Dossier

Geflüchtet aus dem Irak Geteiltes Heimweh

Mehr als vier Millionen Iraker sind seit dem Sturz des Regimes von Saddam Hussein aus ihrer Heimat geflohen. Die meisten von ihnen haben sich während der vergangenen vier Jahre in den Nachbarländern Jordanien und Syrien niedergelassen. Dort wurden sie als Gäste teils herzlich aufgenommen, teils aber auch nur geduldet. Obwohl sie nicht hungern müssen, wird ihre Situation immer prekärer. So wächst zum Beispiel in Syrien, wo die Wohnbevölkerung durch den Zustrom aus dem Irak inzwischen um zehn Prozent gewachsen ist, der Unmut über die Anwesenheit der rund 1,4 Millionen Flüchtlinge. Denn diese konkurrieren mit den ärmeren Syrern um Wohnraum und staatlich subventionierte Versorgungsleistungen.

Leidensgemeinschaft

Die Flüchtlinge spüren die wachsende Animosität und bleiben daher immer mehr unter sich. Das führt zu der absurden Situation, dass die irakischen Sunniten, Schiiten und Christen, die in ihrer Heimat nicht friedlich zusammenleben können, in der Fremde eine mehr oder weniger solidarische Schicksalsgemeinschaft bilden. "Die Iraker, die nach Syrien kommen, versuchen, die schrecklichen Erlebnisse aus der Heimat hinter sich zu lassen, aber sie schaffen es nicht. Wir sind in Gedanken immer noch jeden Tag im Irak", sagt der sunnitische Iraker Walid, der mit Kollegen in Damaskus ein Transport-Büro betreibt. Wann er in den Irak zurückkehren wird, kann er nicht sagen. "Die Menschen kommen miteinander aus, aber die Parteien und Milizen lassen sie nicht in Frieden", sagt der stiernackige Fahrer mit dem dünnen Schnäuzer.

Neben Walids Büro liegt das Al-Dura Internetcafe, das nach einem heute besonders gefährlichen Viertel von Bagdad benannt ist. Mittags holt er sich sein Essen in der 100 Meter entfernten Filiale des Al-Kasem Restaurants, das der Besitzer des berühmten gleichnamigen Lokals in Bagdad hier für seine heimwehkranken Landsleute eröffnet hat.

Gefährlicher Grenzverkehr

Die irakische Firma Al-Wadi, die ihr Büro in dem inzwischen überwiegend von Irakern bewohnten Damaszener Vorort Dscharamana hat, transportiert täglich Post, Waren und Flüchtlinge auf der Strecke Bagdad-Damaskus. Auch die nordirakische Stadt Mossul und die bei den US-Soldaten so berüchtigte Anbar-Provinz im Westirak steuern die Fahrer des kleinen Unternehmens an, die sich mit den Ängsten und Tragödien der irakischen Flüchtlinge wohl besser auskennen als so mancher Mitarbeiter einer Hilfsorganisation.

In ihrem Büro in Dscharamana geht es zu wie in einem Taubenschlag. Ein Schiit, der Verwandte zur medizinischen Behandlung nach Syrien gebracht hatte, will für die Rückreise nach Bagdad zwei Geländewagen mieten. Ein junger Sunnit im arabischen Gewand sucht eine preiswerte Mitfahrgelegenheit in die Aufständischen-Hochburg Falludscha. Zwei Christinnen fragen, ob ihr Vater, der mit Al-Wadi in den Irak zurückgefahren ist, gut angekommen sei. Einen Kollegen haben die Fahrer von Al-Wadi vor vier Monaten verloren. Er war gerade in Bagdad angekommen und telefonierte per Handy mit seiner Familie, als ihn Milizionäre anhielten. Kurz darauf fanden die Angehörigen seine Leiche.

Von Anne-Beatrice Clasmann, dpa

Quelle: ntv.de