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Guttenberg lässt Titel ruhen Wie die Mücke zum Elefanten wurde

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Wer Selbstkritik erwartet hatte, wurde enttäuscht.

(Foto: REUTERS)

Reicht der vorläufige Verzicht auf den Doktortitel oder muss Verteidigungsminister Guttenberg wegen der Plagiatsvorwürfe zurücktreten? Nicht, wenn er endlich mit der Wahrheit über seine Arbeit rausrückt. Dass aus Fußnoten überhaupt ein Skandal wurde, liegt an Guttenberg selbst.

Stopp! Worüber reden wir hier eigentlich? Karl-Theodor zu Guttenberg hat in seiner Doktorarbeit ein paar Fußnoten vergessen und damit Sätze und Gedanken aus fremden Federn als seine eigenen ausgegeben. In der Welt der Wissenschaft ist das zwar streng verboten. Außerhalb der Universitäten gilt so etwas jedoch eher als Lappalie. Deshalb muss der Verteidigungsminister doch nicht gleich zurücktreten. Im schlimmsten Fall verliert er eben seinen Doktortitel.

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Auf Guttenbergs Website fehlt der "Dr." bereits.

(Foto: dpa)

Ganz so einfach ist es aber nicht. Zum einen hat Guttenberg nicht einfach ein paar Fußnoten vergessen, sondern ganze Textpassagen seiner Dissertation als seine eigenen Worte erscheinen lassen, obwohl sie anderen Hirnen entsprungen waren. Vor allem aber hat er durch sein Verhalten nach Bekanntwerden der Vorwürfe die Mücke zum Elefanten werden lassen.

Als der Bremer Juraprofessor Andreas Fischer-Lescano mit den Anschuldigungen an die Öffentlichkeit ging, reagierte Guttenberg prompt. "Abstrus" seien die Plagiatsvorwürfe. Er wolle jedoch prüfen, ob vereinzelt Fußnoten nicht oder nicht korrekt gesetzt sein sollten. Einzelfälle also, kleine Fehler - das kann ja mal passieren, lautete die Verteidigung. Dann aber wurden immer neue Textstellen bekannt, die fast wortwörtlich kopiert wurden, ohne Quellen zu nennen. Nicht einmal den Anfang seiner Arbeit hat er selbst formuliert, sondern von einem FAZ-Artikel übernommen. Plötzlich wirkte Guttenbergs Reaktion reichlich vorschnell. Der Minister hatte sich offenbar etwas weit aus dem Fenster gelehnt, als er das Ausmaß der Vorwürfe runterspielen wollte. Guttenberg wurde zum Getriebenen.

Seine Reaktion erscheint umso merkwürdiger, weil Guttenberg als Autor sehr genau wissen sollte, in welchem Umfang er Texte übernommen hat, ohne sie auszuweisen. Eine Doktorarbeit schreibt man schließlich nicht so nebenbei. Wer schon einmal eine wissenschaftliche Abschlussarbeit verfasst hat, weiß, wie traumatisch das sein kann. Hätte Guttenberg die Vorwürfe nicht so schroff zurückgewiesen, hätte er die Dynamik der Entwicklung vielleicht bremsen können. Die Entschuldigung jetzt kommt etwas spät und halbherzig. Deshalb drängen sich Erklärungen auf, die Guttenberg in keinem guten Licht erscheinen lassen: Entweder hat er bei seiner Dissertation bewusst getäuscht, extrem schlampig gearbeitet - oder er kannte das Ausmaß der Fehler nicht, weil er sie nicht allein geschrieben hat.

Selbst das hätte er noch erklären können. Guttenberg wäre schließlich nicht der erste Politiker, der wegen fehlender Zeit Hilfe in Anspruch genommen hat und nicht die höchsten wissenschaftlichen Ansprüche in seiner Arbeit erfüllt. Aber Guttenberg bleibt der Öffentlichkeit weiterhin eine Erklärung für die Fehler in seiner Arbeit schuldig. Selbst jetzt, wo er sich entschuldigt hat, rückt er nicht mit der Wahrheit heraus.

Natürlich wird die Affäre von seinen Gegnern aufgeblasen, die es genießen, endlich einen Riss im Lack des Freiherrn gefunden zu haben. Zudem erzeugt Guttenberg als Person stets eine mediale Hybris, die das Ausmaß der Berichterstattung erklärt. Allerdings sind das die Geister, die der Minister selbst gerufen hat: Wer sich wie er am Times Square oder in Afghanistan so gekonnt in Szene setzt, muss sich nicht wundern, wenn die Aufmerksamkeit bei Fehlern umso größer ist.

Insofern liegt es auch am Bild und Selbstbild Guttenbergs, dass die Fußnoten-Affäre ein handfester Skandal werden konnte. Der Minister ist überaus beliebt, gilt vielen als Hoffnungsträger und Lichtgestalt deutscher Politik. Die Leser-Kommentare auch bei n-tv.de zeigen: Zahlreiche Guttenberg-Anhänger sehen durch die "Kampagne" gegen den Politiker gar das Land oder die Demokratie bedroht. Es wäre schade, wenn Guttenberg diese Auffassung durch einen Rücktritt bestätigen würde.

Alles in allem geht es bei den Plagiatsvorwürfen um nicht weniger als Guttenbergs Image, das ihn in der Politik nach oben getragen hat. Ein Politiker offener und aufrichtiger Worte will er sein, zupackend, entscheidungsstark, ehrlich und kompetent. Opel-Entscheidung, Kundus-Affäre, Bundeswehrreform - Guttenberg konnte sich den Ruf des Machers erwerben. Allerdings steht der Minister noch immer unter Bewährungspflicht. Bislang wird Kompetenz bei ihm nur vermutet. Das Image des Leichtmatrosen schwingt stets bei ihm mit und bekommt durch die Plagiatsaffäre neue Nahrung. Opel, Kundus, Bundeswehrreform - Guttenbergs Kritiker werfen ihm vor, ein Ankündigungsminister zu sein. Ein Blender, der durch sein Auftreten Fähigkeiten vortäuschen kann. In dieses Bild passen die Fehler bei der Doktorarbeit. Es musste ja auch "summa cum laude" sein.

Insgesamt wiegt die Affäre sicher nicht so schwer, dass Guttenberg als Minister zurücktreten muss. Ausgeschlossen ist das aber noch nicht. Schließlich entwickeln solche Skandale immer ihre ganz eigene Dynamik. Viele Politiker sind schon über vermeintliche Lappalien gestolpert. Fragen Sie mal Cem Özdemir. Guttenberg muss deshalb aufpassen, die Vorwürfe bedrohen seine Glaubwürdigkeit. Das höchste Gut, das ein Politiker hat. Zumal einer vom Schlage Guttenbergs. Lernt er aus seinen Fehlern, kann der CSU-Politiker an der Affäre sogar noch wachsen. Nur muss Guttenberg dafür begreifen, dass es in der Politik mehr Tiefgang braucht und die Wahrheit irgendwann doch ans Licht kommt. Dann sieht es für Blender ziemlich düster aus.

Quelle: n-tv.de

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