Politik

Deutschland und seine Muslime Wulff mitten in Islam-Debatte

Bundespräsident Wulff erhält für sein Bekenntnis zu "unverkrampftem Patriotismus" und zum Islam in Deutschland viel Beifall, aber auch Widerspruch. Die türkische Gemeinde fühlt sich als Teil eines neuen Wir-Gefühls.

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Besucher in der Zelt-Moschee in Köln-Ehrenfeld. Seit 1997 findet der Tag der offenen Moschee in Deutschland am 3. Oktober, dem Tag der Deutschen Einheit statt. Den Tag haben die Muslime bewusst gewählt.

(Foto: dpa)

Die Rede von Bundespräsident Christian Wulff hat die Integrationsdebatte in Deutschland neu befeuert. Wulff hatte am Sonntag bei den Feiern zum Tag der Einheit gesagt, er sei auch der Präsident der Muslime in Deutschland. Der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland, Kenan Kolat, sagte bei n-tv, er sei sehr zufrieden, dass Wulff gezeigt habe, dass er "das Land zusammenführen möchte." Kolat bezeichnete Wulff ausdrücklich als "unseren Bundespräsidenten". Er habe sich sehr wohl gefühlt nach dieser Rede. "Nach diesen langen und unsäglichen Diskussionen in den letzten Wochen denke ich, ist er auch unser Präsident geworden."

Wulff habe ein "klares, deutliches und wichtiges Signal für alle Muslime in Deutschland" gegeben, sagte der Zentralrats-Vorsitzende Aiman Mazyek der "Bild"-Zeitung. "Wulffs Rede war ein Zeichen, dass die Muslime keine Bürger zweiter Klasse sind", sagte Mazyek. In der Vergangenheit seien die Fronten oft verhärtet gewesen. "Doch Wulff hat klar gemacht: Verschiedene Lebensentwürfe und Vielfalt sind erwünscht." Wulff hatte in seiner Rede in Bremen die Einwanderer hierzulande eindringlich zur Integration aufgefordert, die Deutschen aber zugleich zu Offenheit und Toleranz ermahnt: Neben Christen- und Judentum gehöre inzwischen auch der Islam zu Deutschland, sagte er.

Widerspruch aus Bayern

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Am Abend konnte sich Wulff beim Festakt in Berlin entspannt zurücklehnen.

(Foto: dpa)

Dem widersprach der CSU-Innenpolitiker Norbert Geis. Sollte damit gemeint sein, dass der Islam in dem Sinne dazugehöre wie das Christentum und das Judentum, könne das nicht richtig sein, sagte Geis im Deutschlandfunk. Die christlich-jüdische Kultur sei über Jahrhunderte in diesem Land gewachsen. Muslime, die hier leben wollten, müssten sich danach richten.

Bundeskanzlerin Angela Merkel erklärte in Berlin, der Islam sei in Deutschland mit seiner Religionsfreiheit willkommen. Es müsse aber ein Islam sein, der sich den Grundwerten verpflichtet fühle. Die Kanzlerin forderte die hier lebenden Muslime auf, sich uneingeschränkt an den Grundwerten und am Grundgesetz zu orientieren. In diesem Punkt gebe es keine Toleranz.

Wohltuend anders

In der "Berliner Zeitung" warnte Mazyek vor der Gefahr, dass Menschen angesichts von sozialen und wirtschaftlichen Unsicherheiten auf "Populisten und Scharlatane" hereinfielen. Als Beispiel nannte der Zentralrats-Vorsitzende die umstrittenen Thesen des SPD-Politikers und ehemaligen Bundesbankers Thilo Sarrazin zur angeblichen Bildungsferne muslimischer Einwanderer. Vor diesem Hintergrund sei die Rede Wulffs "wohltuend und differenziert" gewesen.

Der frühere NRW-Integrationsminister Armin Laschet (CDU) lobte Wulffs Rede als "Meilenstein auf dem Weg zur Aufsteigerrepublik für alle, unabhängig von der Herkunft der Eltern". Laschet sagte der "Rheinischen Post": "Wir brauchen eine neue deutsche Einheit, bei der Menschen mit und ohne Zuwanderungsgeschichte Ja sagen zu unserem Land."

"Das hätten wir gerne schon früher aus Bellevue gehört", erklärte auch der Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration. Lobenswert seien Wulffs konkrete Vorschläge, in Bildung zu investieren, mehr Integrationskurse anzubieten und islamische Religion von in Deutschland ausgebildeten Imamen lehren zu lassen.

Quelle: n-tv.de, dpa/AFP

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