Wieduwilts WocheJens Spahn ist der depressive Pinguin der Bundesregierung
Eine Kolumne von Hendrik Wieduwilt
Der Fraktionschef der Union ist ein Contrarian: immer ein bisschen anders unterwegs als die anderen. Das macht ihn interessant, eigentlich. Doch die neue Europa-Coolness stellt ihn ins Abseits.
In Berlin bleibt man dieser Tage lieber daheim: Die Fußwege sind so glatt, dass sogar die Schneeflocken sich die Hüften brechen. Mit der Knochenbruchgefahr gehen die Berliner um wie mit allen anderen Problemen - verantwortungslos. Der Regierende Bürgermeister Kai Wegner (man kennt ihn vom Tennis) flehte etwa: "Ich appelliere an das Abgeordnetenhaus, den Einsatz von Tausalz in Berlin in Ausnahmen möglich zu machen."
Ja, Tausalz wäre etwas, aber ach, der Umweltschutz, ach, die Zuständigkeiten! Da niemand Verantwortung übernimmt wie weiland Helmut Schmidt, der in der Flut ruckzuck die eigentlich verbotene Bundeswehr zur Hilfe orderte, müssen wir Hauptstädter uns wie Pinguine bewegen: in Trippelschritten.
Warum auch nicht? Der Pinguin, zumal ein störrischer, ist derzeit globale Identifikationsfigur. Das kam so: Irgendwann tauchte ein alter Dokumentarfilm auf, in dem ein eigensinniger Adeliepinguin sich entscheidet, die eigene Kolonie zu verlassen und einsam in Richtung antarktischer Berge zu watscheln, unbeirrt, nihilistisch und untermalt durch die mystische Erzählstimme Werner Herzogs.
Ein Pinguin geht viral
Wer würde sich nicht gern so radikal autonom verhalten, wie dieses Tier? Es ist ein Punk, ein watschelndes, gefiedertes "fuck it" - toll! Maximale, wenn gleich lebensgefährliche Selbstverwirklichung. Kein Wunder, dass der Pinguin seit Tagen "viral geht". Das Weiße Haus setzt auf dieses Meme ebenso wie Lidl, Sixt und Deichmann.
Jens Spahn ist auch so ein störrisches Tierchen und das könnte ihm ebenso zum Verhängnis werden wie die Eiseskälte dem Pinguin-Punk. Der CDU-Politiker muss nämlich wegen eben dieses Eigensinns im Mai um seine Wiederwahl als Unionsfraktionschef bangen.
Spahn ist ein konservativer Knochen innerhalb der Union und sozusagen natürlicher Antagonist von Leuten wie dem schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten Daniel Günther. Das machte ihn zum Liebling all jener, die von der Union rechtskonservative Politik verlangen - und zum Gottseibeiuns für alle Menschen, die Angela Merkel vermissen.
Auf Bewunderung für Trump folgt Entsetzen
Als Günther etwa gegen Soziale Netzwerke und das aufmüpfige Internet polterte, zog Spahn galant die Idee aus dem Hut, die Strafschärfung für Politikerbeleidigungen wieder abzuräumen. Die Idee ist richtig - es ist allerdings auch eine der AfD. Günther gegen Hetze und Meinungsfreiheit, Spahn dafür, so könnte man das grob zusammenfassen.
Solche Stunts konnte sich Spahn immer gut leisten, weil er über eine beachtliche Machtbasis verfügte und weil er in die Anti-Merkel-Zeit passte. Skandal um Skandal tropfte an ihm ab, ob es um Masken-Deals ging, um Villenfinanzierung oder eine völlig vergurkte Richterwahl.
Doch jetzt hat sich etwas verändert: Schergen der Trump-Administration haben zwei Amerikaner getötet und die dortige Staatsmacht hat mit den Achseln gezuckt. Die autoritäre, gewalttätige und von Wand zu Wand anstandslose US-Administration verändert den Zeitgeist. Auf heimliche Bewunderung für Trumps dicken, durchsetzungsstarken Filzstift folgen nun Entsetzen und Besinnung.
Ein leichter Europa-Schwips
Spahn sollte diese Entwicklung alarmieren. Zum Repertoire des Fraktionschefs gehört auch leise Sympathie für Trump und dessen Politik. Vor dem Weltwirtschaftsgipfel etwa sagte Spahn der "Süddeutschen": "Wenn man die Lage Grönlands auf dem Globus anschaut, sind die von den USA gestellten Fragen übrigens nachvollziehbar."
Das war damals nicht unbedingt falsch, aber moralisch ruchbar. Heute klingt es nach Verrat: Denn die wuchtigen Reden des kanadischen Premierministers Mark Carney und auch des französischen Präsidenten Emmanuel Macron in Davos führten zwischenzeitlich zu etwas, das man einen leichten Europa-Schwips nennen könnte.
Das zeigt sich in Meme-Begeisterung über proeuropäische Pinguine wie auch in anhaltender Begeisterung für Macrons Sonnenbrille und dessen Versicherung, man stehe für diverse tolle Dinge. Macron untermalte das stakkatoartig "for sure!", was inzwischen zu allerlei gemixten Songs im Netz führte.
Kontinentale Coolness
Macron ist also ansteckend wie der Pinguin: Das Auswärtige Amt postete am Freitagmorgen einen KI-generierten Clip, in dem ein Pinguin unbeirrt Richtung Europaflagge watschelt, einen Rucksack auf dem Rücken mit den Gesichtern der Staatenlenker Merz, Macron und Carney. Der Pinguin wirbt darin für Werte, Macrons Sonnenbrille, den Europäischen Gerichtshof, kurz: kontinentale Coolness. For sure!
Bundeskanzler Friedrich Merz wiederum glühte im Bundestag: In seiner Regierungserklärung begann er ungewohnt empathisch, mit Fragen, die seine Landsleute beschäftigen. Wo ist unser Platz? Worauf kann ich mich noch verlassen? Der Sauerländer bekannte: "Wir haben in diesen Wochen etwas spüren können vom Glück der Selbstachtung." Die EU sei eine "normative Alternative zu Imperialismus und Autokratie". For sure!
Und als Merz sich dann gegen Trump und dessen Verächtlichmachung deutscher Soldaten aufbaute, erntete er knapp 34 Sekunden Applaus aus allen Fraktionen, außer AfD und Linke. 34 Sekunden Applaus - das ist vielleicht mehr, als Merz je bekommen hat! For sure!
Spahn will ein guter Junge sein
Nach so viel ungewohnter Verve klang die übliche Apokalyptik der Oppositionsführerin Alice Weidel von der AfD so verbittert wie eine über Nacht stehengelassene Tasse Schwarztee. Wenn jetzt noch jemand Sympathien für Trump zeigt, kann es sich doch eigentlich nur um einen lebensmüden Pinguin handeln.
Jens Spahn scheint den Richtungswechsel längst zu spüren. Auffällig oft beklatscht er nun Merz, kritisiert Trumps Kritik, will ein guter Junge sein - im Mai wird immerhin gewählt. Wenn es nach Spahn geht, Spahn.
Was bleibt? Erstens Trost. Wir können uns über das komplette politische Spektrum hinweg und rund um den Erdball doch noch auf etwas einigen: Ein trotziger Pinguin verdient unsere Liebe. Zweitens Hoffnung: Die politische Mitte is back, baby - for sure!
Die Achse der Zuversicht
Die Achse der Zuversicht von Carney bis Macron versöhnt mich sogar mit der Eisglätte in Berlin. Ja, hier in Europa wird gezögert und gezaudert und deshalb brechen sich Omis da draußen die Hüften.
Ja, es wäre schön, wenn der Bürgermeister einfach selbst das Tausalz auf die Wege würfe - afuera, Umweltschutz! Und wären wir Berliner wirklich Pinguine, könnten wir auf dem Bauch die Schönhauser Allee herunterrutschen.
Aber wir sind keine Pinguine, wir sind Europäer, verdammt! Wir bringen das Eis mit unserem glühenden Glück der Selbstachtung zum Schmelzen! For sure.