Pressestimmen

Linke bei der Bundespräsidentenwahl "Stück aus dem Tollhaus"

2rv80317.jpg3227735885664444655.jpg

Joachim Gauck konnte auch im dritten Wahlgang nicht auf die Stimmen der Linkspartei zählen.

(Foto: dpa)

Die Linke hielt Gauck für unwählbar und beharrte bis zum Schluss auf dieser Position. Das ist nicht nur schade, sondern auch sehr ärgerlich. Denn hat die Linkspartei damit die einmalige historische Chance vergeben, sich von ihrem SED- und Stasi-Erbe zu befreien. Doch SPD und Grüne wissen jetzt, eine Koalition mit der Linken wird es auch in Zukunft nicht geben.  

Die Hessische/Niedersächsische Allgemeine kommentiert das Verhalten der Linkspartei bei der Bundespräsidentenwahl als einen Abschied "als ernsthafter politischer Partner (…) auf lange Zeit". Das Wahlverhalten der Wahlmänner und -frauen sei "weder des Anlasses noch der Würde aller Beteiligten angemessen" gewesen und habe darüber hinaus "phasenweise einem Stück aus dem Tollhaus" verglichen. Damit habe die Linke "die einmalige Chance, sich mit dem Votum für den ersten ostdeutschen Präsidenten von ihrem SED- und Stasi-Erbe zu befreien" ungenutzt verstreichen lassen. Diese Befreiung habe sie nicht gewollt, "auch weil sie es ihrer Wählerbasis nicht zumuten konnte. Da sie sich gegen Bündnisfähigkeit entscheidet, bleibt sie die Gefangene ihrer Vergangenheit. Hieraus die nötigen Schlüsse zu ziehen, dürfte SPD und Grünen nicht schwer fallen."

"Wenn der ehemalige Stasi-Zuträger Diether Dehm die beiden Kandidaten in die Nähe von Hitler und Stalin rückt, dann ist das durchaus symptomatisch für den geistigen Raum, in dem große Teile der Linkspartei immer noch zu Hause sind", schreibt der Münchner Merkur. Auch das Blatt sieht im Verhalten der Linken eine große Chance vertan, denn nicht nur habe sich in der Person Joachim Gaucks eine Gelegenheit für die Linkspartei geboten, "einen Ostdeutschen auf den Schild zu heben, der gesamtdeutsche Sympathien auf sich vereint", sondern auch der einmalige Anlass, "im Kielwasser des unbestechlichen Stasi-Aufklärers demonstrativ die ideellen Adern zum untergegangenen Unrechtsstaat zu kappen". Doch durch ihr "tumbes Beharren auf der angeblichen 'Unwählbarkeit' Gaucks hat die Linkspartei stattdessen absurderweise den ebenfalls 'unwählbaren' Wulff unterstützt und sich selbst vor aller Welt das Etikett 'politikunfähig' ans Revers geheftet."

So habe die Bundespräsidentenwahl "vielen die Augen geöffnet, die insgeheim von einem Linksbündnis als nächster Bundesregierung träumen", meinen die Kieler Nachrichten. Denn lediglich Prozentpunkte zu addieren, mache noch keine Mehrheit aus, "die politische Verantwortung übernehmen kann". Ganz im Gegenteil konstatiert das Blatt weiter: "Erhebliche Teile der Linken sind offensichtlich massiv überfordert, wenn sie mehr sein müssen als reine Protestpolitiker." Die Reaktion der Sozialdemokraten und Grünen zeige, dass sie die Botschaft der Unregierbarkeit mit den Linken erreicht habe. Ergo: "Viel wird deshalb bis zur nächsten Bundestagswahl von Ampel-, Jamaika- und Großen Koalitionen die Rede sein. Eine rot-rot-grüne Regierung jedoch, die dürfte es auch in den nächsten Jahren nicht geben."

"Dass sich die Linke am Ende partout nicht dazu durchringen konnte, den in der Öffentlichkeit so populären Präsidentschaftskandidaten zu wählen, dürften viele Menschen grimmig verfolgt haben", stimmt auch der Mannheimer Morgen in die Atmosphäre am Tag danach mit ein. Gauck wäre "das kleinere Übel" gewesen. Und hätte die Linke ihn gewählt, "wäre die historische Sensation vielleicht perfekt gewesen". Die Regierung zumindest hätte "am Rande des Zusammenbruchs gestanden". Doch das habe die Linkspartei nun gründlich vergeigt. Doch "Dank Gauck können sich SPD und Grüne nun prima von ihrer Konkurrenz am linken Rand abgrenzen".

Quelle: ntv.de, Zusammengestellt von Julia Kreutziger

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen