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De Maizière, Krieg, Ruhm und Ehre Deutschland braucht keinen "Veteranentag"

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(Foto: picture alliance / dpa)

Öffentliches Gedenken für deutsche Soldaten, Verleihung von Orden für den Einsatz des Lebens im Ausland? Verteidigungsminister de Maizière will einen "Veteranentag" einrichten. Der Vorstoß wirft die Frage nach unserer gesellschaftlichen Ausrichtung auf. Die Antwort darauf sollte klar sein.

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Verteidigungsminister de Maizière im Gespräch mit Bundeswehrsoldaten in den USA.

(Foto: picture alliance / dpa)

Verteidigungsminister Thomas de Maizière ist in den USA, er trifft sein Pendant in Washington, Leon Panetta. Ex-Soldaten haben in der dortigen Gesellschaft eine gewichtige Stimme – schon wegen ihrer Zahl. Allein 2,3 Millionen US-Veteranen kehrten von 2001 bis Anfang 2011 aus den Konflikten im Irak und Afghanistan in die Heimat zurück. De Maizière regt nun an: auch Deutschland solle einen Gedenktag für Soldaten mit Kampfeinsätzen bekommen. Welche Funktion dies bekommen kann, welche Veränderung auslösen kann in einer Gesellschaft - darüber muss sich der Minister im Klaren sein.

Die Bundeswehr vollzieht derzeit den größten Umbau ihrer Geschichte. Sie wird zur Berufsarmee, sie wird herausgelöst aus der "Mitte der Gesellschaft", zuvor erzwungen durch die allgemeine Wehrpflicht. Zu Recht ziehen nur Menschen in Kriege wie in Afghanistan, die dies auch wollen. Nun ist die Bundeswehr angewiesen auf Bewerber, sie kann sich nicht mehr auf eine "Reserve" von Millionen potenziellen Wehrpflichtigen stützen. Sie braucht frisches Blut, im wahrsten Sinne des Wortes. Denn eben solches wird in Konflikten mit Waffengewalt vergossen.

Plumpe Werbung

Er wolle "Tradition stiften", sagt de Maizière - doch wie soll das funktionieren? Die deutsche Geschichte mahnt. Vor moralischer Überhöhung von Menschen, die für politische Ziele andere Menschen töten, ihr Leben lassen, manchmal psychisch, manchmal physisch. Eine Zurschaustellung von Militarisierung der Gesellschaft wäre nicht zeitgemäß. Sie gehört nicht in ein Land, das sich bei Kriegseinsätzen zurückhält, das mit geistesgeschichtlicher Basis auf Dialog setzt. Deutschland rühmt sich dieses Anspruches; in Europa, in der Welt.

Ein Gedenktag für Veteranen wäre eine (An-)Werbeveranstaltung für neue Rekruten. Und plump dazu. In den USA kann der deutsche Verteidigungsminister sich anschauen, wie eine Berufsarmee, die ständig in Kriege verwickelt ist, mit Nachwuchs gefüttert wird. Mit Versprechen von "Ruhm und Ehre", etwa an Schüler, die mit einer Unterschrift ihr Leben riskieren. Die mit Computerspielen wie "America's Army" schon früh auf Feindbilder geeicht werden. Für die Filme in Hollywood finanziert werden. Zu tief sitzt bei den Konservativen der Stachel des PR-Desasters im Vietnamkrieg, und der darauf folgenden kultur- und sozialpolitischen Eruptionen.

Vorbild oder Umkehr

Die Fragen für Deutschland lauten: Wollen wir ein Vorbild sein in der Welt für eine Zivilgesellschaft, die nur im Notfall auf körperliche Gewalt zurückgreift – wie wir es seit Ende des Zweiten Weltkrieges waren? Oder wollen wir eine Rückkehr zu falschem Pathos, zu Menschen, die ein idealisiertes Bild von dem "Dienst an der Waffe" haben?

Ein Tag für Veteranen sei "überfällig" sagt de Maizière. Das ist falsch. Überfällig ist nur die öffentliche Diskussion über Sinn und Unsinn einer solchen Form des Gedenkens - weil die Selbstverständlichkeit der Antwort auf diese Frage offenbar abhanden gekommen ist.

Quelle: ntv.de