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Zwischenruf Nordkorea: Baby Kim schwingt die Knute

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Kim Jong Un hat seinen mächtigen Onkel aller Posten enthoben.

(Foto: imago stock&people)

Nach der publikumswirksamen Entmachtung der nordkoreanischen Nummer zwei ist die Entwicklung der letzten stalinistischen Diktatur völlig offen. Ein Machtkampf zwischen den verbliebenen Mitgliedern des Kim-Clans und der militärischen Führung ist nicht ausgeschlossen - China ist besorgt.

Eine schlimmere Demütigung, als eine vom Fernsehen übertragene Festnahme eines zweiten Mannes eines Staates, kann es kaum geben. Auf eben solche Weise ist Jang Song Thaek, Vizechef der Nationalen Verteidigungskommission und der Personalabteilung der sogenannten Partei der Arbeit, aus einer Sitzung des Zentralkomitees der herrschenden "Partei der Arbeit" von zwei Polizisten abgeführt worden.

Kim Jong Un weiß um die Macht der Bilder. Schließlich ist er - unter falschem Namen - in der Schweiz längere Zeit zur Schule gegangen. Aus jener Zeit mag auch die infantile Vorliebe für Micky Maus & Co. kommen, die der 30-jährige Marschall gern öffentlich zur Schau stellt. Wer glaubt, es sich leisten zu können, einen Kader zu desavouieren, der als angeheiratetes Mitglied der Kim-Dynastie Politik machte, als sein Neffe noch in die Hosen machte, muss sich seiner Sache sehr sicher sein. Oder sehr unsicher.

Angst vor weiteren Machtkämpfen

Mehrere südkoreanische Beobachter fürchten, dass der Machtkampf mit der Kaltstellung des Kim-Onkels noch nicht beendet ist. Dessen Frau, Kim Kyong Hui, jüngere Schwester des verstorbenen Diktators Kim Jong Il wird in keiner der offiziellen Verlautbarungen zum Thema erwähnt. Offensichtlich verfügt sie weiter über Einfluss.

Aus europäischer Sicht mutet skurril an, wenn eine Schar älterer Offiziere mit Papier und Bleistift in der Hand mitpinselt, wenn Kim mit seinen Kenntnissen über die sachgerechte Verpackung von Fertignahrung bramarbasiert. In Korea, und zwar in beiden Teilen, gilt der Respekt des Jüngeren vor dem Älteren immer noch als sakrosankt. Jang war zeit seines Lebens Zivilist und wurde – wie seine Frau und Kims Tante – erst mit dessen Machtübernahme 2011 zum General ernannt. Zuvor hatte Kim den Generalstabschef der Armee seines Amtes enthoben.

Die darauf folgende verbale Radikalisierung bis hin zur Drohung des Einsatzes von Atomwaffen gegen die USA und Südkorea sowie die zeitweilige Schließung der mit diesem zusammen betriebenen Sonderwirtschaftszone Kaesong gelten als Versuch, die Hardliner im Militär von Kims Entschlossenheit zu überzeugen. Erst kürzlich hatte dieser eine Luftwaffeneinheit besucht und sich bei dieser Gelegenheit öffentlichkeitswirksam der Ergebenheit der Streitkräfte versichert. Ob die militärische Führungsspitze aber tatsächlich hinter Kim steht, und wie sie auf den jüngsten Coup des Jungdiktators reagiert, bleibt abzuwarten.

Wirtschaftliche Öffnung des Landes

Im Oktober fand in der Hauptstadt Pjöngjang unter Beteiligung von Vertretern aus 13 Staaten eine Konferenz statt, um ausländischen Geldgebern Investitionen in neue Sonderwirtschaftszonen schmackhaft zu machen. Dies deutet darauf, dass Kim Jong Un den Kurs der vorsichtigen wirtschaftlichen Öffnung des Landes weiterführen will. Die Machtstrukturen dürften davon unberührt bleiben.

China, oft nur widerwilliger Verbündeter des nordkoreanischen Regimes, ließ verlauten, die Volksrepublik sei an Stabilität in Nordkorea interessiert. Beobachter in der südkoreanischen Hauptstadt Seoul werten dies als Furcht vor weiteren Machtkämpfen. Hinzu kommen die derzeitigen Spannungen zwischen China auf der einen, Japan, Südkorea und den USA wegen der Senkaku/Diaoyu-Inseln - auf der anderen Seite. Da kann Peking ein in Machtkämpfe verwickeltes Nordkorea nicht gebrauchen. Umso mehr, als Baby Kim in Krisensituationen gern zum militärischen Drohknüppel greift.

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Manfred Bleskin kommentiert seit 1993 das politische Geschehen für n-tv. Er war zudem Gastgeber und Moderator verschiedener Sendungen. Seit 2008 ist Manfred Bleskin Redaktionsmitglied in unserem Hauptstadtstudio in Berlin.

Quelle: ntv.de