Dossier

Stichwort Völkermord an den Armeniern

Im Osmanischen Reich - Vorläufer der Türkei - lebten gegen Ende des 19. Jahrhunderts etwa 2,5 Millionen Armenier. Während des Ersten Weltkriegs wurden bis zu 1,8 Millionen Armenier vertrieben. Dies wurde damit begründet, dass Armenier an der Seite des Kriegsgegners Russland stünden.

Das Deutsche Reich schwieg dazu, obwohl das brutale Vorgehen des Verbündeten der Reichsregierung von Anfang an bekannt war. Sonderbotschafter schickten bereits im August 1915 detaillierte Berichte nach Berlin und forderten früh ein Einschreiten gegen die "Massaker". Das damalige Auswärtige Amt wiegelte ab, auch weil es zum Teil in den Armeniern eine Art Fünfte Kolonne Russlands und damit eine Bedrohung für die Türkei zu sehen glaubte.

Nach Angaben des Zentrums gegen Vertreibungen (Wiesbaden) kamen bei den Deportationen 1915/1916 fast 1,5 Millionen Menschen ums Leben. Die heutige Türkei, in der nur noch eine kleine armenische Minderheit lebt, geht von etwa 200 000 Toten aus. Heute lebt das alte christliche Kulturvolk der Armenier über die ganze Welt verstreut. Nach Jahrhunderten der Fremdherrschaft durch Assyrer und Römer, Türken und Russen wurde Armenien erst nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 ein unabhängiger Staat.

In dem Land östlich der Türkei leben etwa 3,2 Millionen Armenier. Im benachbarten Georgien sind sie mit 400.000 die stärkste Minderheit, im verfeindeten Aserbaidschan nur noch eine Randgruppe (über 100.000). Die Diaspora reicht vom Vorderen Orient bis Nordamerika, wo mindestens 600.000 Armenier eine Heimat gefunden haben. Mehrere Hunderttausend leben in Europa, vor allem auch in Frankreich. In der Türkei, die zu Zeiten des Osmanischen Reiches gegen Ende des 19. Jahrhunderts noch 2,5 Millionen Armenier beherbergte, gibt es nur noch eine kleine Minderheit.

Die Gräueltaten an den Armeniern haben mehr als ein Dutzend Staaten als Völkermord gewertet. Dazu gehören Frankreich, die Schweiz und die Niederlande. Die Türkei beharrt dagegen entschieden auf ihrer Position, nach der die Vertreibung mit ihren Folgen nicht als Genozid zu bewerten ist.

In der Türkei ist das Geschehen ein sensibles Thema. So wurde der türkische Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk nach kritischen Äußerungen dazu auf Grundlage des Staatsschutzparagrafen 301 wegen "Beleidigung des Türkentums" angeklagt. Der Prozess wurde aber Anfang 2006 eingestellt. Der durch ähnlich kritische Äußerungen bekannte türkisch-armenische Journalist Hrant Dink wurde im Januar 2007 in Istanbul ermordet.

Der Bundestag forderte die Türkei 2005 zum offenen Dialog darüber auf. "Insgesamt wird das Ausmaß der Massaker und Deportationen in der Türkei immer noch verharmlost und weitgehend bestritten", hieß es in der einstimmig verabschiedeten Resolution. Die türkische Regierung wies sie scharf zurück, obwohl im verabschiedeten Text nicht mehr von "Völkermord", sondern von "Gräueln" die Rede war.

Quelle: n-tv.de