Politik
Montag, 28. Februar 2011

Zwischenruf : Sarrazin mit umgekehrtem Vorzeichen

von Manfred Bleskin

Erdogans Aufforderung, die Kinder türkischabstammender Eltern zuerst Türkisch und dann erst Deutsch lernen zu lassen, ist kontraproduktiv. Die Deutschtürken sollten nicht als nationale Minderheit etabliert werden, haben doch die meisten von ihnen einen deutschen Pass.

Erdogan begeistert seine "Landsleute" in Düsseldorf.
Erdogan begeistert seine "Landsleute" in Düsseldorf.(Foto: dapd)

Eigentlich hat der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan so einen Auftritt wie in Düsseldorf gar nicht nötig. Von den gut 11.000 Türken und türkischstämmigen Deutschen haben einige keine türkische Staatsangehörigkeit mehr und andere, die den Pass der Republik Türkei in der Tasche haben, können bei den Parlamentswahlen im Sommer ihre Stimme nur abgeben, wenn sie in die Türkei reisen. Ob die Rückwirkung der wie eine Supershow organisierten Veranstaltung über Anwesende an Familie und Freunde in der Türkei groß ist, muss abgewartet werden.

Gleichwohl kann Erdogan innenpolitisch punkten, wenn ein übervoller Saal im Ausland ihm huldigt. Das Land steht heute auch dank seiner Politik wirtschaftlich besser da als noch vor Jahren. Die hohen Wachstumsraten können aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass rund 30 Prozent der Bevölkerung immer noch unterhalb der Armutsgrenze leben. Die Arbeitslosigkeit liegt bei mehr als zehn Prozent, besonders betroffen sind die ländlichen Gebiete. Der Beitritt zur Europäischen Union gerät bei Regierung und Bevölkerung immer mehr aus dem Blick: Die Türkei präsentiert sich als Regionalmacht und konzentriert sich dabei auf die Länder, die früher Teil des Osmanischen Reiches waren.

Von Düsseldorf geht eine nationalistische Botschaft aus: Wir sind wieder wer, und ihr seid ein Teil davon! Nun ist es erwiesenermaßen falsch, wenn deutsche Politiker immer wieder behaupten, deutsche Sprachkenntnisse würden die Integrationsprobleme lösen. Dann müsste in Frankreichs Banlieues Arbeitskräftemangel herrschen. Kein Zweifel aber besteht daran, dass deutsche Sprachkenntnisse hilfreich sind, wenn’s um einen Job hierzulande geht. Darum ist Erdogans Aufforderung, die Kinder zuerst Türkisch und dann erst Deutsch lernen zu lassen, kontraproduktiv. Sollte es darum gehen, die Deutschtürken als nationale Minderheit zu etablieren, kann dies gleichfalls kaum hilfreich sein. Die in Deutschland lebenden Menschen türkischer Abstammung mit deutschem Pass haben die gleichen Rechte und Pflichten wie Bundesbürger deutscher oder anderer Herkunft. Sie zu etwas besonders Gutem machen zu wollen, ist ebenso falsch wie sie zu einem besonders Schlechten. Insofern hat sich Erdogan am Rhein aufgeführt wie ein Sarrazin mit umgekehrtem Vorzeichen.

Manfred Bleskin kommentiert seit 1993 für n-tv das politische Geschehen. Er war zudem Gastgeber und Moderator verschiedener Sendungen. Seit 2008 ist Bleskin Redaktionsmitglied in unserem Hauptstadtstudio in Berlin.

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Quelle: n-tv.de