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Gedenkstätte Topographie des Terrors Die Täter und deren Ort

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Dunkle Wolken über dem Gelände des ehemaligen Reichssicherheitshauptamtes. Nach 23 Jahren wird die Gedenkstätte eingeweiht.

(Foto: picture alliance / dpa)

23 Jahre nach der Einrichtung der ersten Ausstellung auf dem Gelände des ehemaligen Reichssicherheitshauptamtes wird das Dokumentationszentrum eingeweiht. Nach verschwendeten Baumillionen, Prozessen und erhitzten Debatten findet der historische Ort endlich zu seiner Bestimmung.

Wenn an diesem Donnerstag auf dem Gelände an der Niederkirchnerstr. 8 das Gebäude der Gedenkstätte Topographie des Terrors eingeweiht wird, dann findet ein Stück deutscher Vergangenheitsbewältigung mit einigen Nebenkriegsschauplätzen aus bürokratischer Unfähigkeit, architektonischen Konflikten und politischen Quertreibereien seinen vorläufigen Abschluss. Die Gedenkstätte der Täter, die an der Stelle entstand, wo sich im Nationalsozialismus das Reichssicherheitshauptamt befand, soll aber alles andere als ein Schlussakt werden. Sie steht symbolhaft gegen das Vergessen des Unfassbaren.

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Blick durch die Reste der Berliner auf die Freiluftausstellung der Topographie des Terrors. 23 Jahre hielt das Provisorium.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Es gab im nationalsozialistischen System nur wenige Orte, an denen sich die Organisation des Repressionsapparates aus SS, SD (Geheimdienst der SS) und der Sicherheitspolizei (kurz Sipo, ab 1936 der Verbund aus Kriminalpolizei und Gestapo) so manifestierte wie in diesem Gebäude, das bis nach Kriegsende auf dem Gelände an der damaligen Prinz-Albrecht-Straße 8 im heutigen Berlin-Kreuzberg stand. Der Dreiklang des Terrors war im nationalsozialistischen Regime verantwortlich für die politische Verfolgung innerhalb Deutschlands und wesentliche Teile der Organisation des Holocaust. Das Gebäude war zusammen mit dem Sitz von Reinhard Heydrich und Ernst Kaltenbrunner in der Wilhelmstraße 101 der Hauptsitz des Reichssicherheitshauptamtes.

Freibrief für den Terror

Seit 1933 trieb der Reichsführer SS, Heinrich Himmler, die Konzentration des nationalsozialistischen Gewaltapparates in einer Organisation voran. Parallel zum Aufstieg der SS als wichtigster Machtapparat der NSDAP und dem damit steigenden Einfluss Himmlers auf Adolf Hitler wuchs auch die Machtfülle des Reichssicherheitshauptamtes, das kurz nach Kriegsbeginn am 27. September 1939 gegründet wurde. Das Aufgabengebiet der Behörde wurde mit einer einfachen und doch fatalen Formel, "alle sicherheitspolitischen und nachrichtendienstlichen Belange", umschrieben. Im Nazi-Staat de facto ein Freibrief für den Terror.

Dem RSHA, so die Kurzbezeichnung, waren die berüchtigten Einsatzgruppen unterstellt, die hinter der Ost-Front planmäßig Massenmorde an Juden, politischen und kulturellen Eliten und anderen verfolgten Gruppen betrieben. Im Referat IV B4 organisierte Adolf Eichmann den bürokratischen Teil der  "Endlösung der Judenfrage", also den Holocaust. Die in die Behörde eingegliederte Gestapo war verantwortlich für die Repression der deutschen Zivilbevölkerung, der SD dehnte den Terror bis in die kämpfenden Verbände aus.

Erste Ausstellung 1987

Keine Frage, dieser zentrale Ort des verbrecherischen Regimes durfte nicht vergessen bleiben. Die ersten Pläne für eine Gedenkstätte in der Niederkirchnerstraße gab es bereits 1978, als der Berliner Architekturkritiker Dieter Hoffmann Axthelm in einem Gutachten auf die Bedeutung des Geländes hinwies. Anlässlich der 750-Jahrfeier der Stadt Berlin gab es eine erste Ausstellung auf dem bis dahin brachliegenden Gelände auf der Westseite der Berliner Mauer. Fünf Jahre später wurde die Stiftung Topographie des Terrors gegründet.

