Ratgeber

Kunden kriegen Geld zurück Titan-Fahrradschloss ist Edel-Schrott

Ein Fahrradschloss, das absolute Sicherheit bietet, ist noch nicht erfunden. Das innovative Tigr Lock soll aber zumindest deutlich widerstandsfähiger sein als normale Bügelschlösser. 180 Euro rufen die Händler für das Titan-Modell auf und versprechen: Selbst ein Bolzenschneider kommt nicht durch. Jetzt macht die Stiftung Warentest die Probe.

Wer sein Fahrrad lange behalten will, der darf nicht am Schloss sparen. Mindestens zehn Prozent des Fahrradwerts sollte man investieren, rät der ADFC. Kein Problem mit dem "Tigr Lock" der US-Firma Stanton Concepts: 180 Euro kostet das edle Schloss - in seiner günstigsten Variante. Geld, das man sich sparen kann, so die Stiftung Warentest. Denn anders, als der Hersteller verspricht, hält das Schloss dem Bolzenschneider keineswegs unendlich stand, sondern maximal zehn Sekunden.

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Den Start schaffte das TiGr Lock über die Plattform Kickstarter.

Die Form des Tigr Lock erinnert an eine Haarnadel, die an den Enden zusammengehalten wird. Es ist flexibler als klassische Büg elschlösser und mit der langen Variante lassen sich Räder und Rahmen zusammen an einen festen Gegenstand anketten. Was das Tigr Lock so teuer macht, ist aber nicht das Design, sondern vor allem der Werkstoff, aus dem es hergestellt ist: Das Schloss besteht aus einer Titanlegierung. Und die ist nicht nur deutlich leichter als Stahl, sondern - angeblich - auch widerstandsfähiger.

Ein Video auf der Tigr-Lock-Seite soll das demonstrieren: Dort wird das Schloss mit einer Metallsäge bearbeitet und hält dabei über zweieinhalb Minuten stand, fast doppelt so lange wie ein normales Bügelschloss. Mit dem Winkelschleifer braucht der Tester im Video 46 Sekunden und damit dreimal so viel Zeit wie beim Bügelschloss. Und mit dem Bolzenscheider ist das Bügelschloss nach vier Sekunden geknackt, das Titanschloss hingegen bekommt zwar ein paar Spuren, lässt sich aber nicht öffnen. Das Material werde "nur gequetscht, aber nicht getrennt", erklärte Manufactum, einer der Händler, der das vermeintliche Super-Schloss in Deutschland verkauft hat.

Der feine Unterschied

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Die Volontärin knackte das Schloss in fünf Sekunden.

(Foto: Stiftung Warentest)

Was in der Werbung untergegangen ist: Das Schloss gibt es in zwei verschiedenen Stärken von 32 und 19 Millimetern. Und zumindest  für die dünnere Variante treffen die vollmundigen Versprechen nicht im Mindesten zu, wie die St iftung Warentest festgestellt hat: Drei Schlösser für je 180 Euro haben sich die Tester bestellt und dem Bolzenschneider-Test unterzogen. Mit der wuchtigsten Variante des Werkzeugs knackte selbst die Redaktionsvolontärin das angeblich unzerstörbare Tigr Lock in fünf Sekunden. Den Videobeweis hat die Stiftung Warentest auf Youtube veröffentlicht. Auch mit kleineren Bolzenschneidern war das Schloss schon nach wenigen Sekunden zerstört.

Der Hersteller reagiert auf die Erkenntnisse der deutschen Verbraucherschützer mit einem Statement auf seiner Facebook-Seite: "Kein Schloss ist unzerstörbar. Wir haben auch nie etwas anderes behauptet." Im Video auf der Firmenwebsite sei das Schloss in der 32-Millimeter-Version zu sehen. Und die sei wesentlich schwerer kaputtzukriegen als die dünnere Variante, schließlich müssten die Diebe hier 67 Prozent mehr Material durchdringen. Das dickere Schloss sei auch durch die renommierte niederländische ART Foundation zertifiziert, die Schlösser für Versicherungen und Kunden auf ihre Diebstahlsicherheit überprüft. Die 19-Millimeter-Variante hingegen sei "für bestimmte Angriffe" anfälliger - auch für den Bolzenschneider.

Bügelschlösser sind am sichersten

Diese Unterschiede dürften allerdings den wenigsten Kunden bewusst gewesen sein, die 180 Euro für das leichte Edelschloss ausgegeben haben. Die Stanton-Concepts-Vertriebspartner Manufactum und Spybike haben das schmale Tigr Lock inzwischen aus dem Sortiment genommen. "Wir bitten um Verzeihung, dass wir in diesem Fall den pauschalen Aussagen des Herstellers zu sehr vertraut haben", entschuldigt sich Spybike auf seiner Webseite. Alle Kunden, die die 19-Millimeter-Variante gekauft haben, könnten ihr Geld zurückverlangen oder das Schloss kostenlos gegen die dickere Variante eintauschen. Manufactum, wo nur das schmale Schloss angeboten wurde, will den Käufern den Betrag gutschreiben.

Dass man auch für einen Bruchteil des Geldes brauchbare Fahrradschlösser bekommt, hat die Stiftung Warentest bei ihrem letzten Test im April festgestellt: Das günstigste "gute" Schloss, das Abus Sinero, kostet gerade mal 40 Euro. Noch etwas besser und sicherer waren die teureren Bügelschlösser im Test, allen voran das Strongman von Knog für rund 85 Euro. Auch die beiden Granit-Plus-Modelle von Abus, die zwischen 75 und 80 Euro zu haben sind, konnten überzeugen. Wer lieber ein flexibles Schloss möchte, mit dem sich Rahmen und Laufräder zusammen anketten lassen, muss mehr Geld ausgeben: Das einzige Modell, das "gut" abgeschnitten hat, ist das Abus Bordo Granit X-Plus für rund 120 Euro.

Quelle: ntv.de, ino