Dossier

Das Ende des Ersten Weltkriegs Polens Wiedergeburt 1918

Zwei vornehme Herren rasten im November 1918 in einem beschlagnahmten Cabrio durch das immer mehr im Revolutionschaos versinkende Deutschland nach Berlin. Der eine, der polnische Freiheitskämpfer Jozef Pilsudski, war kurz zuvor aus der Festungshaft in Magdeburg entlassen worden und wollte schnellstens in seine polnische Heimat zurückkehren. Der andere, der deutsche Publizist und Diplomat Harry Graf Kessler, hatte Pilsudski im Auftrag der deutschen Regierung aus dem Gefängnis geholt und sollte ihn auf dieser Fahrt vor meuternden Truppen schützen.

Der Auftrag wurde erfüllt: Pilsudski, der ab Berlin die Reise mit dem Zug fortsetzte, gelang es, rechtzeitig in das immer noch deutsch besetzte Warschau zu gelangen. Dort übernahm er am 11. November den militärischen Oberbefehl und drei Tage später auch als "Vorläufiger Staatschef" die volle politische Macht. Der 51-jährige Politiker setzte damit der mehr als hundertjährigen Fremdherrschaft über sein Land ein Ende. Der 11. November wurde zum Symbol der Wiedergeburt Polens und schon bald zum wichtigsten Nationalfeiertag in der wiederhergestellten polnischen Republik. Pilsudskis Reisebegleiter Kessler kam übrigens bald auch nach Warschau, als erster deutscher Gesandter in Polen.

Rückeroberungs-Versuche scheiterten

"Vier Generationen haben auf diesen Augenblick gewartet. Erst die fünfte hat es erlebt", schrieb der Sozialist Jedrzej Moraczewski, der erste polnische Regierungschef. Die Menschen seien von einer Welle der Begeisterung ergriffen worden, hielt er in seinen Memoiren fest. Mitglieder der konspirativen Militärorganisationen entwaffneten deutsche Soldaten, die nach dem Ausbruch der Revolution in Berlin keine Lust mehr zum Widerstand zeigten. Nur bei der Besetzung einiger strategischer Orte in Warschau, darunter der Zitadelle, kam es vereinzelt zu Kämpfen. "Verübt keine Rache an deutschen Soldaten", mahnte Pilsudski seine Landsleute. Eine Vereinbarung mit dem Soldatenrat garantierte den deutschen Militärs sicheren Abzug in die Heimat. Der deutsche Gouverneur Hans von Beseler packte als einer der Ersten die Koffer.

Seit Ende des 18. Jahrhunderts war Polen unter Russland, Preußen und Österreich-Ungarn aufgeteilt. Alle Versuche, durch militärische Aufstände gegen die Besatzungsmächte die Unabhängigkeit zurückzuerobern, scheiterten und brachten nur unzählige Opfer. Erst der Erste Weltkrieg, in dem die drei Teilungsmächte gegeneinander kämpften, ließ die Hoffnung auf Freiheit wieder steigen.

Vergiftete Beziehungen

Zunächst besiegte Deutschland die Russen und vertrieb sie nach Osten. Die Deutschen marschierten im August 1915 in Warschau ein, die Österreicher hatten in Krakau im Süden Polens das Sagen. Um polnische Rekruten für den Krieg gegen Russland zu gewinnen, machten Berlin und Wien kleine Zugeständnisse. Sie riefen am 5.11.1916 ein von ihnen kontrolliertes polnisches Königreich aus und bauten Grundlagen polnischer Verwaltung auf. Auch Pilsudski kooperierte am Anfang mit Wien und Berlin. Die Mittelmächte erweckten aber kein Vertrauen, die Ziele polnischer Patrioten gingen viel weiter. Als im Herbst 1918 beide Kaiserreiche zusammenbrachen, nahmen die Polen das Schicksal in die eigenen Hände.

Trotz vielversprechender Anfänge mit Pilsudski und Kessler waren die Beziehungen zu Deutschland vom Anfang an vergiftet. Die Gebietsabtretungen an Polen, vor allem Westpreußen und Teile Oberschlesiens, wurden in Deutschland als Unrecht empfunden und belasteten das deutsch-polnische Verhältnis. Die Beziehungen wurden zeitweise abgebrochen.

Rund zwei Jahrzehnte später, im September 1939, verbündeten sich die Diktatoren in Berlin und Moskau, Hitler und Stalin, gegen Polen und zerschlugen den verhassten Nachbarn. Polen verschwand wieder von der Landkarte Europa, doch diesmal nur für sechs Jahre.

Quelle: n-tv.de, Jacek Lepiarz, dpa

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