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Die bereits gebauten Treppenaufgänge des ersten Projektentwurfes. Insgesamt wurden gut 19 Millionen Euro verbaut - ohne Ergebnis.

(Foto: picture-alliance / dpa/dpaweb)

1993 begann mit der Ausschreibung des Baus eines Dokumentationszentrums die zweite Geschichte des Ortes. Bei der Ausschreibung war der Wunsch nach einer einfachen Form ausgesprochen worden. Der Siegerentwurf des Stararchitekten Peter Zumthor stellte hingegen einen aufsehenerregenden Bau in Aussicht. Auf weißen Betonsäulen sollte ein rechteckiges Gebäude für Ausstellung, Veranstaltungsraum und Büros für die Stiftung ruhen. Das Tragewerk erinnerte in seiner Form an eine skelettierte Baracke. Ein architektonisches Kunstwerk, das sich die Bauträger Bund und das Land Berlin da aussuchten.

Explodierende Kosten

Die vom Berliner Bauausschuss beauftragte Baufirma übernahm sich jedoch mit diesem Projekt. Schon kurz nach Beginn der Arbeiten traten immer neue Probleme auf und damit explodierten die Kosten. Allerdings war nicht wenigen mit den Vorgängen vertrauten Personen schon bei der Erteilung des Auftrages klar, dass das Angebot der Berliner Baufirma wohl kaum Bestand haben würde. Die guten Beziehungen zum Senat halfen allerdings über solche Bedenken hinweg. Schon das Gießen der weißen Betonsäulen wurde für das Unternehmen zum Albtraum. Eine wenig rühmliche Rolle spielte dabei auch der Stararchitekt, bei dem keinerlei Kompromissbereitschaft und viel Eitelkeit das Handeln bestimmten.

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Zwei Epochen auf einem Gelände: Links Reste der Berliner Mauer, rechts die überdachte Dauerausstellung und der Neubau.

(Foto: picture alliance / dpa)

Die Stadt Berlin deckelte die Kosten für den Bau. Mittlerweile war schon von 38 Millionen Euro die Rede, die gerade noch abgesegnet wurden. Anvisiert waren bei der Auftragsvergabe 38 Millionen D-Mark. Allerdings fand sich keine Baufirma mehr, die bereit war, mit diesen Fixkosten den Bau umzusetzen. Nach Jahren der Stagnation kam es 2004 schließlich zum Bruch zwischen Architekt und den Behörden. Nicht ohne eine ordentliche Abfindung aufgrund vertraglicher Verbindlichkeiten trennte man sich vom Schweizer Zumthor. Zu diesem Zeitpunkt standen zwei Treppentürme für 13,8 Millionen Euro auf dem Gelände. Gegen deren Abriss klagte Zumthor mit Verfassungsbeschwerde, die aber abgewiesen wurde.

Rücktritt und Neubeginn

2005 kam dann der Neuanfang mit einem Architektenwettbewerb. Im Jahr zuvor war der wissenschaftliche Direktor der Stiftung, Reinhard Rürup, aus Protest gegen das "auffällige Desinteresse" der Politik und die Nichtzahlung der Mittel vom Bund zurückgetreten. Im Januar 2006 wurde der Entwurf der Architektin Ursula Wilms vom Büro Heinle, Wischer und Partner, sowie der des Landschaftsarchitekten Heinz W. Wallmann unter den 23 in die engere Wahl gezogenen Entwürfen ausgewählt. Er versprach eine Bauzeit von zwei Jahren und Kosten von maximal 20 Millionen Euro.

Entstanden ist nun ein nüchterner, quaderförmiger Bau, der den Ort und seine Gesichte in den Vordergrund stellt und selbst im Hintergrund bleibt. Das Gesamtkunstwerk ist gescheitert, die historische Aufgabe siegte dennoch. Die Gedenkstätte fügt sich ein in eine Trias, wie es Reinhard Rürup einst formulierte, aus dem Libeskind-Bau des jüdischen Museums, der Topographie und Peter Eisenmans Holocaust-Denkmal. Sie dokumentieren das Leben zuvor, die Täter und den Mord in einem Dreiklang. Das letzte Puzzlestück gegen das Vergessen ist vollendet.

Quelle: n-tv.de

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