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Zwischenruf 357 Dauerkonflikt drei im Orient

Von Manfred Bleskin

Als im Februar vergangenen Jahres die goldene Kuppel der Askarija-Moschee durch einen Anschlag zerstört wurde, war dies im eigentlichen Sinne der Beginn des Bürgerkriegs zwischen Sunniten und Schiiten im Irak. Nach dem Anschlag vom Mittwoch, bei dem nun auch die Minarette des Gebetshauses in Trümmer zerfielen, droht - im schlimmsten Fall - eine weitere Eskalation. Dass beide Seiten, aufgeschreckt durch die Gefahr eines andauernden, wenn nicht noch grausigeren Blutvergießens zur Besinnung kommen, ist kaum zu erwarten.

Die Moschee mit den Gräbern zweier Imame, die als direkte Nachfahren des Propheten Mohammed gelten, ist eines der bedeutendsten schiitischen Heiligtümer, wenngleich in einer heute überwiegend von Sunniten bewohnten Stadt gelegen. Das Bekenntnis zu einer Religion ist für die Iraker zu einer Frage des Überlebens und der Selbstidentifikation geworden. Das Nationalgefühl, das sich nach der Schaffung des Staates aus den Provinzen Bagdad, Basra und Mosul im Ergebnis des Zerfalls des Osmanischen Reiches in Jahrzehnten herausgebildet hatte, ist weitgehend zerstört.

Daran ist die Invasion der USA an der Spitze der "Koalition der Willigen" nicht ganz unschuldig. Das Saddam-Regime war säkular. Erst in seinen letzten Herrschaftsjahren setzte der Diktator auf den Islam als einigendes Band. Dabei wurden die Sunniten, denen er selbst entstammte, bevorzugt. Die Schiiten waren in ihrer Gesamtheit aber keinesfalls die Parias. Angehörige dieser Konfession kamen, wenngleich nicht in dem Maße wie die Sunniten, zu hohen Würden. Die Gegensätze waren eher durch den Widerspruch zwischen Arm und Reich denn durch die unterschiedliche Konfession geprägt.

Statt, wie es nun auch hochrangige US-Militärs eingestehen, auf alle Iraker zu setzen, schürte Washington durch die Bevorzugung der Schiiten den Hass zwischen den Angehörigen der beiden Konfessionen. Das Ergebnis ist nicht nur eine Dominanz der dem schiitischen Iran verbundenen Kräfte im Irak. Viele Sunniten hängen dem Irrglauben an, dass sie ihre Belange nur vermittels brutaler Gewalt wahren können.

Wenn der Einfluss radikaler Schiiten den USA nun über den Kopf wächst und sie neuerdings auf Waffenhilfe für sunnitische Gruppen setzen, einige davon sogar mit mutmaßlichen Verbindungen zum Terrornetzwerk al Q'aida, begehen sie den gleichen Fehler unter umgekehrtem Vorzeichen. Auch die Hilfe für Osama bin Ladens Mudschaheddin im Kampf gegen die sowjetische Okkupation Afghanistans erwies sich als Bumerang. Die Büchse der Pandora ist seit dem Einmarsch der US-geführten Truppen im Irak geöffnet. Auch deren Rückzug wird sie nicht von heute auf morgen schließen. Die Verteilungskämpfe um die Erdölressourcen werden weitergehen. Der Irak droht nach Palästina und Afghanistan zum dritten Dauerkonflikt in der muslimischen Welt zu werden.

Quelle: ntv.de