz anders als der Bauernverband. "2024 ist die Zahl der gerissenen Tiere um 25 Prozent zurückgegangen. Das Niveau sinkt also. Es gibt einige Hotspots, aber die allermeisten Wölfe verhalten sich absolut unauffällig."
Die entscheidende Frage sei, ob ausreichender Herdenschutz, meist mit Hilfe von Elektrozäunen, betrieben werde. In Niedersachsen habe es beispielsweise bei 80 Prozent der Risse keinen Herdenschutz gegeben. "Wölfe versuchen meist, sich unter den Zäunen hindurchzugraben. Wenn sie dabei immer wieder einen elektrischen Schlag bekommen, lernen sie schnell, es lieber bleiben zu lassen." Es gebe mobile Elektrozäune, die mit tragbaren Batterien betrieben werden könnten. Die meisten Schäfer arbeiteten ohnehin mit Zäunen für die Nacht. Wanderschäfer, die rund um die Uhr bei ihrer Herde seien, gebe es kaum noch. Wichtiger als die Jagd sei es, die Förderung dieser Zäune unbürokratischer zu machen.
Dieser Herdenschutz bleibe auch dann notwendig, wenn Wölfe bejagt werden dürften. Denn die verbliebenen Wölfe könnten den Nutztieren ja weiter gefährlich werden. "Viele werden enttäuscht sein, wenn es trotz Bejagung weiter Risse gibt", sagt Neuwald.
Problemfälle Almen und Deiche
Damit dürfte Neuwald recht behalten. Der Bauernverband hält neben dem Herdenschutz dennoch das "Management", also die Wolfsjagd, für notwendig. "Zäune reichen nicht aus, weil es Regionen gibt, die nicht oder nicht zumutbar zäunbar sind", sagt Generalsekretärin Sabet.
Das typische Beispiel dafür sind die Almwiesen in den Alpen, wo die Kühe im Sommer monatelang ohne Zäune grasen. Breiten sich dort Wölfe aus, ließe sich diese Praxis so nicht fortsetzen. Da greift die neue Möglichkeit, Weidegebiete zu bestimmen. So können Jäger Wölfe auf Almen schießen und die Herden beschützen. Nabu-Expertin Neuwald sieht eine Alternative in Elektrozäunen oder Herdenschutzhunden.
Eine weitere Komplikation sind Deiche. "Auf den Deichen beweiden die Schafe kilometerlange Abschnitte. Das können Sie nicht alles einzäunen. Das ist ein immenser Arbeitsaufwand", sagt CDU-Politiker Helfrich. So steht es auch im Gesetzentwurf. Neuwald hält das für ein "Totschlagargument". Sie kenne viele Schäfer, die auch auf Deichen erfolgreich Herdenschutz betrieben. Sie räumt aber ein: "Herdenschutz ist ganz klar eine zusätzliche Belastung und eine zusätzliche Sorge. Das verstehe ich absolut."
Sie hofft darauf, dass die Jagd sich in Grenzen hält. Es stehe zwar im Gesetzentwurf, dass der Bestand nicht gefährdet werden soll, sagt sie. "Das ist aber sehr vage. Wenn überall drauflosgeschossen wird, gehe ich von einem drastisch sinkenden Wolfsbestand aus."